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Merken   Drucken   05.08.2011, 15:47 Schriftgröße: AAA

Atomindustrie: Japan kämpft gegen Kernkraftklüngel

Premier Naoto Kan hat höchste Atombeamte gefeuert. Der Regierungschef will so sein politisches Erbe verankern. von Martin Kölling, Tokio
Japans Regierung greift den Filz in der Atomindustrie an und entlässt die drei höchsten Atombeamten. Dies erklärte am Donnerstag der Minister für Wirtschaft, Handel und Industrie, Banri Kaieda. Bisher ist sein Ministerium für die Kontrolle und Förderung der Atomindustrie zuständig. Weitere Entlassungen könnten folgen, denn die Regierung will die Atomaufsichtsbehörde Nisa aus Kaiedas Ministerium herauslösen und der Umweltbehörde unterstellen, um so die Aufsicht über die Atomindustrie zu verstärken.
Nicht nur der Chef der Nisa, Nobuaki Terasaka, wird geopfert. Gehen müssen auch Vizewirtschaftsminister Kazuo Matsunaga sowie Tetsuhiro Hosono, Generaldirektor der Behörde für Naturressourcen und Energie, die ebenfalls für die Förderung der Atomenergie zuständig ist. Minister Kaieda selbst wird wohl demnächst zurücktreten, weil er wegen Kommunikationsfehlern in die Kritik geraten war.
Premierminister Naoto Kaoto Kan will die Energiewende in Japan ...   Premierminister Naoto Kaoto Kan will die Energiewende in Japan einleiten
Die Regierung von Premier Naoto Kan zieht damit die ersten personellen Konsequenzen aus dem Missmanagement der Katastrophe von Fukushima - und aus der Verfilzung von Atomindustrie und Bürokratie. Kan will den Pro-Atom-Klüngel aus Politikern, Beamten und Wirtschaftsbossen zerschlagen, der seit vier Jahrzehnten Japans Energiepolitik dominiert. Erst vorige Woche haben mehrere Stromkonzerne zugegeben, dass sie Debatten über die Atomkraft manipuliert haben - auf Anweisung der Nisa.
Kan selbst hingegen möchte in die Geschichte eingehen als derjenige, der die japanische Energiewende eingeleitet hat. Wohl noch im August wird seine Partei ihn zum Rücktritt zwingen - doch Kan hat zur Bedingung gemacht, dass das Parlament vorher ein Gesetz zur Förderung grüner Energien verabschiedet.
Doch seine Kampfansage dürfte zu spät kommen, um die öffentliche Meinung noch einmal zu seinen Gunsten herumzureißen. Denn die Nachrichten aus den havarierten Meilern sind noch immer widersprüchlich. Das Vertrauen in den unpopulären Premier, seine Regierung sowie die Betreiberfirma Tokyo Electric Power (Tepco) ist weiterhin erschüttert.
Tepco wiederholte am Donnerstag seine Aussage, dass im zerstörten Atomkraftwerk Fukushima 1 immer weniger Radioaktivität austrete und die Rettungsarbeiten im Plan lägen. Dieser sieht vor, dass Tepco die drei betroffenen Reaktoren bis spätestens Anfang 2012 stabil auf unter 100 Grad Celsius kühlt. Gelingt das, wäre die Krise einigermaßen unter Kontrolle. Doch diese Woche fand Tepco alarmierende Strahlungswerte auf dem Gelände.
Erst entdeckten Arbeiter am Montag außerhalb der Reaktorgebäude an einem Abgasrohr Strahlungswerte von mindestens 10.000 Millisievert pro Stunde, ein enorm hoher Wert. Menschen, die einer solchen Strahlendosis unmittelbar ausgesetzt sind, sterben innerhalb kurzer Zeit. Die zulässige Maximalbelastung für die Arbeiter in Fukushima beträgt 250 Millisievert - pro Jahr.
Tags darauf wurden dieselben Werte in einiger Entfernung zu dem Abgasrohr gemessen. Am Donnerstag schließlich gestand Tepco, die wahre Belastung liege wohl noch weit darüber; die Skala des verwendeten Messgeräts habe nicht weiter gereicht. Tepco behauptet zwar, diese Werte würden die Rettungsarbeiten vor keine großen Probleme stellen, denn sie träten nur lokal begrenzt auf. Doch viele Kommentatoren warnen, dass sich Tepcos Plan verzögern könnte.
Misstrauisch geworden, verschärfen viele Unternehmen und Behörden nun eigene Schutzmaßnahmen. Eine Kaufhauskette verkauft nur Fleisch von Tieren, die Radioaktivitätsmessungen passiert haben. Zudem überlegen laut der Zeitung "Nikkei" 20 Präfekturen, Reis auf radioaktive Strahlung zu untersuchen.
  • FTD.de, 05.08.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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