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Merken   Drucken   19.01.2009, 19:01 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die Hände zum Himmel

Dossier Zu Barack Obamas Amtseinführung verwandelt sich Washington in eine Partymeile. Schulmädchen, Rapper und Pastoren feiern euphorisch ihren neuen Präsidenten. Die harte Realität wird verdrängt - zumindest bis Mittwoch. von Matthias Ruch (Washington)
Da liegen sie nun eng an eng auf dem Wohnzimmerboden. Sechs katholische Schulmädchen aus San Francisco im fernen Kalifornien, eingerollt in ihre Schlafsäcke, die sie zuvor per Post nach Washington geschickt haben. Die 14- bis 17-jährigen Schülerinnen der katholischen Nonnenschule Immaculate Conception Academy wollen am Dienstag ein Stück amerikanischer Geschichte erleben. Dabei sein, wenn ihr Held den Amtseid spricht und dann mit seiner Familie offiziell ins Weiße Haus einzieht.
Die Nacht wird kurz. Schon um vier Uhr morgens wird der Wecker die Mädchen aus ihren Träumen reißen. Früh um fünf wollen sie mit der U-Bahn zum Kapitol fahren, um sich die besten Plätze für die große Schau zu sichern. "Obama zeigt, dass man im Leben alles erreichen kann, wenn man sich nur anstrengt", hat Jessica Lacayo am Abend gesagt. Die Tochter lateinamerikanischer Einwanderer geht in die zehnte Klasse und hofft, dass auch ihr in Zukunft alle Wege offenstehen - so wie Obama .
Aus allen Teilen der USA pilgern die Amerikaner in ihre Hauptstadt. Mehr als zwei Millionen Gäste werden erwartet, seit Monaten bereitet sich Washington auf den Ansturm vor. "In den mehr als 20 Jahren, die ich hier lebe, habe ich noch nie so viel Aufregung, Hoffnung und Erwartung bei der Amtseinführung eines neuen Präsidenten erlebt", sagt Francis Harden, die Gastgeberin der sechs Kalifornierinnen. Vor einigen Jahrzehnten hat die 66-Jährige selbst ihren Abschluss an der Immaculate Conception Academy gemacht.
Bilderserie Bilderserie: Washington im Ausnahmezustand
Hätte Harden die Mädchen nicht aufgenommen, hätten sie ihre Reise wohl streichen müssen. Hotels und Pensionen sind seit Wochen im gesamten Umland restlos ausgebucht, sämtliche Sicherheitsdienste stehen in Alarmbereitschaft. Der Secret Service hat das Kommando übernommen, insgesamt 58 Behörden arbeiten zusammen, um einen Anschlag auf den Hoffnungsträger der Nation zu verhindern.
Der Trubel rund um Obama, die pompösen Feierlichkeiten zu seiner Amtsübernahme und das viertägige Rahmenprogramm sind größer als alles, was frühere US-Präsidenten erlebt haben. Bereits am Sonntag kamen Hunderttausende Menschen zur Mall vor dem Kapitol, wo sich Obama von Prominenten feiern ließ. Golfprofi Tiger Woods, die Schauspieler Denzel Washington und Tom Hanks, Musiker wie Bruce Springsteen, Stevie Wonder und Shakira: Wer immer in diesen Tagen ins Rampenlicht will, schart sich um den künftigen Präsidenten. "Obama wird seine Sache sicher ganz großartig machen", schwärmt die Hollywood-Schauspielerin Angelina Jolie - und bietet ihre Hilfe an: "Wir werden ihn unterstützen. Gemeinsam schaffen wir es."
Optimismus statt Krisenstimmung, Partylaune statt Politik. An diesem Dienstag will Washington nichts hören von der dramatischen Wirtschaftskrise, der bedrohlichen Staatsverschuldung, der steigenden Arbeitslosigkeit oder vom Krieg im Irak. Washington will einfach nur feiern, den Regierungswechsel vor den Augen der Welt perfekt inszenieren und seinen neuen Superstar hochleben lassen.

Teil 2: Wo die Cheerleader auftreten, wird alles gut

  • Aus der FTD vom 20.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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