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Merken   Drucken   01.11.2007, 19:40 Schriftgröße: AAA

Agenda: Kurdischer Knoten an der Grenze

Dossier Die Türkei hat Hunderttausend Soldaten an die Grenze zum Irak verlegt und droht den Terroristen der PKK. Doch die Rebellen kümmert das wenig. Sie wissen, die Türken können bei einem Angriff im Nordirak nur verlieren.
Name, Staatsangehörigkeit, Beruf, Auto- und Handynummer - penibel notiert der irakische Soldat alles in eine Kladde. Der kräftige Kurde in der grünen Camouflage-Uniform ist irakischer Grenzschützer. Der Grenzposten liegt in der Ebene unterhalb der Kandilberge im Nordosten des Irak, bis zur iranischen Grenze sind es noch rund 50, bis zur türkischen 100 Kilometer. Hinter dem einfachen Wachhäuschen endet für den Soldaten sein Verantwortungsbereich. Von hier an regiert die als terroristisch eingestufte Guerilla der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).
Türkische Soldaten patroullieren an der irakischen Grenze   Türkische Soldaten patroullieren an der irakischen Grenze
In engen Serpentinen schlängelt sich die Straße hinauf, von Wind und Wetter gebeugt, stehen kleine Eichenbäume an den steilen Bergrücken, ein zum Rinnsal geschrumpfter Fluss bahnt sich seinen Weg durch die enge Schlucht, auf dem Kiesbett hat es sich eine Ziegenherde bequem gemacht. Ein paar Kilometer weiter, oben auf dem Pass taucht wieder ein Kontrollposten auf. Zwei Fahnen mit rotem Stern zeigen, wer hier das Sagen hat: die PKK.
So abgelegen die Gegend auch sein mag, in der die Rebellen ihren Machtanspruch demonstrieren - sie bestimmen in diesen Tagen wieder einmal die Agenda der Weltpolitik. Die Türkei möchte sie aus dem Grenzgebiet vertreiben, 100.000 Soldaten hat sie zusammengezogen, die einen Angriff vorbereiten. Nicht nur die Region ist alarmiert, auch die Europäische Union und die Vereinigten Staaten beobachten genau, was in dieser kargen Berglandschaft geschieht. Sie haben Angst, dass sich die Lage in der Region weiter destabilisiert. Die Türkei solle Zurückhaltung üben, fordern die USA. Am Freitag reist Außenministerin Condoleezza Rice zu Gesprächen nach Istanbul, am Montag treffen sich der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan und US-Präsident George W. Bush in Washington.
In den Kandilbergen rüsten sich die PKK-Kämpfer für das Gefecht. Doch die 15, 20 Guerilleros oberhalb des Kontrollpostens geben sich erstaunlich gelassen. Einige hocken auf der Terrasse eines Häuschens und spielen Backgammon. Heval Özgür, wie sie sich nennt, ist die Beste, in rasendem Tempo entscheidet sie eine Runde nach der anderen für sich. In der Küche schälen einige Kämpfer Kartoffeln, einer bringt der Gruppe draußen Tee, andere schauen den Spielern über die Schulter, es wird geraucht, gekichert und geschäkert, es ist beinah wie bei einer Jugendgruppe auf einem Schulausflug.
Diese Frauen und Männer sind jedoch alles andere als harmlos. An den breiten Schärpen und Gürteln über ihren Guerillauniformen tragen sie Handgranaten, an die Wand sind die Kalaschnikows gelehnt. Die hübsche Özgür, eine Kurdin aus Syrien, riss mit zwölf Jahren zu Hause aus. "Als Kind wollte ich Ärztin werden", sagt die 21-Jährige. Erst bei der PKK habe sie lesen und schreiben gelernt, erzählt sie.
Und natürlich lernte sie den Umgang mit Waffen und bekam die obligatorischen Propagandalektionen. Ganz oben auf der Lektüreliste stehen die Schriften von "Apo", dem seit 1999 im Gefängnis sitzenden Parteichef Abdullah Öcalan, der von seinen Anhängern wie ein Heiliger verehrt wird.
Der Drill der PKK ist hart - morgens um sechs aufstehen, Schulung, Training, Nachschub besorgen, Verstecke ausbauen, Wintervorräte anlegen, Lagebesprechungen. Zurück zur ihrer Familie, ein normales Leben führen? "Nein, Apo ist für mich wie ein Vater", sagt Özgür mit jugendlicher Schwärmerei. "Meine Familie ist die Guerilla." Die Männer auf der Terrasse - Kurden aus der Türkei, dem Iran und Irak - sehen es ähnlich. "Hier bin ich frei", sagt Heval Hamza aus der türkischen Stadt Diyabakir. "Uns fehlt es an nichts."

Teil 2: Iraks Kurden mächtiger denn je

  • Aus der FTD vom 02.11.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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