FTD.de » Politik » International » Die 236.233 Facebook-Fans des Herrn Baradei

Merken   Drucken   17.05.2010, 14:28 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die 236.233 Facebook-Fans des Herrn Baradei

Mohamed El Baradei ist in seiner Heimat der Held einer rasant wachsenden Internetgemeinde. Das wird für Präsident Mubarak und sein starres System zum Problem. Er kann seinen Herausforderer nicht einfach verhaften - der Träger des Friedensnobelpreises ist zu bekannt. von Silke Mertins, Kairo
Mahmud Adel al-Hetta hat immer seinen Laptop dabei. So kann sich der 22-jährige Student jederzeit vergewissern, dass er nicht träumt: Die Facebook-Seite, die er für den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen Direktor der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), Mohamed El Baradei, gegründet hat, zählt bereits 236.233 Fans. Und jeden Tag kommen neue Mitglieder hinzu, die sich den Diplomaten als ägyptischen Präsidenten wünschen. "Ich habe es nicht erwartet", sagt der junge al-Hetta. "Aber ich habe es gehofft. El Baradei ist ein Symbol für Veränderung."
Der Ägypter Mohamed El Baradei ist überzeugt, dass sein Land ...   Der Ägypter Mohamed El Baradei ist überzeugt, dass sein Land bereit für die Demokratie ist
Al-Hetta gehörte bisher zur schweigenden Mehrheit der jungen Generation Ägyptens. Er ist noch nie politisch aktiv gewesen. Doch als Anfang des Jahres die Rückkehr El Baradeis in seine Heimat näher rückte, "wollte ich etwas für mein Land tun", sagt er.
Ihm kam die Idee einer Facebook-Fanseite. "Am Anfang nahm die Zahl der Mitglieder ganz langsam zu, aber nach den ersten großen Interviews waren es schon 50.000, und es wurden immer mehr." Seitdem ist al-Hettas Leben hektisch geworden. Neben Studium und Job betreut er die Internetseite, koordiniert Fantreffen und organisiert Aktionen wie etwa die Begrüßung El Baradeis am Flughafen im Februar, zu der Tausende Menschen kamen.
Die Radiologin Dina Amin hat al-Hetta auf einem Treffen der Facebook-Fans kennengelernt Sie gehört inzwischen zum harten Kern der Unterstützer. Im Café Cilantro nahe der Amerikanischen Universität im Zentrum Kairos besprechen die beiden Termine und neue Aktionen. Die junge Ärztin, die Lippenstift statt Kopftuch trägt, wünscht sich für Ägypten vor allem eines: mehr Freiheit. Auf dem Computer sehen sie sich Fotos an, auf denen sie mit El Baradei vor dem Swimmingpool seines Hauses am Rande Kairos zu sehen sind.
Der Hausherr hatte eine Delegation der Facebook-Fans zu sich eingeladen. "Er ist sehr bescheiden und aufmerksam, ein guter Zuhörer", sagt al-Hetta. "Für mich ist er ein Held", schwärmt Dina Amin. "Er hat mich schon immer beeindruckt. Jahrelang hat man uns weismachen wollen, dass wir in Ägypten nur die Wahl haben zwischen Diktatur und der Theokratie, die die Muslimbrüder wollen. Jetzt haben wir eine Alternative."
Garant für die Stabilität
Die Generation von al-Hetta und Amin hat als Präsidenten immer nur einen gekannt: Hosni Mubarak. Der Generalleutnant und ehemalige Kampfflieger gilt dem Westen als Garant für Stabilität und Frieden mit Israel. Er hält die Islamisten in Schach und regiert das Land, das für die Stabilität des Nahen Ostens eine zentrale Rolle spielt, mit eiserner Hand. Seit 29 Jahren herrscht Kriegsrecht. Eine ernsthafte Opposition hat sich seit seinem Amtsantritt 1981 nicht gerührt. Politisch war Ägypten erstarrt.
Bis El Baradei auf der Bildfläche erschien. "Ägypten braucht Reformen", sagte er schon kurz vor seiner Pensionierung bei der IAEA Ende 2009. Über zwölf Jahre lang war El Baradei das Gesicht der Uno-Behörde, die weltweit die Nutzung der Kernenergie überwacht. Nicht selten stand er in der Kritik, die vor allem aus den USA und Israel kam. Zeitweise kam der gelernte Jurist fast täglich in den Nachrichten zu Wort.
Statt seinen Ruhestand nun schweigend in Südfrankreich zu verbringen, fordert er echte Demokratie. "Die Ägypter verdienen etwas Besseres als das, was wir heute haben." Dabei wolle und müsse er helfen. "Es haben mich so viele Menschen gefragt, ja geradezu darauf bestanden, dass ich mich politisch einbringe, dass ich Ja sagen muss", sagt El Baradei. Doch das gehe nur, wenn faire Wahlen möglich seien. Die Spielregeln müssten geändert werden, um unabhängige Kandidaten wie ihn zuzulassen.
Die Ohrfeige saß. Der alternde Mubarak war über die Forderungen seines berühmten Landsmanns überhaupt nicht erfreut. Er hatte alles schon so schön geplant. Mit seinen 82 Jahren wollte er so langsam den Stab an seinen jüngeren Sohn Gamal weiterreichen, einem unscheinbaren Banker, den er bereits seit zehn Jahren als Nachfolger aufbaut. Diese monarchische Erbschaftsregelung kann Mubarak nun vergessen. Zum ersten Mal seit fast 30 Jahren steht der Machterhalt des Mubarak-Clans infrage. Es brodelt unter der Oberfläche. "El Baradei ist eine echte Herausforderung", sagt Mustafa Kamal al-Sajef von der Amerikanischen Universität. "Nicht unbedingt, was seine Möglichkeiten angeht, die Wahlen gegen die Nationaldemokratische Partei (NDP) zu gewinnen, sondern seine Überlegenheit an Prestige und Anerkennung national und international."

Teil 2: Hohe Hürden für El Baradei

  • Aus der FTD vom 18.05.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Massaker in Syrien: Russen, bewegt euch endlich!

    Russland stand bisher fest an der Seite des Assad-Regimes. Ob mit Waffen oder mit politischer Rückendeckung, Syrien konnte auf die Russen zählen. Das sollte Moskau schleunigst ändern. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote