Nach den Maßstäben von Hollywood muss man "Die Unschuld der Muslime" als Flop bezeichnen. 5 Mio. Dollar will sein Macher, Sam Bacile, in das islamfeindliche Machwerk gesteckt haben, das er vergangenes Jahr mit 59 Schauspielern drehte. Das Geld kam angeblich von 100 jüdischen Spendern. Am Ende habe er den gesamten zweistündigen Film nur ein einziges Mal gezeigt - in einem weitgehend leeren Kino in Los Angeles. Auch der 14-minütige Trailer in englischer Sprache, den Bacile im Juli auf Youtube hochlud, interessierte zunächst nur wenige.
Der Ausflug Baciles, der sich gegenüber Journalisten als Immobilienhändler aus dem südlichen Kalifornien ausgab, ins Filmgeschäft wäre schnell vergessen gewesen - wären nicht ägyptische Kulturkämpfer wie der in den USA lebende koptische Christ und bekennende Islamhasser Morris Sadek auf ihn aufmerksam geworden. Sadek verbreitete den Film in den vergangenen Tagen über Facebook und das Internet. Zu Hilfe kam ebenfalls der radikal-islamische, ägyptische Fernsehprediger Chalid Abdallah, der in seiner Show über das Machwerk wetterte und einige Ausschnitte zeigte. Anfang dieser Woche kam es darauf zu ersten Demonstrationen in Kairo, und die Eskalation nahm ihren Lauf. Am Mittwoch kam es in Libyen zu Gewalt, am Donnerstag ist der Jemen dran, auch im Iran wird demonstriert.
Der über Nacht weltberühmte Amateurfilmmacher muss sich nun nach eigenen Angaben verstecken - wie andere vor ihm, die es wagten, den Propheten des Islam zu verspotten. Bacile mache sich auch Sorgen um Familienmitglieder, die in Ägypten lebten, zitierte die Nachrichtenagentur AP Steve Klein, einen Berater des Filmprojekts. Klein sagte, er habe Bacile gewarnt: "Du wirst der nächste Theo van Gogh werden." Der niederländische Regisseur war 2004 von muslimischen Extremisten ermordet worden. Auch er hatte einen Film gedreht , der als Beleidigung des Islam aufgefasst worden war. "Wir wussten, dass das wahrscheinlich passieren würde", sagte Klein.
Der 52 Jahre alte Hobbyregisseur, nach eigenen Angaben ein israelischer Jude, gab sich in Interviews unbeeindruckt. "Der Islam ist ein Krebsgeschwür. Punkt", sagte er in einem Telefoninterview mit AP. "Die USA haben jede Menge Geld und Menschen in Kriegen im Irak und in Afghanistan verloren, aber wir kämpfen mit Ideen." Er äußerte Bedauern über den Tod der Amerikaner in der Botschaft in Bengasi, aber er gab den mangelnden Sicherheitsvorkehrungen die Schuld. "Ich habe das Gefühl, dass die Sicherheitssysteme nicht gut sind", sagte er. "Amerika sollte etwas tun, um das zu ändern."
Die Angaben Baciles über sich selbst sind kaum überprüfbar. Kein Journalist hat ihn persönlich getroffen. Fotos von ihm sind ebenso wenig bekannt wie etwa eine Internetseite seines Immobiliengeschäfts in Kalifornien. In Blogs im Internet wird bereits spekuliert, dass es sich um eine erfundene Identität handeln könnte.
In gesamter Länge wurde der Film seit der einzigen Aufführung im vergangenen Jahr nicht mehr gezeigt. Die Demonstranten in Kairo, Libyen und anderen Orten berufen sich lediglich auf einen Zusammenschnitt, der auf der Internetplattform Youtube zu sehen ist. Dort existiert seit einigen Wochen auch eine Version mit arabischen Untertiteln. Nach Angaben Baciles stammt diese nicht von ihm.
In dem Youtube-Video sind zusammenhanglose Szenen zu sehen, in denen Amateurschauspieler den islamischen Propheten Mohammed sowie seine Anhänger gleichzeitig als schwachsinnig, blutrünstig, pädophil, schwul und sexuell ungezügelt gegenüber Frauen darstellen. Die Personen sind den Namen nach an die islamische Überlieferung angelehnt, deren Handlung ist jedoch erheblich verändert.
In den USA beeilte sich ein anderer berüchtigter Islamkritiker auf den Zug aufzuspringen. Der Pfarrer Terry Jones aus Florida, dessen öffentliche Koranverbrennungen schon früher zu Ausschreitungen in der muslimischen Welt geführt hatten, zeigte den Trailer des Films am Dienstagabend in seiner Kirche in Gainesville. "Es ist eine amerikanische Produktion, die nicht dazu gedacht ist, Muslime anzugreifen, sondern die destruktive Ideologie des Islam zu zeigen", sagte er in einer Erklärung.