Dossier
Sieben Jahre hat China auf Olympia hingefiebert. Nun kehrt der Alltag zurück und mit ihm viele lang überdeckte Probleme. Die Konjunktur schwächelt, die Börse bricht ein - plötzlich muss das Land um sein Wirtschaftswunder bangen. von Claudia Wanner (Hongkong) und Claus Hecking (Hamburg)
Das olympische Feuer war gerade erloschen, da entzündeten die Organisatoren der Abschlusszeremonie noch einmal eine neue Flamme. 396 Artisten kletterten auf ein meterhohes Gerüst im Vogelneststadion, bildeten in ihren feuerfarbenen Kostümen eine gewaltige Fackel. "Sie können das wie Computer", hatte ihr Chefchoreograf Zhang Yimou bereits vorab versprochen. Eine noch uniformere "menschliche Performance" bekämen nur die Nordkoreaner hin. Doch eine halbe Stunde später war auch Zhangs Menschenflamme aufgelöst, die letzte von Tausenden Feuerwerksraketen im Pekinger Nachthimmel verglüht.
Ende, aus, vorbei. Sieben Jahre lang hat China auf diese Spiele hingearbeitet. Auf ein perfekt inszeniertes Sportereignis, das der Welt demonstrieren sollte, wozu der einstige "kranke Mann Ostasiens" wieder fähig ist. Und für die meisten der 1,3 Milliarden Chinesen ist dieses Olympia ein riesiger Erfolg - die westliche Kritik an Menschenrechtsverletzungen haben sie nicht mitbekommen.
Doch nun kehrt der Alltag zurück, und plötzlich ist das chinesische Wirtschaftswunder in Gefahr. Die Kurse an der Schanghaier Börse rauschen in den Keller, die Zahl der Firmenpleiten steigt bedrohlich, das Wachstum schwächelt, die Inflation zieht an. Und so wächst nun überall die Angst vor dem "Guai dan": dem Wendepunkt.
Sieben Jahre hat China auf Olympia hingefiebert - nun kehrt der Alltag zurück
Jack Mas Worte haben Gewicht in China. Der frühere Englischlehrer hat Alibaba aufgebaut, die größte E-Commerce-Plattform des Landes. Daheim nennen sie ihn "Chinas Bill Gates". Ma gilt als unerschütterlicher Optimist, doch in diesen Tagen wirkt er besorgt. "Ein ökonomischer Winter wird kommen, und er könnte länger, kälter und komplizierter werden als erwartet", schreibt er. Die abflauende Weltkonjunktur bedrohe "Millionen inländischer Unternehmer, vor allem kleine und mittelgroße Firmen, das Herz von Chinas Wirtschaft".
Ma ist nicht der einzige Skeptiker. "Wolken brauen sich über der chinesischen Wirtschaft zusammen", sagt etwa Stephen Green, Chefökonom der Großbank Standard Chartered in Schanghai: "Die goldenen Jahre sind vorbei." Selbst das KP-Politbüro nennt 2008 "unser schwierigstes Jahr zur Entwicklung der Wirtschaft".
Abgeflacht - Bruttoinlandsprodukt Chinas
Jahrelang galt die Volksrepublik mit ihren zweistelligen Wachstumsraten als unerschütterlicher Fels in der Brandung. Der Asiencrash, das Platzen der Dotcom-Blase, die Lungenkrankheit Sars, die US-Immobilienkrise - nichts konnte die Wirtschaft bremsen. Nun aber schwächelt sie.
Im zweiten Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt um 10,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Damit verringerte sich das Wachstum zum vierten Mal in Folge. Im Westen mag die Besorgnis über eine zweistellige Expansionsrate Kopfschütteln auslösen. Doch China braucht so ein großes Plus, um neue Jobs für Millionen von Migranten sicherzustellen, die Jahr für Jahr aus ländlichen Gegenden in die Städte übersiedeln. "Für China wären schon acht Prozent Wachstum zu wenig", sagt James McCormack, Asienexperte der Ratingagentur Fitch. Eine solche Rate käme einer Rezession gleich, bestätigt sein Kollege Tao Dong von Credit Suisse.
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