13.08.2007, 20:48
Agenda: Das Eis ist heiß
Dossier
Der Klimawandel lässt die Anrainerstaaten des Nordpols verrückt spielen: In der Hoffnung auf schmelzendes Eis und neue Rohstoffe stecken sie ihre Claims ab. Im Vordergrund steht die Show - die Erwartungen sind überzogen.
von Claus Hecking und Andrzej Rybak (Hamburg)
Die Bilder waren zu schön, um wahr zu sein. Einträchtig gleiten die russischen Mini-U-Boote "Mir-1" und "Mir-2" durch die arktischen Gewässer; minutiös suchen ihre Scheinwerfer den Sandboden ab - und selbst in 4200 Metern Tiefe leuchtet der Kameramann alles noch hollywoodverdächtig aus.
Der Greifarm eines russisches Mini-U-Boot stellt die russische Flagge auf dem Meeresboden unter der Arktis auf
Diese Szene ging in der vergangenen Woche um die Welt, verbreitet von TV-Sendern aller Herren Länder, die über Russlands aufsehenerregende Polarmission berichteten. Nur einem 13-jährigen Finnen kam sie allzu filmreif vor. Waltteri Seretin kramte im heimischen Videoarchiv, legte "Titanic" in den Rekorder - und entdeckte, dass die U-Boot-Szene tatsächlich aus dem Blockbuster stammte. Die Bildagentur Reuters hatte versehentlich Material eines russischen Fernsehsenders übernommen, der die "Titanic"-Szene zur besseren Illustration der Expedition eingeschnitten hatte.
Die Manipulation ist untergegangen im Hype um die weiß-blau-rote Titanflagge, die Russland in den Meeresboden unter dem geografischen Nordpol gerammt hat. Unwichtig, so scheint es, denn längst geht die Show weiter: Erst eilt Kanadas Premierminister Stephen Harper nach Resolute Bay, 595 Kilometer südlich vom Nordpol, sieht die "territoriale Integrität" seines Staates bedroht und kündigt die Stationierung neuer Truppen in der Arktis an. Es folgt Dänemark: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wird ein Forschungsschiff zum Pol geschickt. Und schließlich wieder die Russen, die schon ihre nächste Untersuchung im Nordpolarmeer starten.
Polares Pokerspiel
Eiskalter Krieg am NordpolAm Nordpol, so scheint es, hat ein eiskalter Krieg begonnen. Die fünf Arktis-Anrainer Russland, Kanada, USA, Norwegen und Dänemark (als Souverän über Grönland) rangeln um eine der letzten Regionen der Erde, die noch nicht aufgeteilt ist. Die Aussicht, dass das ewige Eis wegen des Klimawandels tauen und möglicherweise große Rohstoffvorkommen freigeben könnte, schürt ganz neue Verteilungskämpfe.
| Polares Pokerspiel |
| Ungeliebte Nachbarn Alle Arktis-Anrainer streiten miteinander über den Verlauf ihrer Seegrenzen. Absurdester Zankapfel: Die unbewohnte Hans-Insel, um die Kanada und Dänemark rangeln. |
| Ansprüche Moskau und Oslo wollen die Arktis in Sektoren aufteilen, die von den Schelfgrenzen bis zum Nordpol reichen (rote Linie). Dänemark und Kanada bestehen auf Grenzen entlang der Mittellinien. |
| Erderwärmung Die steigenden Temperaturen lassen die Eiskappe um den Nordpol schmelzen. Wissenschaftler befürchten, dass die Arktis schon 2040 fast komplett eisfrei werden könnte. Damit wäre die Ausbeutung der Rohstoffe einfacher. |
Die Staaten versuchen bereits jetzt, ihre Claims abzustecken. Dass die Bodenschätze auch gehoben werden müssen, ist Nebensache. "Wir müssen zeigen, dass das Gebiet uns gehört", fordert Alexander Brinken von der Russischen Geographischen Gesellschaft. "Es wäre falsch, wenn Australier in unserer Arktis nach Öl bohren."
Teil 2: Man lässt die Muskeln spielen
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Aus der FTD vom 14.08.2007
© 2007 Financial Times Deutschland