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Merken   Drucken   07.10.2004, 20:44 Schriftgröße: AAA

Agenda: Schlacht um ManU

Der US-Milliardär Malcolm Glazer will den englischen Traditionsklub Manchester United schlucken - für fast 1 Mrd. Euro. Die Fans fürchten, dass der Amerikaner sie ausnehmen will, und gehen auf die Barrikaden. von Raphael Honigstein, Manchester, und Andrzej Rybak, Hamburg
Der US-Milliardär Malcolm Glazer will Manchester United schlucken   Der US-Milliardär Malcolm Glazer will Manchester United schlucken
Wieder einmal haben Boulevardblätter die "Battle of Britain" ausgerufen. Wenn am Donnerstag in Old Trafford, dem Stadion von Manchester United, England gegen Wales zum WM-Qualifikationsspiel aufläuft, wird die Stimmung auf den Siedepunkt steigen. Auf dem Platz werden die befreundeten Profis mit harten Bandagen kämpfen, in den Rängen werden deftige Schmählieder ertönen und hinterher vielleicht auch ein paar Fäuste fliegen. Aber die große Schlacht von Old Trafford, sie geht richtig los, wenn der britische Bruderkrieg längst abgepfiffen ist.
Der wahre Feind, da sind sich die Anhänger von Manchester United einig, sitzt in Amerika. Am Montag hat der US-Milliardär Malcolm Glazer, der bereits 19,7 Prozent der ManU-Aktien besitzt, dem Traditionsklub "ein informelles Übernahmeangebot" unterbreitet, bestätigt der frühere Commerzbank-Vorstand Mehmet Dalman. Der Investmentbanker hat Glazer mehrmals geholfen, Aktienpakete der Red Devils, wie die Spieler von ManU wegen ihrer roten Trikots genannt werden, zu erwerben.
Silvio Berlusconi   Silvio Berlusconi
Wachsende Schar Milliardäre mit Hunger auf die Sportklubs
Malcolm Glazer gehört zu der wachsenden Schar Milliardäre, die sich die besten Sportklubs der Welt unter den Nagel reißen. Italiens Premier Silvio Berlusconi, der russische Oligarch Roman Abramowitsch, die Agnellis - sie alle haben sich in den vergangenen Jahren bei Topvereinen eingekauft. Einige von ihnen sind echte Sportfans und suchen die Nähe zu ihren Idolen. Anderen geht es ums Image, von dem ihr Kerngeschäft profitieren könnte. Die meisten wollen mit den berühmten Vereinen aber einfach noch mehr Geld verdienen.
Glazer ist so ein kühler Rechner. Er glaubt, im Sport stecke enormes finanzielles Potenzial. Um es auszuschöpfen, bedürfe es allein der richtigen Vermarktung. Einen Beweis für seine These hat Glazer bereits erbracht: 1995 kaufte er für 192 Mio. $ die mittelmäßige Footballmannschaft Tampa Bay Buccaneers. Acht Jahre später gewann der Klub aus Florida die begehrteste US-Football-Trophäe, den Super Bowl. Heute ist er 780 Mio. $ wert.
Wayne Rooney   Wayne Rooney
Vorbehalte der Engländer
In Manchester sieht man über den sportlichen Erfolg der Buccaneers hinweg. Hier ist Fußball eine Religion und Glazer ein Amerikaner - und die verstehen bekanntlich nicht viel von dem Spiel. "Er ist ein Yank und war noch nie in Old Trafford, was weiß der denn?", erregt sich ein Mann im Trikot mit der Nummer acht, wie es Wayne Rooney, der neue Fußballgott des Klubs trägt. "Er will mit uns nur Geld verdienen", vermutet ein weiblicher Fan.
Niemand scheint den Motiven des Milliardärs zu trauen. Die Blätter nennen ihn "Leprechaun", nach dem kleinen rothaarigen Kobold aus der irischen Mythologie, der den Menschen immer böse Streiche spielt und am Fuße des Regenbogens Unmengen von Gold vergraben hat. Rothaarig und klein ist Glazer tatsächlich. Doch was will er mit seinem Schatz tun? Die Fans sind misstrauisch. In Florida hat Glazer die Eintrittspreise für die Spiele der Buccaneers nach seinem Einstieg drastisch erhöht. Bei einer ähnlichen Preispolitik, rechnen Experten vor, müsste die Eintrittskarte fürs Old Trafford etwa 90 Euro kosten. Das würde die ManU-Fans auf die Barrikaden treiben.
Glazers Lebenslauf vermag die Vorbehalte der Engländer kaum zu entkräften. Der Amerikaner, dessen Vermögen von der Zeitschrift "Forbes" auf 1 Mrd. $ geschätzt wird, steht für den amerikanischen Traum. Der 76-Jährige gehört zu der Generation der Existenzgründer, die durch harte Arbeit und finanzielles Geschick ein Vermögen machten: Mit acht Jahren hilft Glazer bereits seinem Vater in einer kleinen Uhrwerkstatt in Rochester, New York, aus. Mit 15, nachdem der Vater an Krebs gestorben ist, übernimmt er das Geschäft und baut es langsam aus.
Die teuerersten Fußballklubs   Die teuerersten Fußballklubs
Für einen rabiaten Geschäftsstil bekannt
Die harte Kindheit lehrt Glazer Bescheidenheit. Der Milliardär ist kein Mensch, der Geld aus dem Fenster hinauswirft oder sich teuere Extravaganzen leistet. Einem Reporter erzählte er einmal, dass er seine Hosen im Schlussverkauf für 20 $ erworben habe. Er freue sich über den Kauf aber mehr als sein Sohn, der oft 200 $ für Markenhosen ausgebe. Glazers Begründung: "Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich keine 20 $ hatte."
Die ersten Millionen macht Glazer mit Grundstückshandel, mit Trailer-Parks und Fertighäusern. Dann steigt er ins Shopping-Mall-Geschäft ein; seine Firma First Allied Corporation vermittelt und verwaltet bis heute Einkaufszentren in zahlreichen US-Bundesstaaten. Anfang der 90er Jahre übernimmt Glazer die Zapata-Holding, eine Öl- und Gasfirma, die von George Bush senior, dem späteren US-Präsidenten, gegründet wurde. Der neue Besitzer stößt das Erdölgeschäft ab und konzentriert sich auf Fischverarbeitung. Heute stellt Zapata Fischöl und -protein als Zusatz für Tierfutter her. Ein anderes Tochterunternehmen produziert Spezialmaterialien für Auto-Airbags.
Glazer ist für seinen rabiaten Geschäftsstil bekannt. Die US-Zeitschrift "Business Week" zweifelte voriges Jahr in einem Artikel an, ob die Aktiengewinne von Zapata mit sauberen Mitteln erzielt wurden. Die US-Börsenaufsicht SEC schaltete sich in den Fall ein. Glazers Bezüge bei Zapata sollen die Gewinne der Firma deutlich überstiegen haben. Der Tycoon ist sich seiner Macht bewusst. Die Verwaltung von Tampa zwang er, ein neues Stadion für die Buccaneers zu bauen. Andernfalls werde der Klub in eine andere Stadt umziehen, drohte der Milliardär.
Roman Abramowitsch   Roman Abramowitsch
"Glazer ist nicht Abramowitsch"
Vor solchen knallharten Methoden und drastischen Sparmaßnahmen haben die ManU-Fans Angst. "Glazer ist nicht Abramowitsch", sagt ein ManU-Fan. Der russische Ölmagnat Roman Abramowitsch hat vergangenes Jahr den Traditionsverein Chelsea gekauft. "Bei dem Russen sitzt das Geld wenigstens locker." Die Anhänger sind besorgt, dass der reiche Amerikaner am Ende doch nicht genug Geld hat, um die Spielstärke des Klubs zu verbessern. Er soll etwa 950 Mio. Euro für die restlichen 80,3 Prozent der ManU-Aktien geboten haben. Ein fairer Preis: An der Börse ist der Verein derzeit gut 1 Mrd. Euro wert. Experten bezweifeln jedoch, dass Glazer über die notwendigen Sicherheiten verfügt, um den Betrag aufzubringen. Er werde ManU-Aktivposten verpfänden, fürchten die Fans. Auch aus diesem Grund wollen sie die Übernahme verhindern.
Sie wissen, worum sie kämpfen. Manchester United ist der reichste Fußballklub der Welt. Der operative Gewinn betrug im abgelaufenen Geschäftsjahr 93 Mio. Euro. In diesem Jahr sind die Gewinne zwar drastisch gesunken, aber dafür spielt das Fußball-Idol Rooney in Old Trafford. ManU ist eine der bekanntesten Sportmarken und hat weltweit mehr als 50 Millionen Fans, viele davon in Asien, wo Fußballenthusiasmus und Wirtschaftskraft schnell wachsen.
"Wenn Glazer den Kampf will, kann er ihn haben", sagt Jules Spencer von der Independent Manchester United Supporters Association (IMUSA). Der Fanclub hat die Aktion "Manchester United Not For Sale" ins Leben gerufen und will die Kleinaktionäre, die zusammen 18 Prozent der Vereinsaktien halten, gegen den Amerikaner mobilisieren. Am Donnerstag hat ein anonymer Geschäftsmann 1,1 Mio. Euro für den Kauf von Anteilen und den Kampf gegen Glazer zur Verfügung gestellt.
Rupert Murdoch   Rupert Murdoch
ManU-Fans sind Konflikte gewöhnt
ManU-Fans sind Konflikte gewöhnt. Als der Medienunternehmer Rupert Murdoch den Klub 1998 für 950 Mio. Euro übernehmen wollte, formierte sich massiver Widerstand an der Basis. Der öffentliche Druck rief die damals frisch gewählte Labour-Regierung auf den Plan. Das Wirtschaftsministerium untersagte letztlich die Transaktion - weil sie den Wettbewerb verzerre: Murdochs Sender BSkyB gehören die englischen Fußball-Fernsehrechte, mit ManU im Portfolio hätte er den Markt dominiert.
Widerborstig zeigten sich die Fans auch dieses Frühjahr, als sich die beiden irischen ManU-Großaktionäre JP McManus und John Magnier mit dem Trainer Alex Ferguson um ein Rennpferd stritten. Die Fans stürmten ein wichtiges Rennen, an dem Pferde der Iren teilnehmen sollten. Seitdem überlegen die Rennstallbesitzer, die knapp 29 Prozent der ManU-Aktien halten, ob sie ihre Anteile nicht lieber verkaufen sollten.
"Wir werden kämpfen", sagt IMUSA-Mann Spencer. "Eine Übernahme bringt dem Klub kein neues Geld", heißt es auf der Webseite www.mufcnotforsale.com. "Die einzige Folge wird sein, dass der neue Besitzer mehr Profit auf Kosten unseres Geldbeutels macht."

Ball und Business
Roman Abramowitsch Der russische Öl-Milliardär hat 2003 den hochverschuldeten FC Chelsea für 300 Mio. Euro übernommen und für 270 Mio. Euro neue Spieler gekauft.
Silvio Berlusconi Seit 1986 gehört dem italienischen Premierminister und Medienunternehmer der AC Mailand. Viermal gewann der Verein unter seiner Ägide den Europapokal.
Massimo Moratti Der italienische Ölunternehmer übernahm 1996 Inter Mailand. Obwohl er 500 Mio. Euro in mehr als 100 neue Spieler investierte, blieben große Erfolge aus.
Thaksin Shinawatra Thailands Premierminister ist ein schwerreicher Geschäftsmann und würde gerne mit Hilfe von Steuergeldern den FC Liverpool übernehmen.
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  • FTD, 07.10.2004
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