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Merken   Drucken   29.12.2010, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Klein-Yue allein zu Haus

Wenn sie von der Schule kommen, ist niemand daheim. Millionen Kinder leben alleingelassen in der chinesischen Provinz. Ihre Eltern verdingen sich als Wanderarbeiter in den großen Städten. Besuch an einem Ort, in dem fast nur gebrechliche Alte und vereinsamte Kinder wohnen.
© Bild: 2010 FTD/Ruth Fend
Wenn sie von der Schule kommen, ist niemand daheim. Millionen Kinder leben alleingelassen in der chinesischen Provinz. Ihre Eltern verdingen sich als Wanderarbeiter in den großen Städten. Besuch an einem Ort, in dem fast nur gebrechliche Alte und vereinsamte Kinder wohnen. von Ruth Fend  Maqiao
Die Ernte ist gut ausgefallen. In goldgelben Haufen und Reihen türmen sich Maiskolben am Rand der staubigen Straßen von Maqiao und stapeln sich auf den Ziegelsteindächern niedriger grauer Häuser. Überall auf der schmalen Asphaltzufahrt zu dem Haus von Yue Yanfei liegen Bohnen zum Trocknen aus. Doch für Yue ist das Ende der Ernte kein Grund zur Freude. Für ihn ist es die Zeit des Abschieds. Denn kaum war die Ernte vor einigen Wochen eingefahren, sind seine Eltern wieder fortgegangen. Seitdem ist Yue allein. Er ist gerade 13 Jahre alt.
Der Junge schläft jetzt im Elternschlafzimmer mit den zwei Holzbetten und den dünnen Matratzen. In dem zweistöckigen, nahezu unmöblierten Haus sieht er verloren aus. Seine leise Stimme hallt bei jedem Wort nach. Das Eingangszimmer ist ein langer Schlauch, mehr Garage als Wohnraum. Vor der Haustür steht ein altertümlicher Trecker, auf einem Heuhaufen daneben leistet ein Huhn Yue Gesellschaft, ein Mischling lungert herum. Früher, bevor seine Eltern nach Schanghai gezogen sind, um als Wächter und als Angestellte einer Universitätskantine zu arbeiten, hat Yue im oberen Stock geschlafen. Der steht jetzt leer, Putz blättert ab.
An die Leere hat Yue sich noch nicht gewöhnt. "Ich vermisse meine Eltern sehr", sagt er. "Ich habe ja auch keine Geschwister." Immerhin, die Familie des Onkels mit seinen beiden Cousins wohnt gleich nebenan. Mit ihnen spielt er nach der Schule oder schaut fern. Onkel und Tante kümmern sich bis zur Erntezeit auch um das Land von Yues Eltern. Manchmal isst er am Wochenende bei ihnen. "Oft koche ich mir aber auch selbst etwas. Ich weiß, wie man Reis, Kartoffeln und Nudeln macht."
Yue teilt sein Schicksal mit Millionen anderer chinesischer Kinder. Sie sind Opfer des Wirtschaftsbooms, des Strebens nach Wohlstand und Anerkennung. Einem Bericht der Regierung in Peking vom Oktober 2010 zufolge sollen heute 58 Millionen chinesische Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen. Ihre Zahl steigt in schwindelerregendem Tempo: Noch 2007 schätzte das Forschungszentrum der China Agricultural University in Peking ihre Zahl auf 23 Millionen. In Heerscharen ziehen ihre Eltern in die großen Städte, um sich dort als Wanderarbeiter zu verdingen. Zurück in den Dörfern bleiben Kinder, die von den Überweisungen der Eltern leben. Und Alte, die sich um die Enkel kümmern. Die Altersstruktur in Orten wie Maqiao ähnelt einer Sanduhr.
Pan Lijiangs Klassenliste gibt die Statistik im Kleinen wieder: 64 Schüler sind dort mit Namen und Adresse aufgeführt. Bei jedem Kind, das ohne Eltern lebt, hat der Lehrer an den Rand ein kleines rotes Dreieck gemalt. Yue ist eines von 24 solchen Dreiecken. "Und das sind nur die, bei denen beide Elternteile die meiste Zeit des Jahres weg sind. Hinzu kommen noch solche, bei denen Vater oder Mutter fehlen." Pan ist in Maqiao geboren. Seit über 20 Jahren unterrichtet der kleine, gedrungene Mann in dem blauen Baumwollhemd Chinesisch an der Mittelschule und beobachtet, wie sich die Kleinstadt verändert. "Seit etwa zehn Jahren ziehen die Erwachsenen in die Großstädte", sagt der Lehrer. Zuerst nach Shenzhen und Guangzhou, jetzt auch nach Schanghai. Sobald ein Dorfbewohner geht, zieht er weitere nach. Yues Eltern arbeiteten bis letztes Jahr noch in einer lokalen Spielzeugfabrik. Doch dann kam die Finanzkrise, die Fabrik musste schließen.
Maqiao liegt in der bevölkerungsreichen Provinz Henan, die als Heimat der meisten Wanderarbeiter gilt. Einer von ihnen hat mit seiner Verzweiflungstat dieses Jahr für Schlagzeilen gesorgt: Weil er die miserablen Arbeitsbedingungen beim Elektronikzulieferer Foxconn nicht ertragen konnte, nahm er sich das Leben - wie schon neun Kollegen zuvor.

Teil 2: Wegzug im Kampf um sozialen Aufstieg

  • Aus der FTD vom 29.12.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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