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Merken   Drucken   02.06.2004, 19:38 Schriftgröße: AAA

Agenda: John Kerry ist kein Action-Man

US-Präsidentschaftskandidat John Kerry setzt darauf, dass die Probleme seines Kontrahenten George W. Bush in Irak ihm die Wähler zutreiben. Doch ohne die Bereitschaft zum Angriff ist der Kampf ums Weiße Haus nicht zu gewinnen. von Hubert Wetzel, Washington
Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry   Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry
John Kerry hat kein Glück: Am vergangenen Donnerstag verdrängte der Waffenstillstand in Nadschaf seine große Rede zur US-Außenpolitik aus den Nachrichten. Am Dienstag beherrschte der neue irakische Präsident die Schlagzeilen - und Kerry, der in Florida seine Pläne zum Schutz Amerikas vor Massenvernichtungswaffen und Terroristen präsentierte, ging erneut unter.
Das Pech des demokratischen Präsidentschaftskandidaten ist symptomatisch für seinen gesamten Wahlkampf: Kerry schafft bisher den Durchbruch nicht, obwohl die Amerikaner mit Amtsinhaber Bush unzufrieden sind wie nie zuvor: Kaum mehr als 40 Prozent der US-Wähler finden laut Umfragen, dass Bush gute Arbeit leistet. Hauptgrund für die schwindende Unterstützung: Der Krieg in Irak. Die immer schlechteren Nachrichten haben sich zu einer Lawine aufgetürmt, die den Präsidenten in den Abgrund zu reißen droht.
Doch während Bushs Umfragewerte ins Rutschen geraten, kann Kerry keine wachsende Zustimmung verbuchen. Bei der "Sonntagsfrage" bleibt es beim Kopf-an-Kopf-Rennen mit jeweils 45 Prozent für den Präsidenten und seinen Herausforderer. "Kerry findet irgendwie keinen Tritt", sagt ein demokratischer Insider. "Immer mehr Leute sind gegen Bush, aber sie sind damit noch nicht für Kerry."
Zögerlicher 08/15-Wahlkampf
Doch Kerry zögert, Bush an dessen offener Flanke zu attackieren: Während Amerika hitzig über die Bilder von aus Irak heimkehrenden Särgen und folternden GIs debattiert, spult der demokratische Bewerber einen 08/15-Wahlkampf ab: In Kentucky redet er über Krankenversicherung und Arbeitsplätze, in Florida über Medikamentenpreise, in Oregon über Frauen in der Wirtschaft, in Philadelphia über Fördermittel für Studenten. Acht wütende Presseerklärungen hat Kerry in den vergangenen Wochen zu den steigenden Benzinpreisen abgefeuert - aber nur eine lustlose zum Thema Irak.
Andere gehen mit dem amtierenden Präsidenten deutlich härter ins Gericht: Kerrys Mentor, der demokratische Senator Ted Kennedy, nannte Irak jüngst "George Bushs Vietnam". Der frühere Vizepräsident Al Gore bezeichnete Irak vor einigen Tagen in einer flammenden Rede als das größte Desaster in der US-Geschichte und warf Bush vor, "Schande über Amerika" gebracht zu haben.
Von Kerry sind derart harsche Töne bisher nicht zu hören. Der konservative Kolumnist William Safire wundert sich schon über die "überraschend zivilisierte Nichtdebatte", die Bush und Kerry führen, wenn es um Irak geht. Auch die außenpolitische Rede des Demokraten in der vergangenen Woche glich eher einer Uni-Vorlesung - viel abstrakte Kritik an Bushs schlechten diplomatischen Manieren und eine Liste mit Zielen, die mit denen des Präsidenten weitgehend übereinstimmen. Das konkrete Problem Irak, das den Amerikanern auf den Nägeln brennt, erwähnte der Senator aus Massachusetts erst kurz vor Ende seiner Ansprache.
Umstrittene Zurückhaltung
Vor allem unter demokratischen Stammwählern ist Kerrys Zurückhaltung umstritten. An der Parteibasis, die schon immer gegen den Irak-Krieg war, wünschen sich viele einen angriffslustigeren Kandidaten. "Ich glaube nicht, dass man eine Wahlkampagne auf der Annahme aufbauen kann, dass die Leute den Gegner so sehr hassen, dass allein das für den eigenen Sieg reicht", sagt Douglas Sosnik, ein ehemaliger enger Mitarbeiter von Bill Clinton.
Es ist eine Mischung aus Strategie, Sachzwängen und eigener Ratlosigkeit, die den Demokraten davon abhält, Bush bei Irak frontal anzugreifen. So folgt Kerry zum einen der goldenen Regel aller Wahlstrategen: "Es gibt ein altes Gesetz: Man soll nie dazwischengehen, wenn der Gegner sich selbst zerstört", sagt ein Berater des Demokraten. Irak ist aus Sicht der Kampagnenmanager des Kandidaten Bushs ureigenes Drama. Scharfe Äußerungen Kerrys würden nur von den Problemen des Präsidenten ablenken. Der Demokrat habe daher "die strategische Entscheidung getroffen, nicht anzugreifen", zitiert die "New York Times" einen Insider. "Aus den Umfragen haben Kerrys Wahlkampfmanager den Schluss gezogen, die Dinge vorerst laufen und Bush mit seinen Problemen schmoren zu lassen. Angriffe würden Kerry nur schaden."
Zudem hat sich der Senator in ein Dilemma manövriert, aus dem der Präsidentschaftskandidat nun nicht so leicht wieder herausfindet: Kerry stimmte im Herbst 2002 im US-Kongress für die Resolution, die Bush freie Hand zum Angriff auf Irak gab. Jetzt wirft er Bush zwar vor, das Parlament durch falsche Versprechen und verdrehte Geheimdienstinformationen "getäuscht" zu haben. Seine Zustimmung von damals macht es Kerry aber schwer, nun als glaubhafter Kriegsgegner aufzutreten.
In der Zwickmühle
Ob er außerhalb der demokratischen Stammwählerschaft mit einem schärferen Anti-Kriegs-Kurs Zustimmung gewinnen könnte, ist ohnehin fraglich. Dennoch unterstützt eine Mehrheit der Amerikaner den US-Einsatz in Irak. Allzu harte Kritik am Oberbefehlshaber Bush könnte Kerry als Kritik an der kämpfenden Truppe und mangelnder Patriotismus ausgelegt werden - im Wahlkampf ein Todesurteil. "Er will nicht so aussehen, als sei er für die Widerstandskämpfer in Irak", sagt ein demokratischer Senatsmitarbeiter. Der Kandidat steckt so in einer Zwickmühle: "Er muss eine Position zum Krieg einnehmen - aber er kann keinen Anti-Kriegs-Kurs fahren. Damit rückt er näher an Bush heran", sagt ein demokratischer Beobachter.
Schließlich dürften Kerrys Attacken gegen den Präsidenten ins Leere laufen, solange er nicht mit plausiblen Vorschlägen zur Lösung des Irak-Problems aufwarten kann. Doch auch der Demokrat verfügt über kein Patentrezept. Beim Gedanken, dass Bush wegen des Krieges die Wahl verlieren könnte, wird den Demokraten zwar warm ums Herz. Der Gedanke, dass sie nach einem Kerry-Sieg mit dem Irak-Desaster dasitzen, jage ihnen aber Angstschauer über den Rücken, räumt ein Berater des Demokraten ein.
Ohne echte Alternative zur Bush-Politik fährt der Kandidat auf Schlingerkurs: Den Rückzug der US-Truppen, den viele Demokraten fordern, lehnt Kerry wie Bush ab. Er fordert eine größere Einbindung der Uno, eine Nato-Schutztruppe für Irak und die Ernennung eines "internationalen Hochkommissars", der die politische Stabilisierung des Landes überwacht - alles Projekte, an denen so oder ähnlich auch Bush bastelt. Die "New York Times" tat sich jüngst in einer langen Analyse schwer, nennenswerte Unterschiede zwischen den Irak-Plänen Bushs und Kerrys zu finden.
Neue Ideen fehlen
Da neue Ideen fehlen, ist Kerrys Irak-Haltung kompliziert - vielleicht zu kompliziert, um als Wahlkampfslogan zu taugen, wie ein demokratischer Insider einräumt. Kerry kritisiert weniger die Kriegsentscheidung an sich, sondern die verpatzte Umsetzung: zu wenig Truppen, kein Plan für die Nachkriegszeit, verprellte Verbündete. "Er versucht, Bush als unfähig darzustellen, eine richtige Idee umzusetzen", so ein Demokrat. Kerrys Kritik ziele "vor allem auf die Umsetzung", sagt auch Ex-Verteidigungsminister William Perry, der den Kandidaten berät.
So beschränkt sich Kerrys Konzept für die Lösung des Irak-Konflikts auf das vage Versprechen, nicht alles anders, sondern es irgendwie besser zu machen. Sein Hauptargument für einen Personalwechsel im Weißen Haus lautet: Bush habe durch seine aggressive Außenpolitik und die Fehler in Irak die USA so beschädigt, dass nur ein neuer Präsident den Karren wieder aus dem Dreck ziehen könne.
Ob das die Wähler trotz aller Zweifel an Bush überzeugt, ist offen. Selbst Demokraten sind sich noch nicht sicher. "Kerrys Irak-Position ist abgewogen", sagt ein Insider. "Das ist nicht einfach. In Wahlkämpfen funktionieren die simplen Gedanken besser."

Wortwahl: Kerrys Satzmonster
Vor vier Jahren lockerten die Wortdreher und Stolpersätze von Präsidentschaftskandidat George W. Bush - die "Bushisms" - den US-Wahlkampf auf. Eine der größten Sammlungen, auf dem Laptop des FT-Journalisten Richard Wolffe, fiel leider einem Attentat zum Opfer: Der Computer wurde "aus Versehen" von einem Bus der Bush-Kampagne überrollt.
Die Begeisterung über die rhetorische Brillanz des Texaners hat sich mittlerweile etwas gelegt, inzwischen zerpflückt die Presse die Wahlkampfphrasen des Demokraten John Kerry - und findet reichlich "Kerryisms". Der Senator spricht zwar die Wörter korrekt aus. Seine Sätze sind aber oft so lang und durch zahlreiche spontane Einschübe derart verschachtelt, dass sie kaum zu verstehen sind.
Das politische Internetmagazin Slate.com hat inzwischen eine "Kerryism of the Day"-Rubrik eingerichtet. Die Satzmonster dort sind so lang, dass hier als Beispiel tatsächlich nur ein einziges Platz hat. Zur Entscheidung der US-Regierung, die Zeitung des radikalen irakischen Predigers Muktada al-Sadr zu schließen, sagte Kerry: "Nun, es ist interessant zu hören, dass, wenn sie eine Zeitung schließen, die einer legitimen Stimme in Irak gehört, und - nun, lassen Sie mich den Begriff legitim ändern -, wenn sie eine Zeitung schließen, die einer Stimme gehört, - denn er hat in den letzten Tagen einen deutlich radikaleren Ton angeschlagen und sich mit Hamas und Hisbollah solidarisch erklärt, was eine Art terroristische Solidarisierung ist, sodass es bestimmte Notwendigkeiten hervorruft, um mit der möglichen künftigen Verbreitung von Terrorismus fertig zu werden - aber zur gleichen Zeit, wenn es nicht durch einen breiteren Vorstoß begleitet wird, um unsere Basis in Irak zu verbreitern, glaube ich, es ist einfach ein Rezept für mehr Probleme."
Vielleicht parkt Kerrys Busfahrer demnächst "aus Versehen" auf dem Laptop des Slate-Kollegen.
  • FTD, 02.06.2004
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