Als Mohammed Mursi am Tag nach der offiziellen Verkündung seines Wahlsiegs im Juni auf dem Tahrir-Platz vor die Massen trat, beschwor er den Geist der ägyptischen Revolution nicht nur mit Worten. In einer dramatischen Geste drängte er sich zwischen den Leibwächtern der Präsidentengarde hindurch zum Rand der Bühne, riss sein Jackett auf, um zu zeigen, dass er keine kugelsichere Weste trage. Er fürchte sein eigenes Volk und die Revolutionäre nicht; er sei einer von ihnen, lautete die Botschaft. Zum Ärger des damals herrschenden Obersten Militärrats schwor er einen symbolischen Eid auf die Revolution.
Genau 100 Tage ist Mursi, der erste frei gewählte Präsident in der Geschichte Ägyptens, im Amt. Am vergangenen Samstag hatte er wieder einen großen Auftritt. Doch der fiel anders aus als vermutet. Huldvoll aus dem Verdeck einer Staatskarosse winkend, umgeben von zehn Bodyguards, drehte der Präsident eine Ehrenrunde im Internationalen Stadion von Kairo, wo anlässlich des 39. Jahrestags des Jom-Kippur-Kriegs vor allem Anhänger und Angehörige des ägyptischen Militärs versammelt waren.
Von revolutionären Gesten war nichts zu sehen. Wenige Tage zuvor hatte Mursi sogar dem Kriegshelden von 1973, dem damaligen Präsidenten Anwar al-Sadat, posthum einen Orden verliehen. Sadat, der nach dem Konflikt Ägypten zum Verbündeten der USA machte, die Wirtschaft liberalisierte und Frieden mit Israel schloss, wurde 1981 von Islamisten ermordet und ist bis heute auch bei den linken Revolutionären tief verhasst.
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Im Laufe einer langen Karriere müssen Politiker sich gelegentlich neu erfinden. Mursi hat dies gleich mehrfach getan: vom Islamisten zum Revoluzzer zum Partner des Militärs und teilweise wieder zurück.
Endgültig abgeschüttelt hat Mursi das Image als "Ersatzrad", als Verlegenheitskandidat, den die Muslimbrüder in der letzten Minute ins Rennen schickten, da ihr eigentlicher Kandidat Chairat al-Schatir aus formellen Gründen von der Präsidentschaftswahl ausgeschlossen worden war.
Doch Mursi schaffte, mit kräftiger Unterstützung aus dem linksliberalen Revolutionslager, nicht nur den Wahlsieg gegen den ehemaligen General und Mubarak-Vertrauten Ahmed Schafik, sondern entriss sogar dem Militär einen Teil der Macht und schickte den langjährigen Chef Mohammed Tantawi in den Ruhestand.
Wofür der erste islamistische Präsident des größten arabischen Landes steht, bleibt aber unklar. In der Muslimbruderschaft gehörte der 61-jährige Ingenieur und Hochschuldozent aus der nordägyptischen Provinz Scharkia zum konservativen Lager.
Die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz, die Anfang 2012 zum Sturz des Diktators Hosni Mubarak führten, betrachtete er mit Skepsis und verbot der Bruderschaftsjugend, daran teilzunehmen. Später, als Chef der neu gegründeten Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, pries er die Revolution, versuchte sich aber gleichzeitig mit der Militärherrschaft zu arrangieren.
Revolutionäre und Menschenrechtler nehmen Mursi übel, dass bis heute Demonstranten und Gegner des alten Systems im Gefängnis sitzen. Gleichzeitig mache der Präsident keine Anstalten, die Verantwortlichen der Mubarak-Ära zur Rechenschaft zu ziehen. Dafür begnadigte der Präsident eine Reihe verurteilter islamistischer Terroristen - unter anderem von der Terrorgruppe Islamischer Dschihad, der Organisation, die für die Ermordung des von ihm ausgezeichneten Anwar al-Sadat verantwortlich ist.
Wofür er auch immer steht, mehr als 20 demokratische und revolutionäre Gruppen haben zum Ablauf der 100-Tage-Frist entschieden, dass sie sich von Mursi nicht vertreten fühlen, und für den kommenden Freitag zu einer Großdemonstration auf dem Tahrir-Platz aufgerufen.