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Merken   Drucken   14.12.2009, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Rauchzeichen

Seit fünf Jahren blüht der Emissionshandel. Rund um den Globus geben Konzerne Milliarden für Projekte aus, um weiter CO2 in die Luft jagen zu dürfen. Nun tauchen immer mehr Betrugsfälle auf - das System gerät ins Wanken. von Christiane von Hardenberg, Neu-Delhi
Der Wind weht einen süßlichen Verwesungsgeruch herüber. Dampf steigt aus der rund hundert Meter breiten Müllhalde in die frische indische Morgenluft. Hunde streunen über die Abfallreste. Hoch oben am Himmel kreisen Vögel über der Anlage in der Hauptstadt Neu-Delhi.
Im grauen Nadelstreifenanzug führt der junge Manager Sumit Barat seine Besucher an der Halde vorbei. "Wir können uns hier den Müll aussuchen", erklärt der Mittdreißiger stolz und schlägt eine Fliege aus seinem Gesicht. Der Abfall hier in der Kompostieranlage des Stadtteils Okhla ist vom Feinsten. Er stammt größtenteils von Neu-Delhis Obst- und Gemüsemärkten - und ist daher rein organisch. Will heißen: ideal für Barats Geschäft, ideal für seinen Partner, den deutschen Stromkonzern RWE. Und ideal für den Klimaschutz.
Klimagipfel Die Welt schaut auf Kopenhagen
Sumit Barat verwandelt den Müll anderer Leute in Geld. Sein Unternehmen IL&FS Ecosmart wandelt den Abfall von Okhla in Dünger um - und verhindert so, dass tonnenweise klimaschädliches Methan aus der Halde in die Atmosphäre steigt. Im Gegenzug erhalten die Inder von einer Behörde der Vereinten Nationen Lizenzen zum Ausstoß von Treibhausgasen. Und diese Emissionsrechte geben sie ihrem Geldgeber RWE  weiter. Denn der kann die Zertifikate dringend gebrauchen.
Vor fast fünf Jahren hat die EU den Emissionshandel gestartet. Seither müssen alle Industriebetriebe und Stromversorger in der EU für jede von ihnen ausgestoßene Tonne Kohlendioxid eine Lizenz vorweisen. Haben sie nicht genug dieser Zertifikate, können sie Klimaschutzprojekte in der Dritten Welt finanzieren - und so zusätzliche Emissionsrechte erwerben.
CDM, Clean Development Mechanism, nennt sich dieses Prinzip. Umweltökonomen haben es entworfen, und Firmen wie RWE nutzen es eifrig: 150 Mio. Euro haben die Deutschen in 120 CDM-Projekte weltweit gesteckt. So können sie vergleichsweise günstig Lizenzen generieren, um ihre Kohlekraftwerke weiter zu betreiben. "CDM macht kosteneffizienten Klimaschutz möglich", sagt Ludwig Kons, Leiter Klimaschutzbei RWE Power.
Doch nun steht das System auf der Kippe. Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen geraten der Emissionshandel und ganz besonders das CDM-Geschäft immer stärker unter Beschuss. "Eine umfassende Reform ist unumgänglich", fordert selbst die Händlervereinigung IETA. Schließlich läuft das CDM-Geschäft längst nicht überall so reibungslos wie in Okhla.

Teil 2: Nachfrage nach CO2-Zertifikaten ist eingebrochen

  • Aus der FTD vom 14.12.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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