Ein kleiner Funke, und schon kann alles explodieren: Ein amerikanischer Islamhasser dreht einen Film, in dem der Prophet Mohammed geschmäht wird. Das Machwerk ist seit Juli im Internet abrufbar, doch erst jetzt greifen aufgebrachte Muslime angeblich deshalb die US-Botschaft im ägyptischen Kairo und ein Konsulat im libyschen Bengasi an. Der US-Botschafter in Libyen, Chris Stevens, kommt dabei ums Leben.
Hatte er etwas mit dem Schmähfilm zu tun? Nein. Hat die US-Diplomatie etwas damit zu tun? Nein. Und doch genügt radikalen Islamisten ein nichtiger Anlass zu Gewalt gegen die amerikanischen Repräsentanten. Sie verbindet blinder Hass auf "den Westen". Womit sie viel Schaden anrichten - und womöglich mehr, wenn die Regierungen und Religionsgruppen jetzt nicht besonnen reagieren.
Sowohl Ägypten als auch Libyen befinden sich mehr als ein Jahr nach dem Höhepunkt der "Arabellion" in einem fragilen Übergangsstadium, in dem noch längst nicht klar ist, ob die säkularen oder die islamistischen Kräfte letztlich siegen. Die Ägypter beraten über eine neue Verfassung - und Islamisten haben ein Interesse, ihrer religiös-fundamentalistischen Agenda mehr Gewicht zu geben. Was am besten über ein ausgeprägtes religiöses Feindbild - Christen oder Juden - funktioniert. Ähnliches gilt für Libyen.
Noch sind diese ultraradikalen Kräfte Randerscheinungen, noch gibt es in keinem dieser Länder einen islamistischen Volksaufstand. Bei den libyschen Parlamentswahlen im Juli haben die religiösen Parteien etwa gegen die liberalen verloren. Radikale sehen da einen Anti-Islam-Film als willkommenen Anlass, nicht nur eigene Anhänger anzustacheln, sondern auch gemäßigte Wähler zu emotionalisieren und letztlich für sich zu gewinnen.
Dass das funktionieren kann, haben ja 2006 die Mohammed-Karikaturen gezeigt: Damals kamen mehr als 250 Menschen bei Demonstrationen in muslimischen Ländern ums Leben, nachdem eine kleine dänische Zeitung eine Reihe von Schmähbildern über den Propheten veröffentlicht hatte. Auch hier lagen zwischen dem Anlass und der Reaktion Monate. Letztlich ist der Konflikt nicht weiter eskaliert, weil sich die Regierungen bemühten, die Wütenden zu besänftigen, zumindest aber nicht weiter anzustacheln.
Das sollten sie auch jetzt tun. US-Präsident Barack Obama tut gut daran, die Sicherheit seiner Vertretungen im Ausland zu verbessern, zugleich aber keinen Kulturkampf zwischen "dem Westen" und "dem Islam" herbeizureden. Und die Regierungen Ägyptens und Libyens müssen alles daransetzen, zwei Probleme ihrer inneren Sicherheit abzustellen: Denn Kairo kann offenbar ausländische Botschaften nicht schützen, und in Libyen kursieren nach wie vor viel zu viele schwere Waffen aus Bürgerkriegszeiten.