"Ich werde viele Jahre in Spanien leben und arbeiten", jubelt der Kubaner Norberto Díaz Reyes und streicht sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. "Wie schade, dass mein Großvater das nicht mehr erleben darf." Der 38-Jährige steht, beobachtet von Fernsehkameras, auf der Treppe der spanischen Botschaft in Havanna. Gerade geht sein Wunschtraum in Erfüllung. Der Enkel von Exilspaniern wird den spanischen Pass erhalten.
Der gelernte Kardiologe ist nicht der Einzige, der dem entbehrungsreichen Leben auf Kuba den Rücken kehren und nach Spanien einwandern will. Mindestens 150.000 seiner Landsleute haben jetzt die gleiche Möglichkeit, viele werden sie nutzen. Sie sind die Nachfahren von Opfern des Spanischen Bürgerkriegs zwischen 1936 und 1939, die vor dem Beginn und während der Franco-Diktatur ins Exil gehen mussten. Dort wurde ihnen vielfach die spanische Staatsbürgerschaft aberkannt.
Vor eineinhalb Jahren hat die sozialistische Regierung unter Premier José Luis Rodríguez Zapatero ein umfassendes Gesetz zur Rehabilitierung der Franco-Opfer verabschiedet. Für die Familien in Spanien sieht es in vielen Fällen nur eine symbolische Wiedergutmachung vor, doch in Übersee hat es sehr konkrete Auswirkungen.
Wer nachweisen kann, dass seine Vorfahren vor der Diktatur ins Exil flüchteten, der darf nun ins Land der Väter zurückkehren. Das Gesetz zur Wiedergutmachung sieht auch die Verleihung der Staatsbürgerschaft an die Kämpfer der Internationalen Brigaden vor, die im Bürgerkrieg die Republik verteidigten. Diese Geste hat freilich nur Symbolcharakter, denn von diesen Männern leben nur noch wenige.
Norberto Reyes stand viele Stunden in der Schlange vor der spanischen Vertretung in Havanna, um den Antrag für das begehrte Dokument auszufüllen. Und nicht nur dort warteten die Menschen zum Teil tagelang auf ihre Chance für ein Ticket ins gelobte Land. Auch in Mexiko-Stadt, in Buenos Aires in Argentinien oder Montevideo in Uruguay wurde das Personal an Spaniens Botschaften und Konsulaten schon vor Weihnachten kräftig aufgestockt, doch die Telefonzentralen brechen immer noch zusammen.
Die Antragsteller müssen beweisen, dass ihre spanischen Vorfahren zwischen dem 18. August 1936 und dem 31. Dezember 1955 ins Exil gingen. "Ich habe die Geburtsurkunde meiner Großmutter dabei", erläutert eine junge Kubanerin, die ebenfalls ein neues Leben in Spanien vor Augen hat.
Bis zu 1,5 Millionen könnten kommen
Die Regierung geht davon aus, dass rund eine halbe Million Menschen von ihrem Recht auf einen spanischen Pass Gebrauch machen werden. Doch es könnten noch viel mehr werden. Rund 650.000 Spanier mussten seinerzeit vor Francos Schergen ins Exil flüchten, 70 Jahre später wird die Zahl ihrer Nachfahren auf 1,5 Millionen geschätzt.
Die meisten von ihnen leben in Ländern wie Argentinien, Kuba oder Venezuela, wo die wirtschaftliche oder politische Lage oft mehr als schwierig ist.
Doch auch für Spanien kommt die neue Einwanderungswelle zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. In den vergangenen acht Jahren hat das Mittelmeerland über vier Millionen Neubürger aus Lateinamerika, Nordafrika und Osteuropa aufgenommen. Doch inzwischen hat sich die Lage im einstigen Boomland drastisch verschlechtert, kein Mitglied der Europäischen Union (EU) ist vom Wirtschaftsabschwung und dem Platzen der Immobilienblase so hart betroffen wie Spanien.
Die Arbeitslosenquote ist mittlerweile auf 13,4 Prozent angeschwollen, 3,2 Millionen Menschen sind ohne Beschäftigung. Unter den Zuwanderern, die vielfach im Bau beschäftigt waren, schoss die Quote innerhalb eines Jahres sogar um 94 Prozent nach oben. Viele Spanier befürchten daher eine zusätzliche Belastung der Sozialkassen durch Neubürger, die niemals Beiträge eingezahlt haben.
Norberto Reyes allerdings braucht sich um seine Zukunft keine Sorgen zu machen. "Hochqualifizierte sind in unserem Lande immer hochwillkommen", sagt der spanische Arbeitsminister Celestino Corbacho. Freilich sind nicht alle, die die spanische Herkunft belegen können, Ärzte oder Ingenieure. Doch viele wollen sich einfach Optionen sichern. "Ein spanischer Pass bedeutet in Kuba viel", so Luidmila Pérez, die empört ist, dass manch geschäftstüchtiger Landsmann nur anstand, um seinen Platz dann für 10 $ weiterzuverkaufen. Für Luidmila ist Madrid gar nicht das Ziel ihrer Träume. Ihr Herz schlägt für Miami: "Viele Kubaner wollen die Staatsbürgerschaft im Grunde nur, damit sie ohne Visum in die USA einreisen können."