Im Opec-Mitgliedsstaat tobt der Kampf zwischen Muslimen und Christen. Dem Land droht die Spaltung. Nach dem Iran gerät damit das zweite wichtige Ölförderland tief in die Krise. von Johannes Dieterich, Johannesburg
Die Lage im Opec-Mitgliedsland Nigeria wird zunehmend instabiler. Bei wütenden Protesten und Streiks gegen die Aufhebung der staatlichen Treibstoffsubventionen kam am Montag ein Mensch ums Leben, mindestens 20 weitere wurden verletzt. Zwei der größten Gewerkschaftsverbände des Landes hatten zu unbefristeten landesweiten Streiks aufgerufen, die am Montag begannen. Das Ende der Benzinzuschüsse zum Jahresbeginn hatte dazu geführt, dass sich die Treibstoffpreise an vielen Orten mehr als verdoppelten.
Präsident Goodluck Jonathan, der den Schritt vehement verteidigte, steht auch an anderer Stelle unter Druck. Angesichts einer Welle gewaltsamer Übergriffe durch die islamistische Sekte Boko Haram droht eine Spaltung Nigerias in einen muslimischen Norden und einen christlichen Süden. Am Wochenende fielen erneut 27 Kirchgänger den Attacken zum Opfer. Jonathan sprach von einer "schlimmeren Sicherheitslage" als während des Biafra-Krieges vor 45 Jahren. Die Sekte habe Sympathisanten in der Regierung und den Behörden.
Die größten Ölproduzenten des Kontinents 2010 nach Förderung
Nach den Spannungen zwischen dem Westen und dem Iran gerät damit ein weiterer wichtiger Öllieferant in Turbulenzen. Die iranische Führung hatte unlängst gedroht, die Meerenge von Hormus für Öltransporte zu blockieren, falls der Westen seine wegen des Atomstreits verhängten Sanktionen ausweitet. Nigeria ist der größte Erdölexporteur Afrikas. Das Land liefert zudem acht Prozent aller amerikanischen Öl-Importe. Der Reformer Jonathan hatte mit der Aufhebung der Treibstoffsubventionen vor allem den Staatshaushalt entlasten und Investitionen in Stromversorgung, Infrastruktur sowie Bildung ermöglichen wollen.
Der Präsident warb in einer Ansprache um Verständnis für seinen unpopulären Schritt. "An eurer Stelle hätte ich vielleicht ähnlich reagiert", sagte er: "Doch ich verspreche euch, dass euer Schmerz nur vorübergehend ist." Tatsächlich gibt es gute Gründe, die Subventionen aufzuheben: Sie verschlingen mit jährlich rund 8 Mrd. Dollar ein Viertel des gesamten Staatsbudgets. Sie sorgten zudem dafür, dass die Raffinerien des Landes völlig heruntergekommen sind: Seit Jahren werden Diesel und Benzin aus dem Ausland eingeführt. Die Gewinne aus diesem Geschäft kommen den Mitgliedern eines "Benzinkartells" zugute - auf Kosten der Staatskasse. Die Nigerianer bekamen zwar auf diese Weise billigen Treibstoff, mussten aber auf andere staatliche Leistungen weitgehend verzichten.
Trotzdem löste die Maßnahme der Regierung bei vielen Nigerianern Entsetzen aus. Deshalb fiel es den Gewerkschaften nicht schwer, ihrem Streikaufruf Gehör zu verschaffen: Gestern waren die sonst meist verstopften Straßen der Metropole Lagos ausnahmsweise frei. Wer das ausnutzen wollte, begab sich allerdings in Gefahr: Militante Gewerkschafter bewarfen die Karossen von Streikbrechern mit Steinen.
Viele Nigerianer halten die Subventionen für das Einzige, was die Regierung für sie tut - und befürchten, dass das eingesparte Geld in den Taschen korrupter Politiker verschwindet. Unterstützung erhielten die Demonstranten von angesehenen Schriftstellern des Landes. Sie veröffentlichten eine Erklärung, in der sowohl das Ende der Benzinsubventionen als auch die zögerliche Reaktion der Regierung auf die von Boko Haram ausgehende Gewalt gegeißelt wird. "Diese Gefahr droht unser ganzes Land zu destabilisieren", heißt es in dem Aufruf.
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