Nicht nur Banken und Börsen sind von der schwersten Finanzkrise seit 1928 schwer betroffen. Auch auf Unternehmen außerhalb des Finanzsektors und auf die weltweite Konjunktur hat das Desaster starke Auswirkungen.
Der US-Wirtschaft droht 2009 die höchste Arbeitslosigkeit seit der Rezession in den Jahren 1981 bis 1982. Damals erreichte die Arbeitslosenquote in der Spitze 10,8 Prozent. Volkswirte gehen davon aus, dass im kommenden Jahr acht bis neun Prozent erreicht werden könnten. "Eine weltweite Rezession ist nun nicht mehr abwendbar. Die Wirtschaft aller wichtigen Industrieländer wird schrumpfen. In den USA deutet vieles auf eine Arbeitslosenquote von neun Prozent hin", prognostizieren die Experten des niederländischen Finanzkonzerns ING.
Aufschluss über die weitere Entwicklungen gab der US-Arbeitsmarktbericht, der am Freitag veröffentlicht wurde. Demnach gingen im November 533.000 Stellen verloren. Das ist weit mehr als erwartet: Analysten hatten mit einem Abbau von "nur" 333.000 Jobs gerechnet. Die Arbeitslosigkeit legte von 6,5 auf 6,7 Prozent zu. Die Zahlen für September und Oktober wurden nach unten revidiert. In den beiden Monaten wurden demnach 199.000 Stellen mehr abgebaut als ursprünglich gedacht. "Der Abschwung der US-Wirtschaft hat sich wirklich beschleunigt", sagte Julia Coronado, Volkswirtin bei Barclays Capital. "Die Situation auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert sich dramatisch. Über alle Branchen hinweg werden Jobs abgebaut."
Die Börsen reagierten negativ. Der Dax fiel um vier Prozent auf 4379 Punkte. Der Bund-Future legte trotz dieser enttäuschenden Zahlen kaum zu. In einer ersten Reaktion sprang er zwar auf 124,29, allerdings notierte er später wieder unterhalb von 124 Zählern. Der Euro stieg auf 1,2735 $, musste die Gewinne aber wieder abgeben. Der Ölpreis fiel um drei Prozent auf 42,30 $. "Die Zahlen verdeutlichen, dass die US-Wirtschaft immer stärker in die Rezession rutscht. Der Konsum des laufenden Quartals dürfte sich angesichts dieser Entwicklung sehr schwach präsentieren", sagte Ulrich Wortberg, Renten- und Devisenstratege der Helaba.
Die Vereinigten Staaten stecken in einer tiefen Krise. Allein diese Woche kündigten US-Unternehmen mindestens 33.000 Stellenstreichungen an. Am Donnerstag teilte das Telekomunternehmen AT&T mit, 12.000 Mitarbeiter oder vier Prozent der Belegschaft entlassen zu wollen. Auch das Medienunternehmen Viacom , der Chemiekonzern Dupont und der Autoverleih Avis Budget Group setzen den Rotstift an.
Seit Jahresbeginn verlor die US-Wirtschaft insgesamt 1,7 Millionen Jobs. Alle Branchen sind betroffen: Der Papierhersteller Abitibibowater schließt Fabriken in Kanada, Alabama und Tennessee und trennt sich von sieben Prozent seiner Mitarbeiter. Der Möbellieferant Steelcase macht einen Standort in Atlanta dicht. 300 Jobs sind davon betroffen, insgesamt sollen im Zuge der Restrukturierung 600 bis 900 Stellen gestrichen werden. Insgesamt verlor das verarbeitende Gewerbe im Oktober 492.000 Stellen.
Weitere Entlassungen sind wahrscheinlich. Die US-Autohersteller sagten dem Kongress zu, sich im Gegenzug für staatliche Unterstützung schlanker aufstellen zu wollen. Der Wirtschaftsverband Business Roundtable, der die Interessen von 160 US-Unternehmen vertritt, teilte am Donnerstag mit, dass 60 Prozent der Vorstandsvorsitzenden laut einer Umfrage planen, Mitarbeiter zu entlassen. "Wegen der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation revidieren Unternehmenslenker ihre Prognosen für Umsatz, Kapitalinvestitionen und Beschäftigung nach unten", sagte Harold McGraw III, Präsident des Rountable.
Grund für die Entlassungen auf breiter Front ist der dramatische Abschwung der größten Volkswirtschaft der Welt. Die USA befinden sich nach Angaben des National Bureau of Economics (NBER) seit Dezember 2007 in der Rezession. Das Komitee von prominenten Volkswirten beobachtet die Konjunktur, seine Urteile finden große Beachtung. Mit einer Dauer von jetzt schon zwölf Monaten übertrifft die Abschwungsphase bereits den Durchschnitt der Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg. Dieser liegt bei zwölfeinhalb Monaten.
Dabei blendete das Gremium das Wirtschaftswachstum im ersten und zweiten Quartal 2008 aus und betonte stattdessen, dass Beschäftigung und Löhne Ende des vergangenen Jahres ihren Höhepunkt erreicht hätten. Inzwischen spiegelt auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) das Schrumpfen der Wirtschaftsleistung wider. Im dritten Quartal lag das BIP bei minus 0,5 Prozent. Volkswirte spekulieren auf eine noch schlechtere Zahl im vierten Quartal. Experten von Goldman Sachs und Morgan Stanley rechnen mit einem Minus von fünf Prozent im vierten Quartal.