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  08.12.2008, 18:48    

Agenda: Die Angst erfasst Japan

Dossier Japans Export bricht ein, Hunderttausende bangen um ihre Jobs. Die Weltwirtschaftskrise treibt das Land an den Rand der Panik - denn noch immer ist nicht einmal die Krise der 90er überstanden.

von Martin Kölling (Tokio) und Claus Hecking (Hamburg)
Karl Marx ist zurück. Zumindest in Japan. Dort erscheint in wenigen Tagen eine Neuauflage seines Klassikers "Das Kapital" - als Manga-Comic. Schon jetzt ist klar: Es wird ein Bestseller werden. Denn antikapitalistische Literatur ist in Japan gerade ziemlich angesagt. Das 1929 erschienene Klassenkampf-Epos "Karnikosen" des sozialistischen Autors Takiji Kobayashi hat sich seit Januar schon mehr als 700.000-mal verkauft; früher fanden sich pro Jahr keine 5000 Abnehmer für die Geschichte über meuternde Matrosen auf einem Krabbenkutter. Und auch das Werk des ehemaligen Goldman-Sachs-Bankers Hideki Mitani mit dem Titel "Gieriger Kapitalismus und die Selbstzerstörung der Wall Street" verkauft sich zurzeit wie geschnitten Sushi.
Ein Linksruck geht durch Japan. Die Weltwirtschaftskrise trifft das Land wie kaum ein zweites. Hunderttausende Japaner bangen um ihre Jobs. Wirtschaftsminister Kaoru Yosano warnt vor einer Deflation. Das Forschungsinstitut der Finanzgruppe Mizuho rechnet für 2008 und 2009 mit einer Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts. Und immer mehr Firmenchefs wissen sich kaum mehr zu helfen: "Wir stehen vor einer Krise, wie sie unsere Wirtschaft noch nicht gesehen hat", sagt Makoto Kawamura, Chef des Drucker- und Elektronikbauteile-Herstellers Kyocera .
Abgekämpft - Japan hat der Krise nicht mehr viel entgegenzusetzen   Abgekämpft - Japan hat der Krise nicht mehr viel entgegenzusetzen
Rezessionen hat Japan schon einige durchgemacht: vier allein seit Beginn der 90er. Damals platzten die großen Blasen am Aktien- und Immobilienmarkt, das Land stürzte in eine jahrelange Depression. Doch selbst da schien die Lage nicht so hoffnungslos wie heute. Anders als die meisten Industrienationen hat Japan kaum noch Möglichkeiten, auf den Abschwung zu reagieren. In ihrem jahrelangen Kampf gegen all die Krisen hat die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde ihr Pulver verschossen.
"Die Krise der 90er-Jahre war eine des Binnenmarkts, und wirklich gelöst hat man die Probleme bis heute nicht", sagt Stefan Schneider, Konjunkturexperte der Deutschen Bank. "Jetzt kommt auch noch das zweite Standbein der Wirtschaft unter die Räder: der Exportsektor."
Das Auslandsgeschäft war bisher die Rettung für die japanische Industrie. Die vergangenen Krisen haben das Vertrauen im Land zerstört; Millionen von Japanern horten ihr Geld, um für die nächste Krise gerüstet zu sein, statt es auszugeben. Fast das gesamte Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre wurde im Export geschaffen; einige Topkonzerne erwirtschaften dort bis zu 98 Prozent ihrer Gewinne.
Nun aber gefährden zwei Trends das Exportgeschäft: Zum einen bricht in der Krisenzeit die Nachfrage nach japanischen Produkten ein, nach Elektrogeräten, Autos und Computern. Zum anderen explodiert der Wert der Landeswährung. Der Grund: das Ende der globalen Spekulationswelle, die oft über billige Yen-Kredite finanziert wurde. Gegenüber dem Euro hat der Wert des Yen seit August 30 Prozent zugelegt; entsprechend verteuern sich japanische Güter oder müssen die Produzenten ihre Margen senken. "Keine Volkswirtschaft der Welt hält so eine Blitzaufwertung aus", sagt der frühere stellvertretende Finanzminister Eisuke Sakakibara.

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