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Merken   Drucken   22.03.2004, 21:06 Schriftgröße: AAA

Agenda: Hamas - Schule der Märtyrer

Die Islamistenorganisation Hamas ist mehr als nur eine gut organisierte Terrorgruppe. Über ihre Bildungs- und Sozialeinrichtungen im Gazastreifen gewinnt sie Ansehen und Anhänger. von Silke Mertins, Berlin
Scheich Ahmed Jassin   Scheich Ahmed Jassin
Als die USA nach dem Irak-Krieg ein Kartenspiel mit den Köpfen der meist gesuchten Mitglieder des gestürzten Regimes veröffentlichten, da ist die israelische Zeitung "Ma’ariv" auf die Idee gekommen, dies auch für die Feinde des jüdischen Staates zu tun. Das Herz-Ass wurde Scheich Ahmed Jassin zugedacht - vor ihm rangierten nur militärische Führer der Hamas.
Auf der herausnehmbaren Zeitungsseite kann man Jassin nun, wie bereits viele andere vor ihm, durchstreichen. Im zweiten Anlauf - das erste Mal versuchten es die Israelis bereits im vergangenen Jahr - wurde der geistige Führer mit der mörderischen Botschaft am Montag im Morgengrauen vor einer Moschee in Gaza-Stadt von einer israelischen Rakete tödlich getroffen.
Ariel Scharon   Ariel Scharon
"Es ist das natürliche Recht des jüdischen Volkes, jene zu verfolgen, die uns zerstören wollen", sagte Israels rechtsgerichteter Premier Ariel Scharon anschließend im Parlament. Jassin sei ein "Erzmörder", dessen Hauptziel die Tötung von Juden und die Zerstörung des Staates Israel gewesen sei. Für Israel, so Verteidigungsminister Schaul Mofaz, sei Jassin der "palästinensische Bin Laden" gewesen. Und der Kampf gehe weiter.
In diesem Punkt werden ihm sicher auch die Palästinenser zustimmen. Der Bevölkerung des Gazastreifens ist außer sich. Zehntausende strömten in furioser Wut auf die Straßen und schworen Rache. Der gebrechliche Jassin war in Gaza eine Ikone. Ein Wort von ihm genügte, um Tausende zu mobilisieren. Als die palästinensische Polizei einmal sein Haus umstellte, brachen umgehend Straßenschlachten aus. Die Sicherheitsbeamten ergriffen die Flucht. Der geistige Führer mit absoluter Autorität lieferte der gesamten islamistischen Bewegung eine religiöse Begründung für Mord und Hass. "Scharon hat die Pforten der Hölle geöffnet", teilte die Hamas-Führung mit. "Nichts wird uns daran hindern, ihm den Kopf abzuschlagen."
Tatsache ist jedoch, dass Hamas - arabisch für "Eifer" - auch vorher nichts davon abgehalten hat, Israelis, egal ob jung oder alt, ob Soldaten oder Friedensaktivisten, in den Tod zu schicken. Die große Mehrheit der Terroranschläge auf Zivilisten mit hunderten von Toten geht auf das Konto der Organisation. "Märtyrer" drangen sogar in Häuser von Kibbuzim ein und erschossen Frauen und Kinder in ihren Betten. Vergangene Woche gelang ein Anschlag auf die Hafenanlage in Aschdod, wo auch gefährliche Chemikalien lagern - ein neue Dimension des Terrors, der Israelis schaudern ließ.
Hamas galt Israelis einst als willkommenes Gegengewicht zur PLO
Für Israel waren die religiösen Eiferer der Hamas nicht immer Staatsfeind Nummer eins. Die 1987 gegründete militärische Abspaltung der Moslembruderschaft galt als willkommenes Gegengewicht zur Jassir Arafats PLO. Wie gefährlich die Islamisierung der bis dahin nicht religiös geprägten palästinensischen Widerstandsbewegung werden würde, ahnte man in den Jerusalemer Führungsetagen damals nicht. Schon wenige Jahre später hat Hamas die Anhänger der PLO an Militanz bei weitem übertroffen. Die Organisation strebt nicht nur einen islamischen Staat nach iranischem Vorbild an, sondern lehnt auch den Friedensprozess vehement ab und weigert sich, das Existenzrecht des Staates Israel anzuerkennen.
Vorbild für die Hamas ist in jeder Hinsicht die Hisbollah (Partei Gottes) im Südlibanon. Die Palästinenser bewundern die Schiiten-Miliz mit verklärter Ehrfurcht. "Sie verstehen, was Widerstand bedeutet", schwärmt Usamah Hamdam, Repräsentant der Hamas in Beirut. "Der Erfolg der Hisbollah hat den Palästinensern gezeigt, dass Widerstand mehr bringen kann als Verhandlungen."
Von der Hisbollah hat Hamas hat sich abgeschaut, gegen welche Angriffe große Militärapparate praktische machtlos sind: Selbstmordattentate. Im Libanon schockten die frommen Krieger 1983 die Welt mit Anschlägen gegen die Amerikaner. Bei Attentaten auf die US-Botschaft und eine Militärbasis starben 298 Menschen.
Hamas begann nach Beginn des Friedensprozesses von Oslo Anfang der 90er Jahre damit, lebende Bomben nach Israel zu schicken. Die Führung lehnte die Verhandlungen als "Verrat am palästinensischen Volk" ab. Heute steht der Weg in den Tod mit einem Sprengstoff-Gürtel um den Bauch inmitten eines Linienbusses oder eines Restaurants für den Märtyrerkampf schlechthin. Sogar Frauen, verkündete die Hamas nach langem Zögern, dürften sich in Stücke sprengen. "Das ist eine Entwicklung im Kampf gegen den Feind", ließ Jassin im Januar verlauten, nachdem Hamas am Kontrollpunkt Eres an der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen erstmals eine Attentäterin eingesetzt hatte.
Extremisten gewinnen Rückhalt durch soziales Engagement
Die Verknüpfung von politischem Radikalismus und sozialem Engagement gelingt der Hamas inzwischen ebenso erfolgreich wie dem Vorbild Hisbollah. Die "Partei Gottes" ist im Libanon sogar im Parlament. Die Bevölkerung, auch die nicht-schiitische, schätzt sie als Stimme der sozial Schwachen und Benachteiligten. Auf ähnliche Weise sichert sich Hamas den Rückhalt im Gazastreifen und im Westjordanland. Mangels staatlicher Strukturen betreibt die Organisation Schulen, Krankenhäuser sowie soziale Einrichtungen und sorgt für die finanzielle Unterstützung Bedürftiger. In Gaza unterhält Hamas sogar eine Universität.
Das Geld für dieses Engagement sammeln Exil-Palästinenser in aller Welt. Vor allem aus Saudi-Arabien und Iran kommen großzügige Spenden. Angesichts das herrschenden Mangels in den Palästinensergebieten zögerte die Europäische Union lange, den politischen Arm der Hamas auf die Liste der Terrororganisationen zu setzen, deren finanzielle Zuflüsse gekappt werden sollen. Schließlich aber überwog im vergangenen Jahr die Befürchtung, dass aus dem Spendentopf auch Waffen und Sprengstoff bezahlt werden.
Zudem nutzt die Hamas die organisationseigenen Bildungseinrichtungen dafür, Schüler und Studenten auf ihre Weltsicht einzuschwören. Schon die ganz Kleinen lernen, dass es nichts Schöneres gibt, als ein "Schahid" - ein Märtyrer - zu werden. "Wir sterben für dich, Allah", hört man Knirpse im Vorschulalter skandieren - Kindergärten, in denen die Propheten des Terrors zum Hass erziehen. Ein Märtyrer ist in der Ideologie der Islamisten jeder, der im Widerstand gegen die israelischen Besatzer stirbt, egal, ob bei einer Schießerei mit der Armee oder als lebende Bombe in einem Linienbus. Wer einen "Schahid" als Selbstmordattentäter bezeichnet, hat in Gaza schon verloren.
Ganze Straßenzüge sind hier mit Postern von Märtyrern zugeklebt, die Hauswände mit Parolen bemalt. Wer sich in die Luft sprengt, kann sicher sein, dass er und seine Familie dafür geehrt und bewundert werden. "Man hat nur ein Land", sagt ein palästinensischer Lehrer, "aber man kann immer noch ein weiteres Kind bekommen." Das Leben des Einzelnen steht in der Ideologie der Hamas nicht an erster Stelle. Es ist nur eine Etappe auf dem Weg zum Paradies. Im Jenseits wird der "Schahid" von 72 Jungfrauen erwartet. Israelische Experten, die nach Anschlägen die Tatorte säubern, erkennen die Leichenteile des Attentäters oft daran, dass er für diesen Anlass seidene Unterwäsche trägt. Noch wichtiger dürfte aber sein, dass der "Schahid" sich ohne weitere Mühe einen Platz im Paradies sichert, der sonst für Normalsterbliche kaum zu erreichen ist - gewissermaßen eine Abkürzung zu den VIP-Plätzen im Himmel.
Jassir Arafat   Jassir Arafat
Arafat hat im Gazastreifen nichts mehr zu melden
Die von der Hamas betriebene Islamisierung prägt das Leben im Gazastreifen: Obwohl es offiziell nicht verboten ist, Alkohol zu trinken, wagt kein Palästinenser, öffentlich Wein oder Bier zu verkaufen. Seit Spirituosengeschäfte kurzerhand in Brand gesetzt wurden, stehen Alkoholika nirgendwo mehr auf der Speisekarte. Und immer weniger Frauen trauen sich ohne Kopftuch auf die Straße. Man muss inzwischen schon lange suchen, um eine unverschleierte Muslima zu finden.
Arafat, so heißt es in den palästinensischen Gebieten, könne froh sein, in Ramallah im Westjordanland festzusitzen. Im Gazastreifen, seinem eigentlichen Regierungssitz, hat er nicht mehr allzu viel zu melden. Dort versammelt die Hamas immer mehr Palästinenser hinter sich. In dem schmalen, staubigen Landstrich am Mittelmeer genießt Ansehen, wer sich kompromisslos gegenüber Israel gibt. Die Juden könnten ja "einen Staat in Europa gründen", erklärte Scheich Jassin kürzlich in einem Interview. Das Nebeneinander zweier Staaten, eines jüdischen und eines palästinensischen, sei nur "eine Übergangslösung". Islamisten wie Jassin denken in anderen zeitlichen Dimensionen: Dass Israel bereits mehr als ein halbes Jahrhundert existiert, lässt sie unbeeindruckt - was sind schon 50 oder 100 Jahre im Angesicht der Ewigkeit?
Für einen palästinensischen Pluralismus bleibt angesichts der Dominanz der Hamas immer weniger Raum. Und es wird eng für Arafat, der Konflikte mit der mächtigen Konkurrenzorganisation kaum mehr riskieren kann. Seine Autonomiebehörde rief nach dem Anschlag auf Jassin eine dreitägige Trauer aus und Arafat sprach vor Beginn der Kabinettssitzung ein Gebet für den Märtyrer - längst ist auch der PLO-Chef hamasisiert.

Unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit
Von Andrzej Rybak Die palästinensische Terrorgruppe Hamas finanziert sich durch weltweite Spendensammlungen, die von Dutzenden islamischen Wohltätigkeitsvereinen und Stiftungen organisiert werden. Die Gelder fließen reichlich, denn das Schicksal der Palästinenser bewegt viele Muslime, und Wohltätigkeit gehört zu den wichtigsten Pflichten eines Gläubigen. Die westlichen Staaten tun sich schwer, die Geldströme zu unterbinden. Zwar haben die USA (2001) und die EU (2003) die Hamas auf eine Liste der Terrororganisationen gesetzt und ließen ihre Konten sperren. Doch bei vielen Wohltätigkeitsvereinen ist die Verbindung zur Terrorszene nicht immer nachzuweisen. "Herauszufinden, wer tatsächlich den Bedürftigen helfen will und wer die Spenden für Hamas sammelt, ist äußerst schwer", sagt ein deutscher Geheimdienstmann.
Nach US-Erkenntnissen stehen der Hamas etwa 50 Mio. $ im Jahr zur Verfügung. Das Geld wird vor allem in Saudi Arabien gesammelt, unter anderem vom "Saudischen Komitee für Unterstützung der Intifada". Zwar ist der Geldfluss ins Stocken geraten, seit das saudische Königshaus dem Terror den Kampf ansagte und die Kontrolle der Wohltätigkeitsorganisationen einführte. Doch arabische Nachbarn wie Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jemen und Bahrain, wo viele Exil-Palästinenser leben, helfen aus. Der am Montag getötete Scheich Ahmed Jassin hatte 1998 mehrere arabische Länder besucht und 50 Mio. $ an Spenden nach Hause gebracht. Zudem wird die Hamas traditionell von iranischen Schiiten unterstützt. Weitere Zuwendungen kommen von Muslimen in Europa und den USA.
  • FTD, 22.03.2004
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