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Merken   Drucken   12.09.2012, 21:08 Schriftgröße: AAA

Amerika vor der Wahl: USA - die Nation der Verunsicherten  

Barack Obama eroberte mit seinem "Yes we can" die Herzen der Amerikaner. Vier Jahre nach seiner Wahl hat die Stimmung gedreht: Die Wirtschaft schwächelt, die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordniveau - und das Land sucht seine Rolle in der Welt.
© Bild: 2012 AFP/CHIP SOMODEVILLA
Premium Barack Obama eroberte mit seinem "Yes we can" die Herzen der Amerikaner. Vier Jahre nach seiner Wahl hat die Stimmung gedreht: Die Wirtschaft schwächelt, die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordniveau - und das Land sucht seine Rolle in der Welt.
von Washington

Der amerikanische Traum lebt, zumindest auf den Parteitagsbühnen. In Tampa berichtet der republikanische Senator Marco Rubio, wie sein kubanischer Vater jahrelang als Barkeeper schuftete, "damit ich heute an diesem Podium stehe". In Charlotte erzählt der demokratische Bürgermeister von San Antonio, Julián Castro, wie seine aus Mexiko stammende Mutter für Bürgerrechte gekämpft hat, "damit ich heute keinen Wischmopp halte, sondern dieses Mikrofon". Die Geschichte des Einwandererkindes, das es in den USA bis ganz nach oben geschafft hat - sie gehört ebenso zum amerikanischen Politspektakel wie die Versicherungen der Sprecher, wie stolz sie darauf sind, in der "großartigsten Nation der Erde" zu leben. Das Publikum drückt seinen Nationalstolz in rhythmischen Rufen aus: "USA! USA!"

Es ist das gleiche Ritual wie immer, wenn Amerikaner zusammenkommen, um ihr Land zu feiern. Aber die Inszenierung hat Risse bekommen. Wer im Jahr 2012 in die USA einwandert, dem könnten Zweifel kommen, ob er vor einer glänzenden Zukunft steht. Am Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli, schwören auf dem Rasen vor der Residenz des ersten US-Präsidenten George Washington 100 neue Staatsbürger aus 45 Ländern ihren "ausländischen Prinzen und Potentaten" ab. Auch US-Präsident Barack Obama hat eine Vertreterin geschickt, und die verpasst der Feier einen Dämpfer. "Sie erhalten die Staatsbürgerschaft in einem entscheidenden Moment unserer Geschichte", sagt die innenpolitische Direktorin des Weißen Hauses, Cecilia Muñoz, selbst Tochter mexikanischer Einwanderer. "Unsere Wirtschaft erholt sich, aber sie ist noch nicht erholt. Die politische Lähmung in Washington verhindert, dass wir die größten nationalen Herausforderungen mit gesundem Menschenverstand anpacken." Es kommt noch schlimmer: "Amerikas Versprechen, das Versprechen, das alle unsere Geschichten möglich gemacht hat, ist in Gefahr", sagt die Mitarbeiterin des Mannes, der 2008 als Hoffnungsträger gewählt worden war.

Sie mag ihre Wortwahl später bereut haben - die Stimmung im Land hätte sie kaum besser zusammenfassen können. Vier Jahre nach der Wahl von Barack Obama ist das Vertrauen der Amerikaner in die eigene und die Zukunft ihres Landes so angeknackst wie zu Beginn der schweren Wirtschaftskrise, die ihre Ersparnisse und Arbeitsplätze vernichtete. 63 Prozent sind "nicht zuversichtlich, dass das Leben unserer Kinder besser sein wird als unseres", so das Ergebnis einer Umfrage des Senders NBC und des "Wall Street Journal" im August. In einer Umfrage des Senders Fox News direkt vor den Parteitagen sahen 57 Prozent ihr Land im Niedergang.

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Die letzten vier Jahre waren nicht gut für das nationale Selbstwertgefühl. Die Arbeitslosenquote pendelte sich bei über acht Prozent ein - und diese Zahl enthält nur die, die die Suche nach einem Job noch nicht aufgegeben haben. Auch viele, die noch Arbeit hatten, wurden hart getroffen. Die Haushaltseinkommen der Mittelklasse sanken ebenso wie der Wert ihrer Immobilien. Die großen Banken des Landes und die Automobilindustrie überlebten nur dank staatlicher Hilfspakete. Die Staatsschulden stiegen kontinuierlich, bis auf 16.000 Mrd. Dollar.

Dazu kommt die Angst, dass andere es besser können. Der große Rivale China finanziert die US-Schulden mit dem Kauf von Staatsanleihen und wird die USA schon bald als größte Volkswirtschaft überholen. Nach der Finanzkrise baute China seinen internationalen Einfluss durch den Aufstieg in die neu gegründete G20-Gruppe aus. Das Land investiert kräftig in den Ausbau seiner Infrastruktur, während die der USA zerbröckelt. Es bildet Heerscharen von Akademikern aus, während die Zahl der College-Abschlüsse in den USA kontinuierlich sinkt. Nicht zuletzt rüstet China auf, während die USA ihren Verteidigungsetat zusammenstreichen.

Die Furcht vor China mag genauso übertrieben sein wie die Furcht vor der Sowjetunion im Kalten Krieg und die Furcht vor der Wirtschaftsmacht Japan in den 80er-Jahren. Pro-Kopf-Einkommen und Militärausgaben der Chinesen betragen einen Bruchteil der Amerikaner, und das wird auf lange Sicht auch so bleiben. Während Chinas Wirtschaft ins Stottern geraten ist, gibt es in den USA jetzt Anzeichen für eine Erholung. Die Industrie hat ihre Produktivität deutlich gesteigert, Arbeitsmarkt und Immobilienpreise ziehen langsam wieder an. Falls die Amerikaner es satt sind, schwarzzusehen, könnte das Obama im November helfen. "Der positive Trend ist langsam, aber ermutigend", sagt Abe Amoros, Demokrat aus Pennsylvania.

Dennoch klingt es wie Trotz, wenn Vizepräsident Joe Biden ruft: "Amerika ist nicht im Niedergang!" Die USA seien immer noch besser aufgestellt als jedes andere Land der Welt, um im 21. Jahrhundert zu führen. Sein Plädoyer an die Wähler: Gebt uns eine zweite Amtszeit, damit unsere Rezepte wirken können. Der politische Gegner streut Salz in die Wunde: "Vier Jahre nach der Aufregung der letzten Wahl zweifelt die Mehrheit der Amerikaner daran, dass unsere Kinder eine bessere Zukunft haben werden", so Obamas Herausforderer Mitt Romney. Sein Appell an die Wähler: Lasst mich das nächste Kapitel der amerikanischen Geschichte schreiben.

Aber ihren Politikern trauen die Amerikaner am allerwenigsten den Durchbruch zu, ganz gleich, welcher Partei sie angehören. Das belegen die Umfragen, in denen sowohl Obama und Romney als auch die Demokraten und die Republikaner, die sich für Sitze im Kongress bewerben, gleichauf liegen. Das belegen auch die mit zehn Prozent historisch niedrigen Zustimmungswerte für die Arbeit des Kongresses. Spätestens seit Präsident und Kongress das Land beim Streit über die Anhebung der Schuldengrenze im Sommer 2011 fast in den Staatsbankrott führten, glauben viele Beobachter: Dieses Land ist unregierbar geworden. Die Kompromisslosigkeit der Parteien versperrt den Weg nach vorn.

Deshalb geht der Blick zurück. Die Anhänger der rechten Tea-Party-Bewegung verklären den schlanken Staat der Gründerväter - anders als Obama, der mit der Einführung einer Krankenversicherungspflicht und mit der Regulierung von Unternehmen und Wall Street in die Selbstverantwortung der Bürger eingreife. Demokraten sehnen sich dagegen eher ins 20. Jahrhundert zurück, als der New Deal die Grundlagen des Sozialstaats schuf, auf dem die Obama-Regierung heute aufbauen will, indem sie auf Solidarität und Chancengleichheit abhebt.

Manchmal überlappt die Nostalgie. Der Tod des Astronauten Neil Armstrong kurz vor Beginn der Parteitage ist so ein Moment. Armstrong und sein Team hätten der Welt gezeigt, "dass der amerikanische Geist über die Grenzen des Vorstellbaren hinausgehen kann, dass mit Energie und Erfindungsgeist alles möglich ist", würdigt Obama den Tod des Mondfahrers. Romney erinnert in seiner Parteitagsrede daran, dass die US-Flagge heute immer noch auf dem Mond weht, und schließt daraus: "Immer wenn die Welt jemanden braucht, um die wirklich großen Dinge zu tun, braucht sie einen Amerikaner."

Bei dieser Aussage teilen sich die Meinungen. Vielleicht müsse Amerika in einer multipolaren Welt nicht immer die Zügel in der Hand haben, meint der bekannte Kommentator Fareed Zakaria. Obama soll sein Buch "Der Aufstieg der anderen" mit Interesse gelesen haben. "Man kann nicht von hinten führen", sagt dagegen Condoleezza Rice, die frühere Sicherheitsberaterin des republikanischen Präsidenten George W. Bush, in Anspielung auf die Taktik der Obama-Regierung, Frankreich und Großbritannien bei dem Militäreinsatz in Libyen die Initiative zu überlassen. In seinem Buch "The World America Made" argumentiert der Romney-Berater Robert Kagan, dass die USA die Weltordnung, die sie auf den Werten Freiheit und Demokratie geschaffen hätten, verteidigen müssten, zur Not mit Gewalt.

Wer der einen und wer der anderen Theorie anhänge, sei eine Generationenfrage, sagt der Meinungsforscher John Zogby. Wähler über 50 sagten mehrheitlich, dass die USA eine Supermacht bleiben müssten. Wähler unter 50 könnten sich eher mit der Vorstellung anfreunden, dass die USA eine Macht unter vielen sein könnten. Der Parteitagsdelegierte Robert Hooper ist über 60, aber er neigt der zweiten Auffassung zu. "Militärisch werden wir immer stark genug sein, um andere von einem Angriff abzuschrecken", sagt der Demokrat aus Vermont. Wichtiger sei der Erhalt der wirtschaftlichen Macht, aber hier ist er weniger optimistisch. "Ich glaube, diese Situation kann nicht mehr repariert werden, weil wir so hoch bei China verschuldet sind und weil wir so abhängig von Importen sind."

Am Jahrestag des 11. September stehen mehrere hundert Kongressmitglieder auf den Stufen zum Kapitol, um der Opfer des Terrorangriffs zu gedenken, der die Nation vor elf Jahren in ihren Grundfesten erschütterte. Sie halten Flaggen in den Händen, das Orchester der Marines spielt "God Bless America". Dann sprechen die Fraktionsführer beider Parteien. "Am 11. September und in den schwierigen Monaten danach haben Amerikaner der Welt gezeigt, wie eine einige Nation Dunkelheit und Furcht besiegen kann", sagt der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid. Der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, mahnt die Nation, "Schulter an Schulter zu stehen und weiterzumachen, komme, was wolle, um die Herausforderungen und die unerledigte Arbeit zu bewältigen. Denn wir sind Amerika und dies ist unser Ort."

  • Aus der FTD vom 13.09.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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