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Merken   Drucken   07.04.2008, 21:01 Schriftgröße: AAA

Agenda: Olympische Fackel im Sturm

Dossier Der Fackellauf durch Paris sollte den Ausrichtern der Olympischen Spiele Sympathien bringen. Doch statt Jubel ernten die Feuerträger Pfiffe und Buhrufe. Die Flamme erlischt, der Triumphzug endet im Eklat. von Claus Hecking (Paris)
Da läuft sie nun, Edith Schmitt, mitten auf den Champs Elysées, hinter sich drei Dutzend Polizeiwagen, links und rechts Hunderte Gendarme, über sich Hubschrauber, das ist er also, der große Moment. Der "wichtigste Augenblick meines Lebens", wie die Gemeindeangestellte aus Cardignan in den Ardennen sagt. Vor einigen Sekunden hat sie ihre Fackel an der ihres Vorläufers entzündet. Jetzt darf sie das Olympische Feuer weitertragen: 250 Meter weit, die Champs-Elysée herab bis zur Place de la Concorde - sie wird eine der wenigen Läufer sein, die ihre Etappe am Dienstag schaffen.
Was China verhindern wollte, es lässt sich nicht verhindern: Pfiffe und Buhrufe, Schmähbanner und Schimpfplakate, Demonstranten, die den Trägern ihre Fackel entreißen oder die Flamme mit Feuerlöschern ersticken wollen. Am späten Nachmittag beschließt die chinesische Botschaft in Paris, den Lauf abzukürzen. Eine halbstündige Veranstaltung am Rathaus fällt aus, weil dort eine tibetische Flagge an der Fassade hängt und ein schwarzes Banner, das die olympischen Ringe in Form von Handschellen zeigt. Kein Läufer, ein Bus muss die Flamme ins Ziel bringen, ins Stadion Charlety am südlichen Stadtrand. Olympia hat seinen Eklat.
Edith Schmitt bekommt von dem Chaos nicht viel mit. Mit einem Bus haben sie die Veranstalter zu den Champs Elysées gebracht, an diesem Abschnitt sind kaum Demonstranten, und nun hat Schmitt die Fackel in der Hand, die Flamme ist heiß, es riecht nach Paraffin, und sie ahnt noch nicht, dass sie Teil ist einer einzigen Farce.
Bilderserie Bilderserie: Fackellauf mit Hindernissen
Schmitt hat mit dem Regime in Peking und dessen Menschenrechtsverletzungen gar nichts am Hut. Im Gegenteil: Sie ist hier, weil sie so viel Gutes tut.
Der Elektronikkonzern Samsung , einer der Sponsoren des Fackellaufs, hat die 50-Jährige wegen ihres Einsatzes für andere Menschen ausgewählt: Weil sie seit 16 Jahren für die Freiwillige Feuerwehr des 3400-Seelen-Dorfs Cardignan Dienst leistet, weil sie seit 32 Jahren alle zwei Monate Blut spendet, weil sie jeden Tag nach der Arbeit dreieinhalb Stunden lang ihre todkranke Mutter pflegt. "Es ist die Belohnung für all das, was sie mitgemacht hat", sagt ihre Zwillingsschwester Sylvie. Und einen schöneren Lohn kann es für eine Sportnärrin wie Edith Schmitt kaum geben. Sie hat selbst jahrelang Handball gespielt, davon geträumt, selbst einmal zu Olympia zu fahren. Gereicht hat es für sie nie. Aber jetzt hat sie das olympische Feuer in ihrer Hand - mit zwei Stunden Verspätung.
Schon kurz nach das Start am Eiffelturm muss die Polizei einschreiten. Zuvor hat ein Mitglied der Grünen Partei versucht, die Fackel dem ersten Träger zu entreißen, dem früheren 400-Meter-Hürden-Sprinter Stephane Diagana. Diagana hat sich den Protesten angeschlossen und trägt bei dem Lauf ein Band mit der Aufschrift "Für eine bessere Welt".
Beamte gehen dazwischen, bringen die Flamme in einem Bus in Sicherheit. Doch dort - welch Blamage - geht das Feuer aus. Aus technischen Gründen, wie ein Sprecher sagt. Nach einigen Minuten wird die Fackel mit einer Laterne, dem Mutterlicht, wieder entzündet. Nicht zum letzten Mal an diesem Tag. Immer wieder müssen die Beamten die Flamme im Bus verstecken, wenn Demonstranten herandrängen, wenn sie mit Feuerlöschern anrücken, gleich vier Mal erlischt während der Rettungsversuche das Feuer, die 28 Kilometer Strecke bis zum Stadion sind eine einzige Demütigung Chinas. "Boykottiert chinesische Waren" und "Rettet Tibet" steht auf den Spruchbändern am Rand des Weges.

Teil 2: Grandioses PR-Debakel

  • Aus der FTD vom 08.04.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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