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Merken   Drucken   31.07.2008, 22:00 Schriftgröße: AAA

Agenda: Investoren-Schreck Putin

Dossier Strategisch wichtige Unternehmen hat Putin verstaatlicht. Jetzt folgt Phase zwei seines Plans: Der russische Premier und frühere Präsident installiert Ex-Geheimdienstler und Vertraute an der Spitze privater Konzerne – und verunsichert damit internationale Investoren. von Andrzej Rybak (Hamburg) und Verena Diethelm (Moskau)
Zuerst deutete nichts auf einen Eklat hin. Es war eine Branchenbesprechung, wie sie Premier Wladimir Putin häufiger einberuft. Diesmal lud er ein halbes Dutzend Metall-Magnaten nach Nischni Nowgorod, dem alten Handelzentrum an der Wolga, ein. Milliardenschwere Oligarchen, darunter Oleg Deripaska, Wladimir Lisin, Alischer Usmanow und Alexander Abramow, hörten sich geduldig die Klagen des Regierungschefs über steigende Rohstoffpreise und Inflation an.
Dann geschah es.
"Bei uns gibt es so ein ehrwürdiges Unternehmen", sagte Putin und blickte mit seinen kalten Augen in die Runde. "Mechel." Russlands fünftgrößter Bergbau- und Stahlkonzern. Das Unternehmen habe seine Rohstoffe im Ausland zum halben Inlandspreis verkauft. "Wir baten ihren Chef, zu uns zu kommen, doch er wurde plötzlich krank", berichtete Putin und fuhr dann mit unverhohlener Drohung fort: "Sollte er nicht bald genesen, werden wir einen Arzt schicken müssen, der alle Probleme ausräumt."
Das war nicht nötig. Die Botschaft kam auch so an - im Moskauer Krankenhaus, wohin sich Mechel-Chef Igor Sjusin zurückgezogen hatte, und an der Wall Street, wo der Aktienkurs des russischen Konzerns binnen weniger Minuten nach unten rauschte. Seit dem Wutanfall des Premiers hat sich der Wert des Konzerns auf rund 8 Mrd. $ halbiert.
Russlands Premier Putin weitet seinen Einfluss auf die Wirtschaft aus   Russlands Premier Putin weitet seinen Einfluss auf die Wirtschaft aus
TNK-BP-Chef flieht
Die Investoren sind nervös. Vor einer Woche erst hatte der Vorstandschef des britisch-russischen Joint-Ventures TNK-BP nach monatelangem Machtkampf fluchtartig Moskau verlassen. Putins scharfer Angriff auf Mechel wenige Tage später überraschte selbst Kritiker des Premiers - zumal am Montag ein weiterer Coup angekündigte wurde. Ein enger Vertrauten Putins soll noch nächste Woche an die Spitze des zweitgrößten Nickelproduzenten der Welt rücken. Beunruhigende Nachrichten: Der russische Kapitalmarkt hat binnen einer Woche rund 80 Mrd. $ verloren.
Auch den wohlwollendsten Beobachtern wird inzwischen klar: Putin weitet seinen Einfluss auf die Wirtschaft - auch als Premierminister - zielstrebig aus. Phase eins, die Verstaatlichung strategischer Unternehmen, ist abgeschlossen. Jetzt folgt Phase zwei: Putin installiert ehemalige Geheimdienstler und Freunde in Aufsichts- und Beiräten privater Konzerne. Die bescheidenen Erfolge auf dem Weg zu einer liberaleren Marktwirtschaft stehen damit erneut in Frage. Die Risiken für Investoren sind hoch, der Schutz von Privateigentum fragil.
Längst herrscht in Russland ein Klima der Angst: Wie ein römischer Kaiser kann Putin über das Wohl und Wehe milliardenschwerer Konzerne entscheiden - mit ein paar an die Öffentlichkeit lancierten Sätzen. Und Dmitri Medwedew, der vermeintliche Hoffnungsträger und Nachfolger im Präsidentenamt, wagt keine Widerrede gegen seinen Mentor. Erst nach einer Woche versuchte Medewdew, den Markt zu beruhigen: "Unsere Rechtsvollstreckungsorgane und Regierungsvertreter müssen aufhören, den Unternehmen Albträume zu bereiten", sagte der Präsident gestern bei einem Auftritt in Smolensk. "Wir müssen ein normales Investitionsklima im Lande schaffen." Den Namen Putins sprach er dabei nicht aus.

Teil 2: Putin lässt sich nicht beirren

  • Aus der FTD vom 01.08.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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