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Merken   Drucken   09.12.2007, 20:31 Schriftgröße: AAA

Agenda: Kein Aufschwung ohne illegale Einwanderer

Dossier In den USA wollen Politiker die illegalen Einwanderer aus dem Land drängen. Das ärgert die Unternehmen. Sie fordern nun eine Amnestie. Denn ohne die billigen Arbeitskräfte ist der Aufschwung vielerorts in Gefahr. von Andrzej Rybak (Phoenix)
Gut zwei Dutzend Tagelöhner lungern vor einem Baumarkt an der Thomas Road in Phoenix. Sie sitzen auf Bordsteinen, lehnen sich an die Bäume und warten. Sie betrachten aufmerksam jedes vorbeifahrende Auto, taxieren den Fahrer. Ein potenzieller Arbeitgeber? Oder ein Radikaler, der ihnen eine Rauchbombe vor die Füße wirft?
Grenzpolizisten in Arizona laden verdächtige Einwanderer in Busse, ...   Grenzpolizisten in Arizona laden verdächtige Einwanderer in Busse, um sie in Untersuchungshaft zu bringen
Sie sind verängstigt, bereit zur Flucht. Ende November trieben hier 40 Polizisten zu Pferd die Tagelöhner auseinander. Der Chef eines Möbelhauses hat den Sheriff angerufen, weil sich seine Kundinnen von den Männern belästigt fühlten. "Wir werden immer häufiger von Leuten beschimpft", sagt Joaquin, ein Mittdreißiger aus dem mexikanischen Guadalajara: "Dreckiger Latino! Hau ab nach Mexiko!" Und immer seltener hält jemand an, der Arbeit bietet. "Ich ziehe weiter nach Nevada", sagt er. "Dort fragt niemand nach deinen Papieren."
In den USA, dem gelobten Einwanderungsland, leben und arbeiten rund zwölf Millionen Menschen ohne gültige Dokumente. Sie stammen meist aus Mexiko und anderen Ländern Lateinamerikas, haben bei Nacht und Nebel - und nicht selten unter Lebensgefahr - die Grenze überquert. Früher wurden sie als billige Arbeitskräfte begrüßt oder wenigstens geduldet. Doch die Stimmung hat sich gedreht: Die Mehrheit der Amerikaner, zeigen Umfragen, will die Illegalen loswerden. Rechtsradikale Gruppen schüren Ängste, warnen vor einer "Invasion feindlicher Horden". "Illegal Aliens", wie sie die Immigranten nennen, "nehmen zuerst unsere Jobs, dann unser Land", heißt es in Flugblättern des National Vanguard.
Allein seit 2000 kamen 5,6 Millionen Menschen illegal ins Land, getrieben von der Armut zu Hause und der Hoffnung auf ein besseres Leben. In Arizona, wo zwei Drittel aller Illegalen über die Grenze strömen, machen sie rund elf Prozent der Bevölkerung aus.
Damit soll Schluss sein. In Arizona tritt am 1. Januar ein Gesetz in Kraft, das die Beschäftigung illegaler Immigranten unter Strafe stellt. Beim ersten Verstoß muss der Arbeitgeber für mindestens zehn Tage seine Firma schließen, Wiederholungstätern wird für immer die Zulassung entzogen.
"Die Politiker wissen nicht, was sie tun", jammert Ricardo Carlo, Chef des mittelständischen Bauverbands AMCA, dem vor allem Latinofirmen angehören. "Das ist ein Todesstoß für den Aufschwung in Arizona." Die Wirtschaft in dem südwestlichen Bundesstaat wuchs zuletzt um durchschnittlich sechs Prozent im Jahr.
Die "nicht dokumentierten Arbeiter", wie Illegale im Wirtschaftsjargon genannt werden, tragen kräftig zu dem Boom bei. Eine Studie der Universität Arizona schätzt, dass sie 2006 Dienstleistungen und Waren im Wert von 29 Mrd. $ erzeugten. In der Baubranche haben mehr als 30 Prozent der Beschäftigten keine Papiere; zwei Drittel der Landarbeiter schmuggelten sich illegal ins Land. "Es gibt doch keine Amerikaner, die diese Jobs machen wollen", klagt Ken Rosevear, Chef der Handelskammer in Yuma, wo die größten Salatfelder Amerikas liegen. "Die Wirtschaft in Arizona braucht die unqualifizierten Arbeitskräfte."

Teil 2: Flexibilität durch illegale Arbeitskräfte

  • Aus der FTD vom 10.12.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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