FTD.de » Politik » International » Größter US-Jobabbau seit 1974
  FTD-Serie: Die Kollateralschäden

Nicht nur Banken und Börsen sind von der schwersten Finanzkrise seit 1928 schwer betroffen. Auch auf Unternehmen außerhalb des Finanzsektors und auf die weltweite Konjunktur hat das Desaster starke Auswirkungen.

Merken   Drucken   05.12.2008, 14:47 Schriftgröße: AAA

Amerika in der Krise: Größter US-Jobabbau seit 1974

Seit Monaten befinden sich die USA in der Rezession. Die Arbeitslosenquote ist inzwischen so hoch wie zuletzt in den frühen 90er-Jahren. Im November wurden so viele Stellen abgebaut wie seit 34 Jahren nicht mehr.
von Tobias Bayer (Frankfurt)

Der US-Wirtschaft droht 2009 die höchste Arbeitslosigkeit seit der Rezession in den Jahren 1981 bis 1982. Damals erreichte die Arbeitslosenquote in der Spitze 10,8 Prozent. Volkswirte gehen davon aus, dass im kommenden Jahr acht bis neun Prozent erreicht werden könnten. "Eine weltweite Rezession ist nun nicht mehr abwendbar. Die Wirtschaft aller wichtigen Industrieländer wird schrumpfen. In den USA deutet vieles auf eine Arbeitslosenquote von neun Prozent hin", prognostizieren die Experten des niederländischen Finanzkonzerns ING.

Aufschluss über die weitere Entwicklungen gab der US-Arbeitsmarktbericht, der am Freitag veröffentlicht wurde. Demnach gingen im November 533.000 Stellen verloren. Das ist weit mehr als erwartet: Analysten hatten mit einem Abbau von "nur" 333.000 Jobs gerechnet. Die Arbeitslosigkeit legte von 6,5 auf 6,7 Prozent zu. Die Zahlen für September und Oktober wurden nach unten revidiert. In den beiden Monaten wurden demnach 199.000 Stellen mehr abgebaut als ursprünglich gedacht. "Der Abschwung der US-Wirtschaft hat sich wirklich beschleunigt", sagte Julia Coronado, Volkswirtin bei Barclays Capital. "Die Situation auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert sich dramatisch. Über alle Branchen hinweg werden Jobs abgebaut."

Die Börsen reagierten negativ. Der Dax fiel um vier Prozent auf 4379 Punkte. Der Bund-Future legte trotz dieser enttäuschenden Zahlen kaum zu. In einer ersten Reaktion sprang er zwar auf 124,29, allerdings notierte er später wieder unterhalb von 124 Zählern. Der Euro stieg auf 1,2735 $, musste die Gewinne aber wieder abgeben. Der Ölpreis fiel um drei Prozent auf 42,30 $. "Die Zahlen verdeutlichen, dass die US-Wirtschaft immer stärker in die Rezession rutscht. Der Konsum des laufenden Quartals dürfte sich angesichts dieser Entwicklung sehr schwach präsentieren", sagte Ulrich Wortberg, Renten- und Devisenstratege der Helaba.

Düstere Prognosen für das vierte Quartal

Die Vereinigten Staaten stecken in einer tiefen Krise. Allein diese Woche kündigten US-Unternehmen mindestens 33.000 Stellenstreichungen an. Am Donnerstag teilte das Telekomunternehmen AT&T  mit, 12.000 Mitarbeiter oder vier Prozent der Belegschaft entlassen zu wollen. Auch das Medienunternehmen Viacom , der Chemiekonzern Dupont  und der Autoverleih Avis Budget Group setzen den Rotstift an.

Seit Jahresbeginn verlor die US-Wirtschaft insgesamt 1,7 Millionen Jobs. Alle Branchen sind betroffen: Der Papierhersteller Abitibibowater schließt Fabriken in Kanada, Alabama und Tennessee und trennt sich von sieben Prozent seiner Mitarbeiter. Der Möbellieferant Steelcase macht einen Standort in Atlanta dicht. 300 Jobs sind davon betroffen, insgesamt sollen im Zuge der Restrukturierung 600 bis 900 Stellen gestrichen werden. Insgesamt verlor das verarbeitende Gewerbe im Oktober 492.000 Stellen.

Weitere Entlassungen sind wahrscheinlich. Die US-Autohersteller sagten dem Kongress zu, sich im Gegenzug für staatliche Unterstützung schlanker aufstellen zu wollen. Der Wirtschaftsverband Business Roundtable, der die Interessen von 160 US-Unternehmen vertritt, teilte am Donnerstag mit, dass 60 Prozent der Vorstandsvorsitzenden laut einer Umfrage planen, Mitarbeiter zu entlassen. "Wegen der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation revidieren Unternehmenslenker ihre Prognosen für Umsatz, Kapitalinvestitionen und Beschäftigung nach unten", sagte Harold McGraw III, Präsident des Rountable.

USA seit Dezember 2007 in der Rezession

Kursinformationen und Charts
   [ %
   [ %
  •  
  • blättern

Grund für die Entlassungen auf breiter Front ist der dramatische Abschwung der größten Volkswirtschaft der Welt. Die USA befinden sich nach Angaben des National Bureau of Economics (NBER) seit Dezember 2007 in der Rezession. Das Komitee von prominenten Volkswirten beobachtet die Konjunktur, seine Urteile finden große Beachtung. Mit einer Dauer von jetzt schon zwölf Monaten übertrifft die Abschwungsphase bereits den Durchschnitt der Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg. Dieser liegt bei zwölfeinhalb Monaten.

Dabei blendete das Gremium das Wirtschaftswachstum im ersten und zweiten Quartal 2008 aus und betonte stattdessen, dass Beschäftigung und Löhne Ende des vergangenen Jahres ihren Höhepunkt erreicht hätten. Inzwischen spiegelt auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) das Schrumpfen der Wirtschaftsleistung wider. Im dritten Quartal lag das BIP bei minus 0,5 Prozent. Volkswirte spekulieren auf eine noch schlechtere Zahl im vierten Quartal. Experten von Goldman Sachs  und Morgan Stanley  rechnen mit einem Minus von fünf Prozent im vierten Quartal.

02:46:09 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
    % 
    % 
    % 
  • FTD.de, 05.12.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler