Dossier
Alexander Lebedew ist der erste russische Unternehmer seit Jahren, der Wladimir Putin offen herausfordert. Ist seine Kritik nur Show? Eine Spurensuche in einem taumelnden Land. von Andrzej Rybak (Moskau)
Keine Frage: Der Mann ist cool. Er hat seit Ausbruch der Krise 1 Mrd. $ verloren, und er sieht es mit Humor. Ich habe immer noch genug zum Leben", sagt Alexander Lebedew "Auch wenn ich von der Forbes-500-Liste der reichsten Leute wohl verschwinden werde."
Doch im Grunde redet Lebedew derzeit weniger über sein Geld. Der Oligarch, einer der Großen im russischen Luftverkehr, redet über seine Heimat, über die Regierung - und über Wladimir Putin. Jenen Mann, der seit neun Jahren die Geschicke seines Landes bestimmt, das tief in den Strudel der Finanzkrise gerissen wurde. Dann wird Lebedew laut, seine Stimme schneller, er droht die Beherrschung zu verlieren.
"Es gibt zwei Putins", ereifert sich Lebedew. "Der eine ist gegen die Isolation des Landes und gegen Protektionismus. Der andere führt Importzölle für ausländische Fahrzeuge ein. Zu jedem Thema hat er verschiedene Aussagen gemacht, die sich oft gegenseitig ausschließen."
Taten widersprechen Worten
Und dann Davos. Vor wenigen Tagen hat der Ministerpräsident auf dem Weltwirtschaftsforum über seine Vision von Russland gesprochen. Über die Notwendigkeit, die Privatwirtschaft zu stärken. Lebedew kann es kaum fassen: "Dieser Mann redet das eine und macht das Gegenteil. Und was ist seine Bilanz? In Sotschi werden Milliarden für Olympia versenkt, aber das Land darbt. Wie dumm! Es fehlen Schulen und Krankenhäuser, Straßen und Häfen. Putin hat doch nichts Neues gebaut!" Die Global Leaders in den Schweizer Alpen aber, die klatschten Putin dennoch begeistert Beifall.
Lebedew schüttelt den Kopf.
Der Unternehmer Alexander Lebedew besitzt Fluglinien und die wichtigste Oppositionszeitung des Landes
Alexander Lebedew ist derzeit wohl eine der interessantesten, aber auch undurchsichtigsten Figuren der russischen Wirtschaft. Seit sechs Jahren hat kein Unternehmer in Russland gewagt, in diesem Ton und dieser Offenheit über die Politik des Ex-Präsidenten und heutigen Ministerpräsidenten herzuziehen. Der Letzte war Michail Chodorkowski, damals Eigentümer des Ölkonzerns Yukos. Der Kreml machte kurzen Prozess: Chodorkowski wurde des Betrugs und der Steuerhinterziehung angeklagt und zu acht Jahren Straflager in Sibirien verurteilt. Sein Konzern wurde zerschlagen. Danach wagte kein Oligarch mehr, Putin zu kritisieren. Bis Lebedew kam.
Die prächtige Villa im Zentrum von Moskau, in der er residiert, ist voller Antiquitäten. Überall stehen schwere Möbel aus dunklem Holz und Leder. An den Wänden hängt eine prächtige Sammlung alter russischer Meister. Hier arbeitet Lebedew, doch er ist kein Buchhaltertyp, er ist ein Lebemann, der Designerjeans und Lederjacken trägt, der auf allen Empfängen zu sehen ist, selbst Wohltätigkeitsbälle organisiert und Geld für seine Tschechow-Stiftung oder für den Bau von Krebszentren sammelt.
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