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Merken   Drucken   28.06.2004, 20:07 Schriftgröße: AAA

Agenda: Ein bisschen Freiheit für den Irak

Seit Montag führt eine irakische Übergangsregierung die Geschäfte - noch wichtiger als Wahlen und der endgültige Abzug der Besatzer ist den Irakern die Rückkehr der Sicherheit. von Mark Turner, Inga Rogg und Andrzej Rybak
Midhat al-Mahmoudi, (li), Ijad Allawi, (m) und Paul Bremer bei der ...   Midhat al-Mahmoudi, (li), Ijad Allawi, (m) und Paul Bremer bei der Machtübergabe
Keine jubelnden Menschen, keine Fahnen, keine Freudenschüsse. Auf den Straßen von Bagdad deutet nichts darauf hin, wie bedeutsam dieser Montag ist. Zwei Tage eher als geplant haben die Amerikaner Irak seine Souveränität zurückgegeben. Um 10.26 Uhr Ortszeit übergibt der US-Zivilverwalter Paul Bremer ein Schreiben an Premier Ijad Allawi, in dem die Wiederherstellung der Souveränität festgehalten wird. Unmittelbar nach der schlichten Zeremonie verlässt der Amerikaner das Land. "Dies ist ein historischer Tag, ein glücklicher Tag", sagt der irakische Präsident Ghasi al-Jawar.
Ein glücklicher, ein historischer Tag? Hothame Khalid bleibt skeptisch. Das werde die Geschichte erweisen, sagt der Mediziner aus Bagdad. Ein Rest Optimismus bleibt: "Man muss einfach hoffen." Wer sich im Land umhört an diesem verblüffend unaufgeregten Tag, begreift schnell, dass die Hoffnung drei Stufen hat: Erst muss Sicherheit her, dann eine gewählte Regierung, dann müssen die Besatzer gehen. Endgültig.
Nach den Bombenanschlägen der vergangenen Wochen ist niemandem in Bagdad nach Feiern zumute. Nicht nur Khalid wartet auf den Tag, an dem "man unbekümmert mit der Familie spazieren kann". Wassan Ihsan versucht es, spendiert ihrem Sohn ein Eis. "Wir wollen nur Ruhe", sagt sie. Als es hinter ihr kracht, geht sofort ihre Hand zur Brust, scharf atmet sie ein: "Es ist ein Abenteuer, Eis essen zu gehen."
Premier setzt Zeichen
Der neue Premier weiß, dass er Zeichen setzen muss. Bereits am Sonntag nahm die Polizei in Betawin, im Rotlichtmilieu von Bagdad, 150 mutmaßliche Diebe, Hehler und andere Kriminelle fest. So etwas kommt an bei den Irakern. In seiner Antrittsrede setzt Allawi noch einen drauf: "Ich warne die Kräfte des Terrors", sagt er. "Wir werden nicht vergessen, wer während dieser Krise gegen uns und wer auf unserer Seite stand."
Bei den Männern in der Sadun-Straße im Herzen Bagdads rennt er damit offene Türen ein. "Die Terroristen bringen unschuldige Menschen um", sagt Ali Hassun. Er weiß, wovon er spricht. Zwei Wochen ist es her, dass direkt um die Ecke am Tahrir-Platz ein Selbstmordattentäter 13 Menschen in den Tod riss. Der 25-jährige Historiker wurde bei dem Anschlag verletzt.
Der neuen Regierung gibt Ali Hassun einen Vertrauensvorschuss. Fünf oder sechs Monate, sich zu bewähren. Oder eben nicht. Abwarten, sagt auch Nadir Ali. Der kurdische Ladenbesitzer aus der Sadun-Straße hat durchaus wahrgenommen, dass während der Vereidigung der neuen Regierung kein einziges Wort Kurdisch gesprochen wurde. Ein Affront? Nadir Ali wiegelt ab: "Wenn uns die Araber nicht entgegenkommen, machen wir uns halt selbstständig." Aber das sei nur die letzte Alternative. Erst mal müsse man abwarten. "Wenn die Regierung nichts taugt", sagt er, "wählen wir sie eben ab." Und die anderen nicken.
Sicherheitszonen der US-Armee in Bagdad   Sicherheitszonen der US-Armee in Bagdad
Straßensperren werden geräumt
Also bleibt es ruhig auf der Sadun-Straße. Einen Kilometer weiter am Firdos-Platz, wo seinerzeit die Saddam-Statue gestürzt wurde, räumen amerikanische Soldaten einen Teil der Straßenblockaden ab. Am Bahnhof al-Rashad schütteln die US-Soldaten die Hände der irakischen Polizisten und ziehen ab. Jasser Sadschid freut sich darüber, wenn auch nicht übermäßig: "Souverän sind wir dann, wenn der letzte US-Soldat das Land verlässt", sagt der angehende Ingenieur. Noch bleiben rund 160.000 überwiegend amerikanische Soldaten in Irak. Ihr Einsatz ist bis mindestens Ende 2005 vorgesehen, wenn eine neue Regierung gewählt sein soll.
Zumindest ist das der Plan. Anfang nächsten Jahres sollen die Iraker zu den Urnen gerufen werden, um ein Übergangsparlament zu wählen. Dieses soll eine Verfassung ausarbeiten, auf deren Grundlage bis Ende 2005 ein reguläres Parlament zu wählen wäre. Ein weiter Weg, und ein schwieriger für Allawi. "Aber selbst wenn es harter Maßnahmen bedarf", sagt der Computerhändler Baha George, "selbst wenn es Ausgangssperren, Kriegsrecht und zehnmal so schwere Strafmaße geben muss - Hauptsache, wir bekommen wieder Sicherheit."
Sicherheit wollen fast alle Iraker, doch die Chancen darauf stehen nicht gut. Das Land bleibt zerrissen. Die Gräben ziehen sich quer durchs Land. Die Kurden verstehen sich nicht mit den Arabern, die Schiiten sticheln gegen die Sunniten, und Islamisten formieren sich gegen die neue Regierung, diese angeblichen "Marionetten der USA".
"Wir wollen Saddam Hussein"
"Die Neuen haben doch keine Ahnung", sagt etwa Shaban Fadhil, Inhaber eines kleinen Gemischtwarenladens im Zentrum von Ouja. Der 21-Jährige hebt an zu einer langen Schimpftirade auf die Amerikaner, die neue Politikergarde und vor allem die Kurden und endet mit: "Wir wollen Saddam Hussein zurück."
Die Geschäftsstraße, an der Shabans Laden liegt, ist vierspurig ausgebaut. Doch weit und breit ist kein Auto zu sehen, die Eisengitter vor den meisten Geschäften sind heruntergelassen. Die Häuser, die Straßen und die Moschee - alles in Ouja wirkt überdimensioniert. Früher war es ein Segen, aus Ouja zu sein, denn von hier stammt Saddam Hussein.
Heute wirkt die Stadt wie ausgestorben. In Shabans Laden unterbricht nur das Knattern des Generators die Stille. Zu Saddams Zeiten hatte man in Ouja immer Strom, heute ebenso selten wie in den anderen irakischen Städten. Shaban weiß, wer das Problem lösen könnte: "Die Amerikaner sollen die Souveränität an Saddam übertragen", sagt er. In zwei Monaten hätte der das Land wieder im Griff. "Nur er kann uns Irakern Sicherheit und Glück bescheren."
Verkaptes Arbeitsamt
Das glauben auch die Männer in Tikrit, die sich im Büro von Major Hisham al-Juburi eingefunden haben. Al-Juburi leitet in der Provinzverwaltung die Regulierungsbehörde, Missstände soll sie abstellen. Im Grunde genommen ist er aber das Arbeitsamt von Tikrit. Zu ihm kommen die Gestrandeten aus Armee, Polizei und Geheimdiensten aus der Zeit Saddams, die heute ohne Beschäftigung und Lohn dastehen. Einige Hunderttausend sind es landesweit.
Bei den zehn Männern, die sich in das enge Büro von Major al-Juburi drängen, kochen die Emotionen hoch. Eine Horde von Banditen teile sich die Macht im Staat, schimpft ein früherer Geheimdienstoffizier. Dass kurdische Peshmerga-Kämpfer in die neue Armee integriert werden sollen, ist allen ein Gräuel. Kurzen Prozess würde er mit ihnen machen, sagt einer der Altgedienten. "Selbst wenn man mir einen Posten anbieten würde", sagt Brigadier Faik Tais Majid. "Mit dieser Armee will ich nichts zu tun haben."
Es sind diese Enttäuschten und Gedemütigten, von denen die größte Gefahr ausgeht für die Regierung von Interimspremier Allawi. Sie werden rekrutiert von den Islamisten aus dem Umfeld um den Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi und den Baathisten aus der heute verbotenen Staatspartei Saddam Husseins. Mittlerweile sind sie so gut organisiert, dass sie beinahe ungestört jederzeit und überall ihr tödliches Handwerk verrichten können. Allawi hat eine harte Gangart gegen die Schattenkrieger angekündigt, will den Ausnahmezustand verhängen. Nach seinem Amtsantritt hat der Premierminister die Bevölkerung aufgerufen, keine Angst vor "Gesetzlosen" zu haben, "die gegen Islam und Muslime sind".
Starkes Misstrauen
Die Männer in Major al-Juburis Büro überzeugen solche Sprüche wenig. Für sie ist das Kabinett nur der verlängerte Arm Amerikas. "Die Fassade ändert sich", sagt der Major. "Ansonsten bleibt alles beim Alten."
Diese Befürchtung teilen viele Iraker. So gedämpft die Freude über die Souveränität ist, in einem sind sie sich fast alle einig: Die Besatzungstruppen sollen schnellstmöglich das Land verlassen. Doch das ist unmöglich, denn eine irakische Armee gibt es noch nicht. Bis Anfang nächsten Jahres sollen zumindest 35.000 irakische Soldaten ausgebildet sein. "Bis unsere Truppen voll einsatzfähig sind, werden wir Unterstützung von unseren Freunden brauchen", sagt Allawi. Vizepräsident Ibrahim al-Dschaafari hingegen legt den Schwerpunkt etwas anders: Er will starke Streitkräfte, um sich aus der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu lösen.
Solche Sätze will Zeynep Bektash hören, solch stolze Rhetorik spricht der Leiterin der Planungsabteilung der Provinzverwaltung in Tikrit aus dem Herzen. Doch sie weiß auch, was einige Büros weiter bei Major Hisham al-Juburi bei den früheren Soldaten und Geheimdienstlern besprochen wird. Und sie befürchtet, dass es nicht beim Reden bleiben wird.
  • FTD, 28.06.2004
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