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Merken   Drucken   31.03.2005, 22:04 Schriftgröße: AAA

Angst vor langer Ölkrise wächst  

Neue Sorgen über kurz- und langfristige Angebotsengpässe haben die Ölpreise massiv hoch getrieben. Eine Studie heizte die Stimmung zusätzlich an. von Doris Grass und Claus Hecking, Frankfurt, Kevin Morrison und Javier Blas, London
In London kletterte die Nordseeölsorte Brent zur Lieferung im Mai um 2,59 $ auf 54,68 $ je Barrel (159 Liter). In New York verteuerte sich die Ölsorte West Texas Intermediate bis gegen 20 Uhr MESZ um 1,51 $ auf 55,55 $ je Barrel. Investment- und Hedge-Fonds bauten offenbar spekulative Positionen in Erwartung weiter steigender Notierungen auf.
Diese erhielten neue Nahrung durch die Analysten von Goldman Sachs, die Rohöl am Beginn einer "Super-Hochphase" sehen. Die Preise könnten in der Spitze auf 105 $ je Barrel steigen und Maßnahmen zur nachhaltigen Senkung des Verbrauchs notwendig machen. In diesem mehrjährigen Zeitraum könnten die Notierungen in einem Preisband von 50 bis 105 $ je Barrel liegen. Bisher hatte Goldman dieses Preisband auf 50 bis 80 $ veranschlagt.
Auch die Internationale Energieagentur (IEA), auf deren Mitgliedsstaaten etwa 60 Prozent der weltweiten Ölnachfrage entfallen, warnt immer stärker vor einer Angebotskrise. Schon im Monatsbericht März hatte sie angedeutet, dass die Verbraucherländer über Maßnahmen zur Senkung des Öl- und Benzinverbrauchs nachdenken sollten. Nun will IEA die Importländer direkt zu einer solchen Politik speziell im Transportsektor als Vorbereitung auf eine lange Phase hoher Preise auffordern.
IEA macht konkrete Vorschläge
Die Warnung ist in einer Studie enthalten, die die Agentur im Mai veröffentlichen will und deren Entwurf der FT-Schwesterzeitung "Expansión" zur Einsicht vorlag. IEA rückt damit von ihrer Politik ab, solche Sparmaßnahmen auf Krisenzeiten zu beschränken. Nun könnten sie auch "für einen längeren Zeitraum attraktiv sein, um den Nachfragedruck vom Markt zu nehmen". IEA schlägt eine Absenkung des Tempolimits auf Fernstraßen um 25 km/h, Fahrverbote an bestimmten Tagen, eine Konzentration der Arbeitswoche und Fahrgemeinschaften vor.
Auch an den Ölmärkten geriet die Angst über eine bevorstehende Benzinknappheit am Mittwoch wieder in den Fokus. Zwar sind die Rohöllagerbestände in den USA zuletzt kräftig gestiegen. Die am Mittwoch veröffentlichten US-Benzinvorräte sind jedoch um 2,9 Millionen auf 214,4 Millionen Barrel und damit in der vierten Woche in Folge geschrumpft.
"Die Hausse am Ölmarkt wird sich weiter fortsetzen", sagte Sandra Ebner, Ölexpertin der Deka-Bank. "Der Preisaufschwung ist nachhaltig. Wenn man sich die längerfristigen Terminkontrakte anschaut, so sind die Preise noch höher als bei den kurzfristigen Kontrakten. Für die Marktteilnehmer wird die langfristige Perspektive immer wichtiger. Und die besagt: Auf Dauer kann das Angebot mit der Nachfrage nicht Schritt halten."
Ölexperten in New York halten die Goldman-Zahlen für übertrieben. Nur ein großes Ereignis wie ein Terroranschlag auf Ölförderanlagen in Saudi-Arabien könnte die Preise in derartige Höhen jagen. John Kilduff, Energieanalyst bei Fimat, sagte: "Ich verstehe nicht, wie Goldman zu dieser Zahl kommt." Die Mehrheit der Analysten sieht Rohöl in naher Zukunft zwischen 50 und 60 $ pendeln. Tobias Merath, Ölstratege bei Credit Suisse, hält einen nachhaltigen Anstieg auf über 60 $ für ausgeschlossen. "Die Opec wird mit aller Macht versuchen, den Preis unter 60 $ zu halten."
  • FTD.de, 31.03.2005
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