Umstrittene ZurückhaltungVor allem unter demokratischen Stammwählern ist Kerrys Zurückhaltung umstritten. An der Parteibasis, die schon immer gegen den Irak-Krieg war, wünschen sich viele einen angriffslustigeren Kandidaten. "Ich glaube nicht, dass man eine Wahlkampagne auf der Annahme aufbauen kann, dass die Leute den Gegner so sehr hassen, dass allein das für den eigenen Sieg reicht", sagt Douglas Sosnik, ein ehemaliger enger Mitarbeiter von Bill Clinton.
Es ist eine Mischung aus Strategie, Sachzwängen und eigener Ratlosigkeit, die den Demokraten davon abhält, Bush bei Irak frontal anzugreifen. So folgt Kerry zum einen der goldenen Regel aller Wahlstrategen: "Es gibt ein altes Gesetz: Man soll nie dazwischengehen, wenn der Gegner sich selbst zerstört", sagt ein Berater des Demokraten. Irak ist aus Sicht der Kampagnenmanager des Kandidaten Bushs ureigenes Drama. Scharfe Äußerungen Kerrys würden nur von den Problemen des Präsidenten ablenken. Der Demokrat habe daher "die strategische Entscheidung getroffen, nicht anzugreifen", zitiert die "New York Times" einen Insider. "Aus den Umfragen haben Kerrys Wahlkampfmanager den Schluss gezogen, die Dinge vorerst laufen und Bush mit seinen Problemen schmoren zu lassen. Angriffe würden Kerry nur schaden."
Zudem hat sich der Senator in ein Dilemma manövriert, aus dem der Präsidentschaftskandidat nun nicht so leicht wieder herausfindet: Kerry stimmte im Herbst 2002 im US-Kongress für die Resolution, die Bush freie Hand zum Angriff auf Irak gab. Jetzt wirft er Bush zwar vor, das Parlament durch falsche Versprechen und verdrehte Geheimdienstinformationen "getäuscht" zu haben. Seine Zustimmung von damals macht es Kerry aber schwer, nun als glaubhafter Kriegsgegner aufzutreten.