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Merken   Drucken   27.02.2008, 21:23 Schriftgröße: AAA

Agenda: In den Fängen des Kremls

Die Provinzbehörden setzen die Anweisungen des Kreml um, die Putin-Partei Einiges Russland ist allgegenwärtig. Trotzdem regt sich in Rostow am Don kein Widerstand. Die Bewohner wollen nichts mit Politik zu tun haben und genießen lieber die Früchte des Aufschwungs. von Nils Kreimeier (Rostow am Don)
Wer vom Flughafen der südrussischen Stadt Rostow in Richtung Zentrum fährt, dem bietet sich ein merkwürdiges Bild: Entlang der Straße stehen die üblichen grauen Häuser im sowjetischen Einheitsstil, aber die Balkons sind durchweg in frischer weißer Farbe getüncht worden. "Wir haben uns eben ein bisschen hübsch gemacht - für Putin", sagt eine Anwohnerin. Als der Staatspräsident Rostow voriges Jahr besuchte, befand die Stadtverwaltung, es sei angemessen, die Fassaden zu verschönern. Auch sonst sorgten die Behörden dafür, dass alles nett aussah: Die Demonstration einer kleinen Oppositionsgruppe wurde kurzerhand untersagt.
Rostow ist Putin-Land. Bei der Parlamentswahl im vergangenen Jahr stimmten in dem Gebiet mit seinen gut vier Millionen Einwohnern fast 72 Prozent für die Kremlpartei Einiges Russland, deutlich mehr als im ohnehin hohen landesweiten Durchschnitt. Für Dmitri Medwedew , der nach dem Willen Putins am Sonntag zum Präsidenten gewählt werden soll, wird ein noch besseres Ergebnis erwartet. Mit bis zu 90 Prozent rechnen Beobachter.
Wenn der Kreml ruft, dann stehen auch die örtlichen Funktionäre stramm. "Die lokalen Behörden haben Respekt vor Moskau bekommen, sie können sich nicht mehr alles erlauben", sagt Sergej Rogusko, Topmanager einer örtlichen Handelsfirma. Wie viele andere preist Rogusko die "Stärkung der Machtvertikale" unter Putin: Gleich nach seinem Amtsantritt im Jahr 2000 teilte der Präsident das Land in sieben Föderalbezirke auf, an deren Spitze er seine eigenen Leute setzte: Sie sollten die Gouverneure kontrollieren. Doch dabei blieb es nicht. Vier Jahre später setzte Putin durch, dass die Gouverneure nicht mehr vom Volk gewählt, sondern vom Präsidenten ernannt und abberufen werden. Seitdem sind die einstigen Regionalfürsten abhängig vom Kreml und tun alles, um dessen Wohlgefallen zu gewinnen.
In der Bevölkerung findet die Zentralisierung breite Zustimmung. Im Vergleich zu den 90er-Jahren, in denen Moskau und die Regionen ständig im Streit lagen, erweckt die jetzige Lage den Anschein von Stabilität. "Es ist den meisten Menschen sehr angenehm, so an die Hand genommen zu werden", sagt Wladimir Schkuratow, Psychologieprofessor an der Südlichen Föderalen Universität in Rostow. "Das hat mit der sowjetischen Mentalität zu tun."
Eine Frau wirft in Moskau mit (falschen) Geldscheinen um sich   Eine Frau wirft in Moskau mit (falschen) Geldscheinen um sich
Reallöhne 15 Prozent im Plus
Hinzu kommt, dass viele Einwohner die acht Jahre unter Putin als eine Zeit des Aufschwungs erlebt haben. Durch die wachsenden Exporterlöse für Öl und Gas wurde Geld in die Provinz gespült. Die Reallöhne in dem Gebiet wuchsen allein in den vergangenen beiden Jahren jeweils um etwa 15 Prozent - die Einnahmen in der Schattenwirtschaft sind dabei nicht berücksichtigt. In der Innenstadt von Rostow gibt es jetzt zwei Adidas-Läden, schicke Cafés und elegante Restaurants. Viele der alten Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert sind renoviert worden. Im November eröffnete eine Megamall mit Filialen von Ikea, Obi und anderen internationalen Einzelhändlern.
"Es ist nicht so, dass es uns fantastisch gehen würde", sagt Anatoli Skrynnik, ein Elektroingenieur und so etwas wie ein Paradebeispiel für den neuen russischen Mittelstand. "Aber die Zuversicht hat zugenommen." Skrynnik arbeitete 18 Jahre lang für den Landmaschinenhersteller Rostselmasch, eines jener "stadtbildenden Unternehmen" der Sowjetunion, in dem einst allein in Rostow über 30.000 Menschen Arbeit fanden. Nach dem Ende der Planwirtschaft lag der Betrieb am Boden, Skrynnik und seine auch dort angestellte Frau bekamen jahrelang keinen Lohn mehr ausbezahlt. Mit Gelegenheitsaufträgen hielt sich die Familie mit zwei Kindern über Wasser.
Nach der Bankenkrise und der Abwertung des Rubel im Jahr 1998 ging es dann aufwärts. Russische Unternehmen wurden wieder wettbewerbsfähig, und Skrynnik fand Arbeit bei einem anderen Betrieb. "Da wird mittlerweile auch ganz passabel bezahlt", sagt der 50-Jährige. "Jetzt, da die Kinder aus dem Haus sind, kommen wir über die Runden." Auch älteren Menschen geht es besser, ihre Renten werden wieder pünktlich ausgezahlt. Hilfskräfte, die aus der Sowjetunion bekannten "Sozrobotniki", kommen zu den Alten nach Hause und helfen bei Alltagstätigkeiten.

Teil 2: Korruption ist Alltag

  • Aus der FTD vom 28.02.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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