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Merken   Drucken   06.01.2008, 20:16 Schriftgröße: AAA

Agenda: Syrien auf Schmusekurs

Dossier Das Regime in Damaskus nähert sich dem Erzfeind Israel an. Staatschef Assad braucht dringend einen politischen Erfolg - denn Syriens Wirtschaft liegt am Boden. von Silke Mertins (Kuneitra)
Kuneitra ist eine Geisterstadt. Rechts und links der Straße liegen meterhoch noch immer die Trümmer, die die israelische Armee 1974 hinterließ. Syriens Regierung hat die Ortschaft direkt an der Grenze zum Erzfeind Israel absichtlich nicht wieder aufgebaut. Den ehemaligen Bewohnern ist es verboten zurückzukehren. Denn Kuneitra soll Mahnmal sein für den Kriegszustand auf den Golanhöhen. Für syrische Schulklassen gehört eine Fahrt hierher zum Pflichtprogramm.
Karte des Nahen Ostens   Karte des Nahen Ostens
Muhammad Ali blinzelt in die Wintersonne. Er ist PR-Direktor der Ruinen. Tausende ausländische Besucher hat er schon durch sein Reich in Sichtweite zum "zionistischen Feind" geführt. Auf dem Gipfel des nahen Bergs Hermon, wo Israelis im Winter Ski fahren, steht ein Sendemast der israelischen Armee - der letzte Beobachtungsposten vor dem Eisernen Vorhang des Nahen Ostens.
"Kuneitra soll lebendes Zeugnis sein für israelischen Barbarismus", spult Muhammad Ali seine Standardsätze ab. In seinem dunklen Anzug klettert er durchs halb zerstörte Gebäude des früheren Golan-Krankenhauses, um die "Zerstörungswut der Zionisten" vorzuführen. "Das hier war ein Ort, wo Menschen geheilt wurden", so der PR-Mann weiter. "Aber die Israelis haben ihn in einen Ort verwandelt, an dem sie trainierten, Menschen zu verletzten." Muhammad Alis Stimme bebt, als sei es erst gestern gewesen. "Wir sind die Opfer, Israel ist der Aggressor", schließt er seine Analyse mit erhobenem Zeigefinger ab.
Kuneitra und Damaskus trennen nur anderthalb Stunden Autofahrt. Doch zwischen dem Vertreter der alten syrischen Propagandamaschinerie und dem neuen Kurs der Regierung liegen Lichtjahre. Vom Feindbild Israel will man in der Hauptstadt nichts mehr wissen. Der junge Präsident Baschar al-Assad, der sein Amt vor sieben Jahren von seinem Vater Hafis erbte, ist entschlossen, das Land aus der internationalen Isolation herauszuführen. Trotz des mysteriösen israelischen Angriffs auf eine angebliche syrische Atomanlage im September, der schon einen neuen Krieg befürchten ließ, drängt Syrien sich Israel mit immer neuen Annäherungsversuchen auf. Der Schurkenstaat geht auf Schmusekurs.
Wer immer Damaskus besucht, berichtet anschließend, die Syrer meinten es ernst mit dem Frieden. US-Senator Arlen Specter, ein Republikaner wie Präsident George W. Bush, sprach erst vor wenigen Tagen in Damaskus von einer "echten Chance" in der Geschichte des Nahen Ostens. Assad selbst sagt gebetsmühlenartig, drei Viertel aller strittigen Fragen mit Israel seien bereits geklärt worden, in der vorerst letzten Verhandlungsrunde vor acht Jahren, noch unter seinem Vater. "Die restlichen 20 Prozent kann man in ein paar Wochen lösen." Vizeaußenminister Faisal al-Mikdad geht sogar so weit, sich den zeitlichen Vorstellungen des früheren US-Präsidenten Bill Clinton anzuschließen: Ein Abkommen könne "innerhalb von 35 Minuten" geschlossen werden.
Die neue Friedensbereitschaft ist mehr als nur eine Hoffnung auf Annäherung zweier seit Jahrzehnten verfeindeter Staaten. Es geht um eine spektakuläre Kehrtwende, mit Folgen weit über den Nahen Osten hinaus. "Wenn es gelingt, Syrien aus dem islamistischen Camp herauszulösen, hat das sehr viel weiter gehende globale Auswirkungen", sagt der ehemalige israelische Diplomat Alon Liel, der inoffizielle Gespräche mit Syrern geführt hat.
Die Kräfteverhältnisse in der ölreichen Region des Nahen und Mittleren Ostens würden sich gewaltig verschieben. Denn Syrien ist ein Schlüsselland für fast alle Konflikte, welche die Welt bewegen: im Palästinastreit, weil Damaskus radikalen Gruppen wie der Hamas Asyl gewährt. Im Libanon, weil Syrien die antiisraelische Schiitenmiliz Hisbollah unterstützt und sich innenpolitisch auf schädliche Weise einmischt. Und auch im Irak. Den USA zufolge unterstützt Syrien dort terroristische Gruppen.
Doch Präsident Assad, der dem Volk Reformen und Wohlstand versprochen hat, läuft die Zeit davon. In Damaskus lächelt er seinen Untertanen an jeder Straßenecke entgegen - mal cool mit Sonnenbrille, mal freundlich mit Frau und Kindern, mal an der Seite seines allmächtigen Vaters. Der Diktator light ist nicht unpopulär in Syrien. Doch seit seiner Amtsübernahme sind schon sieben Jahre vergangen. Reformen, zumindest ökonomische, hat es viele gegeben. Profitiert haben von der rasanten Öffnung der Wirtschaft bisher nur diejenigen, denen es in Syrien schon immer gut ging. Die große Mehrheit ist arm geblieben. Und die größten Kröten gilt es erst noch zu schlucken: einen gewaltigen Subventionsabbau und die massenhafte Privatisierung der Staatsbetriebe.

Teil 2: Wie Israels Regierungschef auf Syriens Annäherung reagiert

  • Aus der FTD vom 07.01.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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