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Merken   Drucken   30.09.2004, 02:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Wahl-Showdown in Miami

Beim Fernsehduell entscheidet sich, ob George W. Bush oder John F. Kerry die Präsidentenwahl in den USA gewinnt: Wer vor der Kamera siegt, wird auch am 2. November triumphieren. von Eva Busse, Miami
John F. Kerry und George W. Bush (von links)   John F. Kerry und George W. Bush (von links)
Um es kurz zu machen: John Kerry hat gewonnen. Überraschend vor allem, dass der Herausforderer selbst in der Frage des Irak-Kriegs überzeugender war als der amtierende 43. Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush. "Warum sterben unsere Truppen am Tigris?", lautete die knappe, die Debatte entscheidende Frage. Bush, der irgendwie fahrig, feist und ungebügelt in seinem schlecht sitzenden Anzug wirkte, sagte: "Weil Irak die entscheidende Front im Kampf gegen den Terror ist."
Da lächelte Kerry. Und begann, die kriegerische Außenpolitik seines Kontrahenten erbarmungslos auseinander zu nehmen: "Wir haben ein Land angegriffen, von dem keine Bedrohung ausging. Wir geben Milliarden für einen Krieg aus, der nur von der Terroristenbekämpfung ablenkt. Ein Irrsinn!" Das Publikum jubelte. Kerry war so gut, dass sich danach das schönste Mädchen zu ihm drängte und trotz seiner Akne fragte: "Hey, Luke, könnten wir da noch mal genauer drüber reden?"
So lief die Stellvertreter-Debatte zwischen Bush und Kerry, repräsentiert von zwei Politikstudenten, an der Universität von Miami. Eine wirklichkeitsfremde Generalprobe für die größte Show, die je in der universitären Basketballhalle, dem Convocation Center, stattgefunden hat. Nicht nur wegen ihres Ausgangs. Bei der echten Präsidentschaftsdebatte werden Donnerstagabend die Anzüge perfekt sitzen. Hautunreinheiten werden weggeschminkt. Studenten (bis auf eine Hand voll Streber, die einen Essaywettbewerb gewonnen haben) werden verbannt. Jubel aus dem Publikum wird verboten. Das wichtigste Wahlkampfereignis der nach Meinung von Vizepräsident Dick Cheney "wichtigsten Wahlen der Menschheitsgeschichte", soll nämlich nur einem gefallen: der Fernsehkamera.
Was die Kamera in den ersten 30 Minuten der ersten Präsidentschaftsdebatte einfängt, entscheidet die Wahl. Wer im Fernsehland USA die Zuschauer überzeugt, wird gewählt werden.
George W. Bush und Al Gore (von links) vor vier Jahren   George W. Bush und Al Gore (von links) vor vier Jahren
Die Kamera liebkosen und die Wahl gewinnen
Dafür gibt es reichlich Belege aus der Vergangenheit. Vor genau vier Jahren lag Vizepräsident Al Gore in den Umfragen vorn. Nachdem 47 Millionen Amerikaner die erste Fernsehdebatte gesehen hatten, lag Gore um fünf Prozentpunkte zurück. Ihm fehlte, so der Debattenhistoriker Alan Schroeder, die Fähigkeit "to make love to the camera" - züchtig ausgedrückt: die Kamera zu liebkosen. Diese Gabe hat seit 1960, seit der ersten live übertragenen TV-Debatte zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy, alle späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ausgezeichnet.
Je knapper die Meinungsumfragen nach monatelangem Abtasten aus der Ferne, desto entscheidender wurde der Nahkampf von Mann zu Mann, Auge in Auge, ohne Berater, ohne Notizen, live im Fernsehen. Wenn Partei und politisches Programm nicht mehr zählen, sondern nur noch Schlagfertigkeit und Charme. In diesem Jahr geben 29 Prozent der amerikanischen Wähler an, dass die Sendung aus dem Convocation Center in Miami ihre Wahlentscheidung beeinflussen werde. Selten war der Flirt mit der Kamera so wichtig wie mitten im Terrorkrieg.
Bush geht mit Vorsprung in die Debatte. Seit zwei Wochen führt der amtierende Präsident in den Meinungsumfragen. Im Schlüsselstaat Florida, wo schon die vergangene Wahl entschieden wurde, schob er sich vor wenigen Tagen acht Prozentpunkte vor Kerry. Das Team des Präsidenten hat verstanden, wie die Wahl zwischen diesen beiden schwachen Kandidaten ausgeht: Falls sich der Wahlkampf um Bush dreht, wird Kerry gewinnen; falls er sich um Kerry dreht, wird Bush gewinnen. Deshalb werden in der Öffentlichkeit seit Wochen immer neue Angriffe gegen den Senator gefahren.
Grundregeln im Fernseh-Showdown
Das Team des Präsidenten weiß um die Grundregeln im Fernseh-Showdown. Die wichtigste lautet: Im Zweifel nutzen die Debatten eher dem Herausforderer. Der legendäre Beleg dafür ist Vizepräsident Nixons Debakel gegen Senator John F. Kennedy 1960. Indem er die Aufforderung zum Duell annahm, verhalf Nixon seinem bis dahin fast unbekannten Herausforderer zu Fernsehprominenz und zum Wahlsieg. Nixons Pleite, die in der Politfolklore auch seinen Bartstoppeln und seinem Oberlippenschweiß zugeschrieben wird, erschreckte die Szene in Washington dermaßen, dass es 16 Jahre lang keine Debatten mehr gab. Seit 1976 aber sind sie Wahlkampfkult. Und seitdem wächst der politische Preis, wenn der amtierende Präsident sich drückt.
Beispiel: Vater Bush. Er hatte 1992 jedes Steitgespräch mit Bill Clinton zunächst verweigert. Dann startete das Clinton-Team die "Verschreckte-Hühnchen-Kampagne": Hunderte verkleidete, gackernde Wahlkämpfer mit dem Poster "Chicken Bush" verfolgten den Vizepräsidenten und beschimpften ihn so lange als Feigling, bis er nachgab und der Debatte zustimmte.
Der Sohn lässt sich nicht so lange bitten. Bush jr. weiß, dass die Republikaner die Debatte um die Debatte bereits jetzt gewonnen haben. Dafür hat James A. Baker III gesorgt. Baker war Außenminister unter dem alten Präsidenten Bush und hat dem Sohn als Rechtsbeistand bei der Florida-Nachzählung im Jahr 2000 zur Präsidentschaft verholfen. Außerdem ist er der erfahrenste Debattenveteran Amerikas. Von 1980 bis 1992 hat Baker die Debattenverhandlungen für die Republikaner geleitet. Historiker Schroeder bezeichnet Baker als "Koryphäe in diesem Prozess aus Bluff und Gegenbluff, Ränkespielen und blutigem Pferdehandel".
Den Gegner kommen lassen
Sein erster Winkelzug: den Gegner kommen lassen. Kaum nominiert, wollte Kerry jeden Monat einmal mit Bush diskutieren. Baker reagierte nicht. Im August wollte Kerry einmal pro Woche debattieren. Baker schwieg. Amerika wurde nervös, ob es überhaupt zum Fernsehduell kommen werde. Das verschaffte dem Bush-Team die Oberhand, als es sich im letzten Moment doch noch zu Verhandlungen herabließ. Weil es, so wurde gestreut, "so gut läuft für Bush und so schlecht für Kerry, dass wir dem Senator nicht die Gelegenheit geben wollen zu behaupten, Bush habe Angst vor den Debatten".
Bakers wichtigster Verhandlungserfolg ist der Themawechsel. In Miami sollte eigentlich über Innenpolitik gesprochen werden - Defizit, Gesundheitswesen, Schulsystem, Umwelt. Kein Lieblingsfach des Kriegspräsidenten. Baker setzte durch, dass der Moderator bei der ersten und mit Abstand wichtigsten Debatte stattdessen Außenpolitik und nationale Sicherheit abfragt. Schließlich hat Bush mit seiner Sicherheitspolitik 72 Prozent der Wähler auf seiner Seite. Kerry muss Donnerstagabend gegen landesweite Skepsis anreden.
Ein weiterer Baker-Bonus ist ein lächerliches rotes Lämpchen, dass wie in einer Spielshow immer dann blinken wird, wenn ein Kandidat zu lange redet. Kerry ist bekannt für seine zeitintensiven Nebensätze. Zudem darf die Regie nur noch den Redner zeigen und nicht die Reaktion des Gegners. Vor vier Jahren hatte Al Gore, wenn Bush sprach, Grimassen geschnitten und war hinter seinem Pult getänzelt, um die Kamera auf sich zu lenken. Deshalb wurde auch der Bewegungsradius der Kandidaten beschränkt.
Debattenvertrag über 32 Seiten
Für diese Vorteile scheint Baker in der Frage der Mannshöhe nachgegeben zu haben: Anders als bei früheren Debatten, wird der kleinere Kandidat - diesmal der Präsident - auf kein verborgenes Treppchen hinter dem Pult steigen dürfen.
In dem 32 Seiten langen Debattenvertrag, den beide Seiten unterschrieben haben, ist außerdem genau bestimmt, wie viele Fragen der Moderator stellt, wie lange die Antworten dauern, wo die Kameras stehen, was sie nicht aufnehmen dürfen (Familienmitglieder und anderes Publikum), wie hoch und breit die Rednerpulte sind, wie weit entfernt voneinander und in welchem Winkel sie stehen, und wie hoch die Temperatur die Basketballhalle ist (die in Andenken an Nixon so genannte Oberlippenschweiß-Klausel).
Gleichzeitig wendet das Bush-Team sein Erfolgsrezept vom vergangenen Mal an: Es senkt Erwartungen. Wer dieser Tage Republikanern zuhört, muss Kerry für ein Debattengenie halten und Bush für einen Stammler. "Er ist fantastisch, wahrscheinlich der beste Debattierer, der jemals zur Wahl stand", sagt etwa Bushs Chefstratege Matthew Dowd über Kerry, "das ist kein Witz: Er ist besser als Cicero." Vor vier Jahren spielten die Republikaner das gleiche Spiel: Am Ende der Propagandaoffensive wurde Bush komplett unterschätzt. Als er dann trotzdem mit Vizepräsident Gore mithielt, wurde er zum Überraschungssieger erklärt.
"Der Kumpel gewinnt"
"Bushs Erfolg wurzelt in der geringen Erwartungshaltung - er muss die Debatte nur überleben, dann gilt er schon als Sieger", sagt der politische Analyst James Fallow. "Darüber hinaus versteht er es sehr gut, dem Zuschauer seine zentralen Botschaften einzuhämmern." Auch Debattenspezialist Schroeder setzt auf Bush: "Eigentlich hat der Präsident schon dreimal gegen Kerry debattiert - im Jahr 2000. Wie Al Gore redet auch Kerry nicht wie der durchschnittliche Amerikaner, sondern wie der durchschnittliche Senator. Und Bush weiß, wer die Fernsehdebatte zwischen dem elitären Typen und dem kumpeligen Typen gewinnt: der Kumpel."
Noch läuft die Kamera nicht. Noch kann die Sendung aus der Basketballhalle in Miami genauso ausgehen wie ihre Generalprobe. Trotz aller Risikominimierung durch James Baker hat der Präsident noch immer die Chance, das Millionenpublikum mit einem Bushismus zu beglücken. Und sich in der Fernsehgeschichte zu verewigen.
Gerald Ford hat das geschafft, indem er vor laufender Kamera behauptete: "Es gibt keine sowjetische Dominierung Osteuropas." Der alte Präsident Bush brauchte gar nur eine Geste. Er zuckte während der Debatte gegen Clinton mit dem Handgelenk. Als die Wahl verloren war, gab er zu: "Ob ich froh war, als diese verdammte Sendung vorbei war? Yeah! Deshalb habe ich wohl auch auf die Uhr geguckt und gedacht: 'Nur noch 10 Minuten von diesem Mist'." Seinem Sohn stehen 90 Minuten bevor.

Bush vs. Kerry
Drei Debatten Innerhalb der nächsten zwei Wochen werden sich Präsident und Senator dreimal gegenüber stehen: in den entscheidenden "Schlachtfeldstaaten" Florida, Missouri und Arizona.
Zwei Formate Bei der ersten und der dritten Debatte sind die Kandidaten weitgehend unter sich, die Fragen stellt ein Moderator. Die zweite Debatte funktioniert nach Art eines "Bürgerhaustreffens": Unentschiedene Wähler fordern Antworten.
Drei Moderatoren Den Karrieregipfel im US-Fernsehen hat erklommen, wer eine Präsidentschaftsdebatte moderieren darf. Ausgewählt werden traditionell zahme TV-Stars, die das politische Risiko der Live-Sendung senken.
  • FTD, 30.09.2004
    © 2004 Financial Times Deutschland,
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