Extremisten gewinnen Rückhalt durch soziales EngagementDie Verknüpfung von politischem Radikalismus und sozialem Engagement gelingt der Hamas inzwischen ebenso erfolgreich wie dem Vorbild Hisbollah. Die "Partei Gottes" ist im Libanon sogar im Parlament. Die Bevölkerung, auch die nicht-schiitische, schätzt sie als Stimme der sozial Schwachen und Benachteiligten. Auf ähnliche Weise sichert sich Hamas den Rückhalt im Gazastreifen und im Westjordanland. Mangels staatlicher Strukturen betreibt die Organisation Schulen, Krankenhäuser sowie soziale Einrichtungen und sorgt für die finanzielle Unterstützung Bedürftiger. In Gaza unterhält Hamas sogar eine Universität.
Das Geld für dieses Engagement sammeln Exil-Palästinenser in aller Welt. Vor allem aus Saudi-Arabien und Iran kommen großzügige Spenden. Angesichts das herrschenden Mangels in den Palästinensergebieten zögerte die Europäische Union lange, den politischen Arm der Hamas auf die Liste der Terrororganisationen zu setzen, deren finanzielle Zuflüsse gekappt werden sollen. Schließlich aber überwog im vergangenen Jahr die Befürchtung, dass aus dem Spendentopf auch Waffen und Sprengstoff bezahlt werden.
Zudem nutzt die Hamas die organisationseigenen Bildungseinrichtungen dafür, Schüler und Studenten auf ihre Weltsicht einzuschwören. Schon die ganz Kleinen lernen, dass es nichts Schöneres gibt, als ein "Schahid" - ein Märtyrer - zu werden. "Wir sterben für dich, Allah", hört man Knirpse im Vorschulalter skandieren - Kindergärten, in denen die Propheten des Terrors zum Hass erziehen. Ein Märtyrer ist in der Ideologie der Islamisten jeder, der im Widerstand gegen die israelischen Besatzer stirbt, egal, ob bei einer Schießerei mit der Armee oder als lebende Bombe in einem Linienbus. Wer einen "Schahid" als Selbstmordattentäter bezeichnet, hat in Gaza schon verloren.
Ganze Straßenzüge sind hier mit Postern von Märtyrern zugeklebt, die Hauswände mit Parolen bemalt. Wer sich in die Luft sprengt, kann sicher sein, dass er und seine Familie dafür geehrt und bewundert werden. "Man hat nur ein Land", sagt ein palästinensischer Lehrer, "aber man kann immer noch ein weiteres Kind bekommen." Das Leben des Einzelnen steht in der Ideologie der Hamas nicht an erster Stelle. Es ist nur eine Etappe auf dem Weg zum Paradies. Im Jenseits wird der "Schahid" von 72 Jungfrauen erwartet. Israelische Experten, die nach Anschlägen die Tatorte säubern, erkennen die Leichenteile des Attentäters oft daran, dass er für diesen Anlass seidene Unterwäsche trägt. Noch wichtiger dürfte aber sein, dass der "Schahid" sich ohne weitere Mühe einen Platz im Paradies sichert, der sonst für Normalsterbliche kaum zu erreichen ist - gewissermaßen eine Abkürzung zu den VIP-Plätzen im Himmel.