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Merken   Drucken   07.08.2007, 20:09 Schriftgröße: AAA

Agenda: Grüne Revolution in Indien

Die meisten Geschichten über den Boom in Indien drehen sich um die IT-Industrie. Diese handelt von der Landwirtschaft. Dort findet gerade ein gewaltiger Umbruch statt: Das einstige Hungerland will die Welt ernähren. von Andrzej Rybak (Bombay)
Die Mittagssonne sticht, verbrennt alles. Jeden Tag dieser Schweiß, der das Gesicht herunterläuft. Doch Kailash Patil arbeitet weiter. Er muss die grünen Sträucher, die in Reih und Glied auf seinem Feld in Loni Kalbhor wachsen, inspizieren. "Der Chili wird gut in diesem Jahr", sagt der Inder. Vielleicht wird der Gewinn für ein Mofa reichen.
Vor drei Jahren konnte er von so viel Reichtum nur träumen. Damals baute er Zuckerrohr an. Das reichte kaum, um die Familie zu ernähren. Patil wollte aufgeben, als Tagelöhner in die Stadt gehen. Aber dann tauchten eines Tages Fremde in Loni Kalbhor auf: Mitarbeiter von Spinach, dem Lebensmittelzweig der Wadhwan-Gruppe. Sie erzählten von neuen Ladenketten und Hypermärkten, ermutigten die Bauern, ihre Produktion auf Gemüse umzustellen. "Niemand im Dorf hat gewusst, was diese Hypermärkte genau sind", erinnert sich Kailash. Doch die Spinach-Leute boten ihm Saatgut und Abnahmegarantien. Also sattelte er um: auf Chili, Tomaten, Blumenkohl. Heute verdient er viermal so viel.
Die Geschichte von Kailash Patil erzählt von einer Agrarrevolution in Indien, die inmitten der Jubelberichte über IT-Boom, Industrieboom und Outsourcing fast unterzugehen droht. Die Konzerne des Subkontinents haben das große Potenzial der Landwirtschaft entdeckt. Sie verteilen Saat und Dünger und zeigen den Bauern moderne Techniken. Sie investieren in Logistik, um verderbliche Agrargüter direkt nach der Ernte aufzukaufen und frisch in die Stadt zu bringen. Und sie bauen neue Ladenketten, um ihre Produkte zu vertreiben.
Das Land, das früher von Hungersnöten heimgesucht wurde, schickt sich nun sogar an, die Welt zu ernähren. Denn einige Konzerne schmieden ehrgeizige Exportpläne. "Für mich sind die Perspektiven der Landwirtschaft viel größer als bei der Telekom, ja sogar größer als bei der IT", sagt Rakesh Bharti Mittal, Chef der Landwirtschaftsprojekte bei Bharti, einem sonst vor allem im Telekombereich agierenden Konzern.
Tropisches Klima, gute Böden, billige Arbeitskräfte
Indien habe alles, um zum führenden Agrarerzeuger aufzusteigen: tropisches Klima, das zwei bis drei Ernten pro Jahr erlaubt. Gute Böden auf elf Prozent der urbaren Flächen weltweit. Billige Arbeitskräfte, die für den Anbau arbeitsintensiver Produkte wie Obst und Gemüse, Gewürze oder Blumen notwendig sind. Und doch spielt das Land beim globalen Handel mit diesen Produkten noch keine Rolle. Es hapert an moderner Infrastruktur und effizienter Organisation: So verrotten bis zu 30 Prozent der Ernte auf dem Weg zum Verbraucher.
Hier setzen die Konzerne an. "Wir wollen die indischen Felder mit der Welt verbinden", sagt Rakesh Bharti Mittals Bruder Sunil, Chef der Bharti-Gruppe. "Unsere Produktion muss binnen vier bis fünf Tagen auf den Tischen der westlichen Konsumenten landen." Vor drei Jahren hat er mit der Familie Rothschild die Firma Field Fresh Foods (FFF) gegründet. Bharti will bis 2015 mit dem US-Giganten Wal-Mart in Indien rund 2,5 Mrd. $ in den Bau von Supermärkten investieren - natürlich versorgt von FFF.
Bharti ist nicht allein. Industriekonzerne wie Mahindra und Birla, Godrej und ITC bauen komplette Logistikketten auf, vom Feld bis zum Topf des Konsumenten. Die Öl- und Petrochemiegruppe Reliance Industries  (RIL) will ganz Indien mit Einkaufszentren für Agrarprodukte überziehen und in 800 indischen Städten Läden eröffnen. Investitionssumme: 5,6 Mrd. $. Auch die Bekleidungslabels Pantaloon und Big Bazaar steigen in die Landwirtschaft ein.

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  • Aus der FTD vom 08.08.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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