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Merken   Drucken   18.11.2008, 20:01 Schriftgröße: AAA

Agenda: Wie die Krise in China wütet

Dossier Die Provinz Guangdong gilt als Keimzelle des chinesischen Wirtschaftswunders. Hier wollte die Regierung zeigen, dass das Land mehr kann, als billig zu produzieren. Dann kam die Finanzkrise. von Claudia Wanner (Shenzhen)
Die junge Frau schaut verlegen auf ihr Strickzeug. "Ich suche einen neuen Job", sagt sie mit gesenktem Blick. Seit zwei Wochen ist sie arbeitslos. Sie nestelt an der weißen Jacke, die sie über einem dunkelgrünen T-Shirt trägt. "Aber im Moment ist das schwierig." Zu viele Firmen schließen, zu viele Wanderarbeiter suchen nach neuer Beschäftigung. Ihren Namen will sie nicht verraten, nur dass sie aus Sichuan stammt und über ein Jahr bei Yi Jing Li als Verpackerin gearbeitet hat. Die Firma gehört zum Hongkonger Uhrenhersteller Peace Mark. Ende Oktober hat die Uhrenfabrik in der südchinesischen Metropole Shenzhen von einem Tag auf den anderen geschlossen, 700 Arbeiter ohne Zahlung des ausstehenden Lohns vor die Tür gesetzt.
In dem Apartmentkomplex, in dem die arbeitslose junge Frau und ihr Mann leben, ist es eng und dunkel. Zwischen den einfachen, zehnstöckigen Wohnblocks fließt das Abwasser teilweise offen neben den schmalen Fußwegen. Knapp 500 Meter sind es von hier zu der Fabrik. Vor dem Tor schräg gegenüber betreibt Li Hong Zhao einen winzigen Zigaretten- und Getränkeladen. "Die meisten der Arbeiter sind weg, zurück in ihre Heimat", sagt Li. Bald werde er mangels Kundschaft auch zusperren müssen.
Geographische Lage der chinesischen Provinz Guangdong   Geographische Lage der chinesischen Provinz Guangdong
Seit Wochen sind Fabrikschließungen in Guangdong an der Tagesordnung. Die Provinz wurde von der weltweiten Finanzkrise besonders hart getroffen. Acht Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts werden hier erwirtschaftet und ein Drittel der Exporte. Genau diese Stärke wird der Gegend jetzt zum Verhängnis. Keine andere Region Chinas ist so stark von Ausfuhren abhängig wie Guangdong. Mit dem Abschwung in den USA und Europa sinkt die Nachfrage nach Waren aus der "Fabrik der Welt". Aus der Region am Perlfluss kommen traditionell Spielwaren und Textilien, Lederwaren und simple Elektronikartikel.
"Grundsätzlich sind Zentral- und Nordchina viel stärker diversifiziert als der Süden. Dort war zuletzt auch das Wachstum stärker", sagt Holger Kunz, Geschäftsführer des TÜV Rheinland in Shenzhen, der die Exportwaren im Herkunftsland Sicherheitsprüfungen unterzieht. "Dadurch sind diese Regionen womöglich jetzt besser geschützt."
Lange stand die Provinz im Süden als Modell für Chinas Modernisierung. Hier nahmen Deng Xiaopings Wirtschaftsreformen vor 30 Jahren ihren Anfang. Hier durften zuerst Ausländer investieren. Hier wurden auch die ersten chinesischen Privatbetriebe gegründet. Doch der Vorreiter von einst hat seinen Führungsanspruch eingebüßt: Guandong wird von der Fertigung einfacher Massenwaren wie T-Shirts, Plastikbauklötze und Handtaschen dominiert.
Die Provinzregierung hat schon voriges Jahr einen Strukturwandel eingeleitet und bemüht sich seitdem um die Ansiedlung neuer zukunftsorientierter Branchen wie Pharma, Biotechnologie, IT und Maschinenbau. Die Zentralregierung stützt den Wandel, sie schafft Steueranreize für Exporteure ab, verschärft die Umweltauflagen und das Arbeitsrecht. "Die Maßnahmen sind nicht speziell gegen Guangdong gerichtet", sagt Andy Rothman, China-Stratege beim Brokerhaus CLSA. "Aber die anfälligen Industrien sind vor allem dort angesiedelt."

Teil 2: Die Hoffnung auf China schwindet

  • Aus der FTD vom 19.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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