"Hauptsache, wir verhindern einen wilden Wettlauf zum Nordpol". Die Worte des dänischen Außenministers Per Stig Møller vor dem Flug zur Arktiskonferenz sind ebenso vielsagend wie verschleiernd. Vielsagend, weil Møller anscheinend nichts gegen einen Wettlauf einzuwenden hat, so lange er nur geregelt abläuft. Verschleiernd, weil er von verhindern spricht und nicht von stoppen. Denn tatsächlich hat der Wettlauf schon längst begonnen.
Im Juli 2007 hatte Kanada angekündigt, bis zu acht neue Patrouillenschiffe auf Kiel zu legen, die den Anspruch des Landes auf die Nord-Westpassage vom Atlantik zum Pazifik verteidigen sollen. Die USA sehen dagegen in der Passage ein internationales Gewässer.
"Die Arktis ist kanadisch. Sie ist unser Eigentum. Unser Meer", sagte Kanadas Außenminister Peter MacKay einen Monat später - als Reaktion auf die Nordpol-Expedition eines russischen Atom-U-Boots, das in 4000 Meter Tiefe eine Nationalflagge aus Titan in den Meeresboden gerammt hatte, um eigene Gebietsansprüche zu untermauern.
Nur wenige Tage später flogen zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges russische strategische Bomber über das Polarmeer hinweg. Die USA unterhalten Militärbasen in Alaska und auf Grönland, Dänemark streitet sich mit Kanada um die Insel Hans, und selbst Chinas Militärflotte unterhält einen Eisbrecher, obwohl das Land keinen Zugang zu arktischen Gewässern besitzt.
Das Säbelrasseln am Nordpol hat einen simplen Grund: Es geht um Geld. Um viel Geld. Die Arktis birgt nach US-Schätzungen 25 Prozent der bisher noch nicht entdeckten Öl- und Gasreserven der Welt. Sie ist außerdem reich an Silber, Gold, Zink, Kohle und Eisen, und die Fischgründe in der Beringsee gehören zu den ergiebigsten der Welt.
Bislang waren diese Vorkommen nur schwer zugänglich. Weil aber das Eis der nördlichen Polarregion von Jahr zu Jahr schneller schmilzt, lassen sich die arktischen Ressourcen zunehmend leichter ausbeuten. In wenigen Regionen der Erde lassen sich daher die wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen des Klimawandels so deutlich ablesen wie dem ca. 26 Millionen Quadratkilometer großen Gebiet rund um den Nordpol. Experten gehen davon aus, dass die Arktis ab 2040 im Sommer komplett eisfrei ist. Der Klimawandel zieht jetzt einen Politikwandel nach sich.
Bislang gibt es kaum internationale Übereinkünfte, die die wachsenden Interessen der Anrainerstaaten Kanada, USA, Russland, Norwegen, Island, Finnland, Dänemark und Schweden entflechten und regeln könnten - dafür war die Region bisher zu uninteressant. "Es wurde nie erwartet, dass sie ein schiffbarer Seeweg oder eine Region großflächiger kommerzieller Entwicklung werden würde", sagt Scott Borgerson, Experte für Internationale Beziehungen des US-amerikanischen Council on Foreign Relations, einem nichtstaatlichen Forum für Außenpolitik. Auf der Arktiskonferenz, die Dänemark seit Dienstag drei Tage lang auf Grönland abhält, soll aus diesem Grund über die Gebietsansprüche der Staaten diskutiert werden. Es gibt nur ein Problem: Es sind nicht alle eingeladen.
Wieso die USA die Region destabilisieren könnten