Wenn er schildert, was schiefgelaufen ist in seinem Leben, dann schrumpft José Alfredo Cossa. Dann weicht die Luft aus diesem Bären von 1,90, die Spannung aus den Schultern, dann bricht die sonst donnernde Stimme, und leise, fast raunend, erzählt er die Geschichte vom großen Betrug.
Sie beginnt im Dezember 1983 in der Francisco-Manyanga-Oberschule in Maputo. An dem Tag, als Mosambiks Präsident Samora Machel vor die jungen Männer um Cossa tritt und sagt, dass er einige von ihnen ins Ausland schicken wird. In die DDR oder die Sowjetunion sollen sie gehen, einen Beruf lernen und später helfen, in Mosambik eine marxistische Volksrepublik aufzubauen, so fortschrittlich wie die Bruderstaaten im Norden. Nur die Besten dürfen gehen.
Cossa ist einer der Besten. Und von Deutschland hat er Bilder gesehen: Fachwerkhäuser und Fabriken, Autobahnen, moderne Städte. Alles ist anders dort als in seiner Heimat, die gezeichnet ist vom Unabhängigkeitskampf gegen Portugal und dem Wahn des Bürgerkriegs.
Cossa beschließt zu gehen. Er ist 21, er hat einen kleinen Sohn, und er weiß, dass vier oder fünf Jahre in der DDR seiner Familie ein sorgloses Leben bringen können, auch wenn die Trennung schmerzt. Er wird lernen, Geld verdienen und damit etwas aufbauen. Eine Werkstatt vielleicht.
"Ich war schon immer geschickt mit den Händen", erinnert sich Cossa. "Ich hätte etwas Gutes machen können."
Inzwischen ist Cossa 50 Jahre alt. Aber er schraubt nicht Autos in seiner eigenen Werkstatt zusammen, sondern er sitzt auf einem Stein am Rande eines kleinen Parks in Maputo.
Seit 20 Jahren sitzt er hier, fast jeden Tag, und neben ihm sitzen die anderen Oberschüler von damals; Männer, die Träume hatten und nicht hinnehmen wollen, dass diese geplatzt sind. Nicht hinnehmen, dass man sie hintergangen hat.
16.000 Vertragsarbeiter hat Mosambik in den 80ern in die DDR geschickt, als Schlosser oder Tischler, als Mechaniker, Drucker oder Fleischer. Sie alle wollten in der Fremde ihr Glück machen. Sie alle wurden um ihren Lohn gebracht.
Überall im Land, das sich von Südafrika bis nach Tansania über 2800 palmengesäumte Kilometer an den Indischen Ozean schmiegt, trifft man Mosambikaner, die Deutsch sprechen, oft mit sächsischem Akzent. Die erzählen, wie sie an den Maschinen im Textilkombinat Glauchau standen, Kunststoffformen für den VEB Orbitaplast gossen oder die Lastwagen einer Papierfabrik in Zehlendorf fuhren.
Sie nennen sich "Madgermanes". Das ist Shangaan, eine der vielen Landessprachen. Es klingt wie "Maddschermanesch", und es bedeutet "die in Deutschland waren". Andere sprechen es englisch aus. Dann hört es sich an wie "die verrückten Deutschen" - und so sehen viele Mosambikaner sie auch: weil sie nicht aufhören, für ihr Geld zu kämpfen.
Auch Cossa kämpft, aber meist bedeutet dieses Kämpfen nur Warten. Zeigen, dass man da ist. Seit 1992 haben die Madgermanes den Park besetzt, in dem er nun hockt. Mal sind zehn von ihnen hier, mal 20 und manchmal ein paar Hundert - vor allem mittwochs, wenn demonstriert wird. Dann schwenken sie Deutschlandfahnen, wickeln sich in Schwarz-Rot-Gold und ziehen lärmend durch die Stadt.
Vom Ozean kriecht feuchtheiße Luft herüber, auf den Avenidas stauen sich Range Rover und Pick-ups mit brusthohem Kühlergrill. Maputo boomt jetzt, aber von dem Geld, das Minen und Gasfelder ins Land spülen, sickert nichts bis zu Cossa durch.
Er gehört nicht zu dieser Gesellschaft. Nicht zu denen da oben in den Villen hinter Mauern, nicht zu denen da unten, die das Klagelied der Madgermanes nicht hören wollen, weil die eigene Not groß ist. Überall hat Cossa es angestimmt, im Parlament, beim Präsidenten, bei der Frelimo, der allmächtigen Regierungspartei. Nirgends hört man zu.
Doch manchmal kommt jemand zu ihm, deutsche Touristen vielleicht oder Journalisten, und dann kehrt Cossa im raunenden Ton in die DDR zurück.
Seine erste Station ist 1984 das Sprachausbildungszentrum Wernigerode - elf Silben, die ihm bald problemlos über die Lippen gehen. Die Behörden versuchen, enge Kontakte zwischen Mosambikanern und Deutschen zu vermeiden, doch an Cossas dröhnendem Lachen scheitern sie. Er geht mit seinen Lehrern in die Kneipe, er spielt mit ihnen Fußball. In Maputo war er Verteidiger, bei Motor Wernigerode schicken sie ihn ins Mittelfeld. "Ich habe einen Haufen Tore geschossen", sagt er.
Sechs Monate später beginnt er eine Tischlerlehre im VEB Möbelkombinat Zeulenroda. Er besteht mit Auszeichnung, elf Disziplinen, elfmal "sehr gut". "Herr Cossa zeigte während der gesamten Zeit eine positive Lern- und Arbeitshaltung", steht in seinem Zeugnis. Er ist jetzt Möbelfacharbeiter.
Fußball spielt er nun bei der BSG Chemie Pausa, noch weiter vorn, mit Zug zum Tor. Auf dem Mannschaftsfoto ist er der einzige Schwarze, mit seiner Frisur würde er bei den Jackson Five nicht auffallen.
Daheim herrscht Bürgerkrieg, die Frelimo gegen die Renamo, eine von Südafrikas Apartheidregime aufgerüstete Guerilla. Landminen, Kindersoldaten, Massaker. In der DDR hat Cossa ein unbeschwertes Leben. Er staunt, wie gut alles organisiert ist.
Je länger er fort ist, desto öfter denkt er an später. Ein Teil seines Lohns wird auf ein Konto der Regierung in Mosambik überwiesen. Dort soll es ihm später in der Landeswährung Metical ausgezahlt werden. Anfangs darf er entscheiden, wie viel in sein Heimatland geht, später werden zwangsweise erst 40, zuletzt 60 Prozent seines Lohnes einbehalten. Es stört ihn nicht. Er träumt von einer Tischlerei in Maputo, der DDR-Lohn soll sein Startkapital sein.
Dann fällt die Mauer. Für die DDR-Bürger beginnt die Freiheit, für die Mosambikaner endet sie. Ihre Arbeitskraft wird nicht mehr gebraucht, sie müssen gehen. Das vereinigte Deutschland überweist die letzte Rate, die noch ausstand, an die Regierung in Maputo. Damit ist die Sache für Deutschland erledigt. Es heißt, man wolle sich nicht in innere Angelegenheiten einmischen.
Auch in Mosambik kollabiert der Sozialismus. Frelimo und Renamo schließen Frieden, das Land entdeckt die Demokratie.
Als Cossas Flugzeug in Schönefeld abhebt, ist er reich nach mosambikanischem Maßstab, in einem Land, das in allen Fortschrittsstatistiken ganz unten steht. Er hat das Geld, das er in Deutschland gespart hat, und das Geld, das in Maputo wartet.
Als Cossa landet, verfliegt sein Hochgefühl. "Da waren Leute vom Arbeitsamt am Flughafen, die wollten unsere Dokumente", sagt er. Die Lohnabrechnungen, die Nachweise über die Transferzahlungen. Cossa wird misstrauisch. Er versteckt die Papiere. Bis heute hütet er sie in dem Dreizimmerverschlag, den sich vier Generationen der Cossas teilen.
Sein Misstrauen bestätigt sich, als er seinen DDR-Lohn abholen will. "Welches Geld?", fragt man ihn. "Es ist nichts da."
Mosambik hat ohne Wissen der Vertragsarbeiter mit ihrem Lohn Schulden bei der DDR beglichen. Ihre Ausbildung in den volkseigenen Betrieben war keine Geste im sozialistischen Geist, sondern ein Geschäft zwischen Maputo und Ostberlin. "Wir waren Sklaven in Deutschland", sagt Cossa.
Ende 1990 sammeln sich die Madgermanes vor Maputos Arbeitsamt. Mit Trommeln und Töpfen lärmen sie Tag und Nacht. Sie wollen erst gehen, wenn sie ihr Geld haben. Und tatsächlich: Im Dezember erhalten sie einen Scheck. "Nicht mal drei Tage hat es gereicht", sagt Cossa. Aber zumindest dieses Geld gibt es jetzt monatlich, glaubt er. Er täuscht sich. Schon im Januar heißt es, das sei alles gewesen. "Da haben wir wieder demonstriert. Und sie haben Polizisten mit Hunden geschickt."
In den kommenden Wochen, Monaten und Jahren werden die Protestmärsche zu einem Ritual. Mit deutschen Fahnen ziehen die Vertragsarbeiter durch die Avenidas der Hauptstadt, jeden Mittwoch, bis heute. Cossa, der seit 2005 für die Madgermanes von Maputo spricht, führt die Märsche an.
Polizeigewalt gibt es dabei nur noch selten, und auch in ihrem Park bleibt die Gruppe unbehelligt. Gerade lässt die Stadt ihn sogar renovieren, die Wege pflastern, die Bäume stutzen. Die Madgermanes, scheint es, sind nur noch ein folkloristisches Relikt, verrückt vielleicht, aber harmlos. Zweimal noch hat man sie mit Kleckerbeträgen abgespeist, 2004 und 2006, jetzt soll Ruhe sein.
Cossa lebt von Tagelöhnerjobs und von dem, was sein Bruder als Bäcker verdient. "Einen richtigen Beruf bekommen Männer wie ich nicht", sagt er. Es ist die Geschichte, die alle Madgermanes erzählen: Niemand stelle einen Gegner der Frelimo ein, der Partei, die noch immer als Befreierin des Volkes verehrt wird und die in fairen Wahlen satte Mehrheiten holt. Deshalb ziehen die Madgermanes auch nicht vor Gericht: Da säßen eh nur Frelimo-Leute.
50.000 Dollar - so viel müsse ihm der Staat schon zahlen, meint Cossa. Seinen Lohn plus Zinsen und Schmerzensgeld. Wenn dieses Jahr nicht endlich etwas passiere, könne er nicht dafür garantieren, dass die Madgermanes ruhig blieben. "Wir sind 16.000, und viele von uns wissen, wie man eine Kalaschnikow benutzt", sagt er düster.
Dann hellt sich sein Gesicht auf. "Aber noch habe ich Hoffnung", donnert er. "Mittwoch demonstrieren wir wieder!"