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Merken   Drucken   09.05.2012, 21:00 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die ETA-Krieger sind müde  

Über fünf Jahrzehnte wurde Spanien vom Terror der ETA erschüttert. Nun könnte es im Schatten der größten Wirtschaftskrise erstmals Frieden geben. Über eine Zeitenwende.
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Premium Über fünf Jahrzehnte wurde Spanien vom Terror der ETA erschüttert. Nun könnte es im Schatten der größten Wirtschaftskrise erstmals Frieden geben. Über eine Zeitenwende.
von Birgit Jennen, Pamplona/Madrid

Zwei Tische weiter in der sonst menschenleeren Tapasbar blättert ein älterer Mann in einer Zeitung. Txelui Moreno wird nervös, er schaut rüber, eine alte Gewohnheit. Der Mann stört ihn. Schnell zieht er den Reißverschluss seiner schwarzen Tasche zu und verschwindet in einen spärlich beleuchteten Keller. In den Untergrund.

Kühl ist es dort und ungemütlich. Moreno setzt sich an einen der schweren Holztische. Blass und müde wirkt der bullige Mann im gelben Kellerlicht. Er nickt dem Kellner geheimnisvoll zu, der einen der rumstehenden Bierkästen holt. Und dann erzählt er von dem alten Traum, den sie sich in den Kellerräumen Pamplonas seit Jahrhunderten erzählen. Es ist der Traum eines unabhängigen baskischen Reichs. "Wir sind anders als die Spanier", raunt Moreno, "Navarra war einst ein Königreich. Wir halten zusammen."

Es klingt, als wäre das vor 500 Jahren erloschene Reich erst gestern von den Spaniern erobert worden. Moreno erzählt von Größe und Stolz, von brutaler Gewalt und Toten, von der ETA. Txelui Moreno, 52 Jahre alt, sagt: "Ich habe mein Leben lang nichts anderes gewollt als die Unabhängigkeit des Baskenlands." Jetzt will er Frieden.

Demonstration im Baskenland   Demonstration im Baskenland

In Madrid, 450 Kilometer südlich, sitzt Sabino Cuadra in einem gut neun Quadratmeter großen Büro. Sein Schreibtisch glänzt, so neu ist er. Auf der Tischplatte liegen zwei sauber geheftete Blätter, der Terminkalender des Parlaments. Er muss gleich wieder los, die Debatte geht weiter. Früher saß der 62-Jährige mit Moreno in den dunklen Räumen des Baskenlands, beschattet von der Polizei. Seit vergangenem Herbst ist er Abgeordneter im Kongress, als Mitglied der baskischen Separatistenbewegung Izquierda Abertzale, des politischen Arms der ETA. Auch er will den Frieden. "Mein Leben hat sich völlig verändert", sagt er. "Ist schon merkwürdig, wie so etwas plötzlich passiert."

Spanien erlebt eine Zeitenwende. Dem Land eröffnet sich mitten in der größten wirtschaftlichen Krise politisch eine neue Zukunft - ohne Gewalt, ohne Angst, ohne ETA. Mögen Massenarbeitslosigkeit und Bankenkrise die spanische Gesellschaft ökonomisch vor eine Zerreißprobe stellen - der Terrorismus, der das Land über fünf Jahrzehnte erschütterte und lähmte, er könnte in ihrem Schatten endgültig besiegt werden.

Niemand kann es genau wissen, aber viele im Land hoffen. Ausgerechnet jetzt, wo alles nur schlecht erscheint, wo das einst so stolze Spanien abstürzt in Hoffnungslosigkeit und Selbstzweifel, gibt das Ende der ETA dem Land neue Kraft. Denn dieses Mal scheinen es die Separatisten wirklich ernst zu meinen. Moreno und Cuadra sind ihre beiden Gesichter. Der eine hütet in Pamplona die Geschichte des Befreiungskampfs. Der andere will in Madrid eine neue Geschichte schreiben. Und beide wollen Frieden. Endlich.

Euskadi ta Askatasuna, Baskenland und Freiheit, kurz: ETA, wurde 1959 von Studenten gegründet, um gegen die Franco-Diktatur zu rebellieren. Entführungen, Banküberfälle, Autobomben - die ETA überzog das Land mit Terror. Nach dem Ende des Franco-Regimes kämpfte sie gegen die junge Demokratie. Politiker, Richter, Polizisten und Unternehmer wurden entführt, in dunkle Verliese gesteckt und getötet. Mehr als 800 Menschen starben durch Anschläge und Todeskommandos. Die ETA unterwanderte die Wirtschaft, presste Unternehmern "Revolutionssteuern" ab. "In den letzten Jahrzehnten war alles verseucht", sagt Patxi López, Ministerpräsident der Region Baskenland. "Die Wirtschaft, die Investitionen - alles wurde durch die Existenz dieser Terrorbande bedroht."

Versuche eines Friedensprozesses platzten immer wieder, zuletzt 2006 mit dem Attentat auf den Flughafen Barajas in Madrid, bei dem zwei Menschen starben und 26 verletzt wurden.

Der Staat reagierte mit Härte und setzte auf Zermürbung, der damalige Ministerpräsident José Luis Zapatero versprach die "strikte Anwendung des Rechtsstaates". Es kam zu Massenverhaftungen, der Rückhalt in der baskischen Bevölkerung sank. Gleichzeitig schwächte die Finanzkrise die ETA finanziell. Immer wieder gelang es der Polizei, führende Köpfe der Bewegung zu verhaften. Auch Moreno musste für drei Tage ins Gefängnis.

Ob er ein Mitglied der ETA war? Moreno schweigt und sagt irgendwann: "Im Oktober 1959 wurde ich geboren, im gleichen Jahr ist die ETA gegründet worden." Er habe früher an Gewalt als Mittel zum Zweck geglaubt. "Weil man mir aber nichts nachweisen konnte, haben sie meinen Sohn verhaftet", sagt er verbittert. Sein Sohn hat sich wie er in der Bewegung engagiert, seit Monaten sitzt er nun im Gefängnis. "Es war das Schlimmste, was mir passieren konnte", sagt Moreno. "Es hat mein Leben verändert." Und seine Haltung. "Irgendwann haben wir umgedacht, irgendwann sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass Gewalt nicht zum Ziel führt."

Die ETA war personell, moralisch und finanziell geschwächt, viele Unschuldige saßen im Gefängnis. Und vom Ziel eines unabhängigen Baskenlands war sie weiter weg als je zuvor. In Kulturvereinen und Kellern trafen sich einzelne Gruppen, Pamphlete kursierten, immer ging es um die Frage: Gewalt oder keine Gewalt? Es war ein tiefgreifender Wandel, der die ganze Bewegung erfasste, ein Umdenken. Und Moreno predigte beides: ein unabhängiges Baskenland und Frieden.

Schließlich kam es zum Votum für den Frieden. Jede einzelne Gruppe stimmte irgendwo in einem Keller oder Hinterzimmer ab. Aus der Separatistenbewegung Izquierda Abertzale wurde eine Art Friedensbewegung. Moreno wurde ihr Sprecher.

Doch nach Madrid schickten sie einen anderen: einen Saubermann, dem keine ETA-Verbindung nachgesagt werden kann. "Sabino Cuadra war eigentlich nie einer von uns", sagt Moreno. "Er war eigentlich immer mehr nur ein Linker." Es klingt, als trennten sie Welten, dabei sprechen sie die gleiche Sprache, wünschen sich beide die baskische Einheit. Nur eines unterscheidet sie: "Ich war immer gegen Gewalt", sagt Cuadra. Er wird wütend, wenn man ihn fragt, ob er nicht auch als politischer Aktivist der ETA gefährlich nahe gekommen sei.

Cuadra ist Pensionär, er arbeitete als Verwaltungsfunktionär, engagierte sich bei den Gewerkschaften und später bei den baskischen Aktivisten. Er war eine Randfigur in den Zeiten des Terrors. Jetzt ist er der neue Mann der Separatisten, ihr Vorzeigegesicht, Botschafter einer neuen Zeit.

Was ist geschehen? Am 20. Oktober 2011 tauchte eine Videobotschaft auf, gespenstisch inszeniert verlasen drei mit weißen Kapuzen vermummte ETA-Gestalten ein "klares, festes und endgültiges Bekenntnis ... den bewaffneten Konflikt zu überwinden". Ohne Bedingungen. Es war eine historische Wende. Spaniens größte Tageszeitung "El País" kommentierte noch am selben Abend: "Die spanische Demokratie hat gegen die Fanatiker gesiegt", eine "neue Zeit" sei angebrochen.

"Es wird keine Gewalt mehr geben", sagt Cuadra. Jetzt soll es um andere Fragen gehen. Er will mit der Regierung verhandeln, ein Stück Vergangenheit rückgängig machen, will, dass Alte und Kranke unter den rund 700 ETA-Gefangenen freigelassen, die anderen in die Heimat verlegt werden. Nach dem Ende der Gewalt sei nun die Regierung am Zug, sagt Cuadra. "Frieden ist ein langer Weg. Und diesen Weg müssen beide Seiten gehen."

Als wenn das so einfach wäre. Vergangenheit und Zukunft liegen nahe beieinander, das Misstrauen ist noch groß. Immer wieder versuche er in den Fluren des Kongresses Gespräche einzufädeln, klagt Cuadra. "Keine Chance. Wo sie können, legen sie uns Steine in den Weg. Sogar unsere Redezeiten werden begrenzt." Seine Partei Sortu ist immer noch nicht legal anerkannt. Für die Regierung sind Leute wie er immer noch Komplizen des Terrors.

Bis heute hat die ETA sich nicht aufgelöst, bis heute hat sie die Waffen nicht niedergelegt. "Mit der ETA gibt es nichts zu besprechen", sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy immer wieder. "Wir wollen, dass die ETA aufgelöst wird."

Dann, vor zwei Wochen, die Sensation. "Wir wollen, dass die ETA aufgelöst wird", sagte Rajoy zwar wieder. Doch dieses Mal ging er auf Forderungen der Separatisten ein. Einige Häftlinge sollen in baskische Gefängnisse verlegt werden, näher zu ihren Familien. Einige sollen in die Gesellschaft eingegliedert werden, es soll Workshops geben, auch Ausgang. Es sei ein "Sieg der Demokratie über die Terrororganisation", so Rajoy. Die Verbände der ETA-Opfer werfen ihm "Verrat" vor. Doch Rajoy bleibt hart. Er will inmitten einer dunklen Zeit ein Hoffnungszeichen für sein Land. Er will Frieden.

Genau wie Moreno und Cuadra. Der eine will persönlichen Frieden, der andere politischen. Der eine fährt jedes zweite Wochenende von Pamplona nach Madrid, um seinen Sohn zu sehen, für 40 Minuten hinter einer Glasscheibe. Der andere, um an den Sitzungen des Parlaments teilzunehmen. In einem Jahr, hofft Moreno, sei sein Sohn frei. Dann ziehe er in die Berge. Und Cuadra hofft, dass die Sondergesetze gegen Terroristen aufgehoben werden. Es müsse endlich Demokratie herrschen, endlich eine neue Zeit, nach 50 Jahren.

  • Aus der FTD vom 10.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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