Diese Stille. Sie irritiert, passt nicht zu Dubai, diesem lauten, überfüllten Betonmoloch. Verstummt ist das Gehämmer, Gebagger, Geschrei der Arbeiter. Erstarrt stehen Kräne und Bagger in Kilometern Einöde. Gelangweilt betrachtet ein Wachmann den Dreck unter seinen Fingernägeln.
Ein einziges Fahrzeug hat in der vergangenen halben Stunde den Checkpoint zur Palm Deira passiert, dem gigantischsten Bauprojekt, das Dubais Gigantomanen je in Angriff genommen haben. Als "achtes Weltwunder" haben sie die neue Palme angepriesen. 12,5 Kilometer sollte die künstliche Insel ins Meer ragen, achtmal so groß wie die berühmte erste Palme werden, einer Million Menschen Lebensraum bieten. Sie sollte der Welt zeigen, wozu Dubai fähig ist. Sollte.
An diesem Nachmittag hört man den Wind über die verlassene Baustelle hinterm Zaun streichen. Im Staub liegt ein zertrampeltes Banner des Bauherrn Nakheel. Dem staatlichen Immobilienkonzern geht es nicht gut. So schlecht, dass er die Arbeiten an Palm Deira zurückfahren muss. "Der Umfang unserer Projekte", zitiert der Branchendienst New Civil Engineer einen Firmensprecher, "ändert sich jetzt mit den Marktbedingungen." Und die trüben sich gerade dramatisch ein. Nakheel-Gläubiger, die ihre Anleihen gegen Ausfall absichern wollten, mussten dafür zuletzt bis zu 20 Prozent der Kreditsumme hinblättern.
Die Zweifel wachsen: an der Zahlungsfähigkeit von Dubais einstigem Paradeunternehmen. Und am Erfolgsmodell Dubai selbst. Die Finanzkrise setzt ihr zu, der einstigen Wüstenoase, die sich in drei Jahrzehnten in eine Weltmetropole verwandelt hat. Plötzlich stehen Mammutvorhaben wie die neue Palme serienweise auf der Kippe, der Immobilienmarkt vor dem Einbruch. Dubai bangt um seinen Ruf als Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten.
"Wir beobachten den Rückzug der Kredite sowohl von internationalen wie auch lokalen Banken", sagt Zahed Chowdhury, Chefstratege der Deutschen Bank für den Mittleren Osten. "In einer solchen Situation ist Dubai noch nie gewesen." Eckart Woertz sieht die Lage noch düsterer. "Dubai ist extrem schuldenfinanziert, die Wirtschaft hier hat einen heißen Reifen gefahren", sagt der Chefökonom des Gulf Research Center. "Massive Einschnitte" stünden bevor: "Die Zeit der Prestigeprojekte ist zu Ende, bei denen Geld scheinbar keine Rolle spielte."
Dabei haben diese Prestigeprojekte Dubai zu dem gemacht, was es heute ist: die Handelsdrehscheibe zwischen Europa, Asien und Afrika. Alles begann Mitte der 70er-Jahre, als die Herrscherfamilie Al Maktum erkannte, dass ihr Öl schnell zur Neige gehen würde - und einen tollkühnen Plan entwickelte: Ihr kleines Dubai sollte Wirtschafts-, Finanz- und Verkehrszentrum der arabischen Welt werden. Was haben die arabischen Nachbarstaaten gelacht, als dieses abgelegene Wüstenkaff einen scheinbar heillos überdimensionierten Hafen baute, eine internationale Fluglinie eröffnete, ein 320 Meter hohes Luxushotel ins Nirgendwo setzte. Heute ist der Jebel Ali dem Andrang der Containerschiffe nicht mehr gewachsen, Emirates Airlines eine der profitabelsten Fluggesellschaften der Erde, das Burj Al Arab fast permanent ausgebucht.