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Merken   Drucken   06.12.2010, 08:26 Schriftgröße: AAA

Amazon contra Wikileaks: Washingtons Helfer verspielen Vertrauen

Leitartikel Die US-Regierung sucht Verbündete in ihrem Feldzug gegen die Enthüllungsplattform Wikileaks. Große Unternehmen wie Amazon stehen ihr bereitwillig zur Seite - ein gefährliches Verhalten.
Amazon  löschte die von Wikileaks veröffentlichten US-Diplomatenberichte von seinen gerade erst gebuchten Servern, die Firma Paypal verweigerte den von ihr angebotenen Bezahlservice, der Onlinedienstleister EveryDNS.net schließlich legte die Internetadresse www.wikileaks.org auf Eis. Das Verhalten der Firmen ist gefährlich. Zwar mögen sie so politischen Repressalien in den USA aus dem Weg gegangen sein. Doch setzen sie mit ihrem vorauseilenden Gehorsam das für die Branche essenzielle Vertrauen bestehender und potenzieller Kunden aufs Spiel.
Man muss nicht die Aktion von Wikileaks verteidigen, um die Brisanz der Firmenentscheidungen zu erkennen. Vor allem der Schritt von Amazon, Wikileaks den Dienst zu verweigern, könnte einen der wichtigsten Trends der Onlinebranche beeinflussen. Immer mehr Unternehmen lagern Teile ihrer Daten aus und vertrauen sie dem sogenannten Cloud-Computing an. Hinter dem Begriff verbergen sich Rechenzentren von Anbietern wie Amazon und Google . Für Firmen ist dies eine willkommene Dienstleistung, weil sie nicht selbst Serverkapazitäten aufbauen müssen. Allerdings geben sie wichtige Daten in die Hände anderer und unterwerfen sich deren Geschäftsbedingungen.
Dass ein Cloud-Anbieter sich nun auffällig schnell nach eigenem Ermessen politischem Druck beugt, sendet ein problematisches Signal. Da hilft es auch wenig, dass Amazon den Schritt mit Urheberrechtsverletzungen begründete. Sicher, Wikileaks ist ein Sonderfall und nicht mit dem Geschäft eines normalen Unternehmens vergleichbar. Doch ist gerade die Aufbewahrung digitaler Daten ein so sensibles Thema, dass jede Entscheidung gegen einen Kunden abschreckend wirkt.
Amazon hat den Cloud-Dienst vor einigen Jahren aufgebaut und will einen wesentlichen Teil seines Geschäfts damit bestreiten. Das könnte dem Unternehmen helfen, über seine üblichen Wachstumsraten hinauszukommen. Der Branche wird ein gewaltiger Zuwachs vorausgesagt. Einer Studie zufolge könnte allein die deutsche Branche bis 2015 über 8 Mrd. Euro mit Cloud-Computing erlösen.
Das lässt sich nur bewerkstelligen, wenn die Datenwolke rund um die Uhr zuverlässig funktioniert. Datenpannen und Ausfälle hatten das Modell schon zuvor in Verruf gebracht. Größere Unternehmen denken deshalb darüber nach, die Kapazitäten im eigenen Haus auszubauen, anstatt sich fremden Anbietern anzuvertrauen. Der Fall Wikileaks dürfte sie darin bestärken. Firmen wie Amazon müssen zeigen, dass sie in erster Linie dem Kunden gegenüber verantwortlich sind, so groß der Druck auch sein mag.
  • Aus der FTD vom 06.12.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 11.12.2010 06:04:24 Uhr   Cloudius: Nachtrag

    Inzwischen kann man eigentlich sogar vermuten, dass Amazon sich einen Gefallen mit der Aktion erwiesen hat. Die von Wikileaks-Befürwortern eingeleiteten Hackerangriffe (DDos-Attacken) gegen Amazon sind nämlich offensichtlich wirkungslos verpufft - während Visa und Mastercard ziemlich übel erwischt wurden. Besser kann man eigentlich kaum der ganzen Welt demonstrieren, wie toll Amazon die Sache mit der Wolke technisch voll im Griff hat (über die andern sollte man aber besser den Mantel des Schweigens breiten).
    Dumm nur für die armen Hacker-Kiddies, dass sie nun nicht nur ihr Ziel verfehlt haben, Amazon einen Denkzettel zu erteilen, sondern selbst am Haken hängen - nämlich am Haken der polizeilichen Ermittler ... Aber das ist ja wieder ein anderes Thema ...

  • 10.12.2010 18:41:51 Uhr   Cloudius: Amazon Legalität
  • 09.12.2010 10:24:53 Uhr   Dr_Bogdan: Alternativen zu Amazon und Paypal
  • 08.12.2010 16:49:25 Uhr   Dominik: Richtiger Kommentar
  • 07.12.2010 01:41:41 Uhr   Michael: Bezüglich Legalität
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