Über die Erfolgschancen des Treffens in Washington gehen die Meinungen weit auseinander - ein Mega-Ereignis wird es in jedem Fall. Eine FTD-Serie über den Gipfel und seine Hintergründe.
Bretton Woods II: Was Ökonomen vom Finanzgipfel erwarten
Banken brechen reihenweise zusammen, inzwischen sind sogar ganze Länder von der Krise betroffen. Der Ruf nach einer neuen Finanzarchitektur wird lauter. Auf einem Weltfinanzgipfel soll darüber beraten werden. FTD.de zeigt, was die Wissenschaftselite fordert. von Tobias Bayer (Frankfurt)
Am 15. November findet der Weltfinanzgipfel statt. Die Erwartungen der Welt sind enorm. Geprägt wurde bereits der Begriff "Bretton Woods II". Eine Anspielung auf die legendäre Konferenz aus dem Jahr 1944, als unter der Ägide von Ökonom John Maynard Keynes die Finanzarchitektur für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmt wurde. Die größten Errungenschaften: Schaffung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank und Etablierung des Goldstandards sowie eines Systems fester Wechselkurses.
Führende Ökonomen halten aber von dem Vergleich mit 1944 nicht viel. Ihre Erwartungen sind eher gering. Statt großer Regulierungsentwürfe fordern sie lieber schnelle Stützungsaktionen für die Weltwirtschaft und eine stärkere Rolle für den Internationalen Währungsfonds (IWF).
FTD.de gibt einen Überblick über die Positionen führender Ökonomen. Die Originalbeiträge finden sich auf der Internetseite Voxeu.org.
"Wir brauchen sicherlich regulatorische Reformen. Aber das ist nicht das, was die Staatschefs der G20 entscheiden können oder sollten. Schnellschüsse könnten alles verschlimmern. Wirklich dringender Handlungsbedarf besteht vielmehr darin, die Weltwirtschaft mit fiskalischen und geldpolitischen Aktionen zu stützen. Dabei müsste auf die Besonderheiten der Nationalstaaten eingegangen werden."
Alberto Alesina ist der Nathaniel-Ropes-Professor of Political Economy an der Harvard University. Guido Tabellini ist Professor für Ökonomie an der Mailänder Bocconi-Universität.
"Die Staatschefs der G20 sind mit zwei wichtigen, aber grundsätzlich verschiedenen Problemen konfrontiert. Einmal müssen sie den wirtschaftlichen Schaden durch die Rezession eindämmen, zum anderen müssen sie die Gefahr einer Finanzkrise in Zukunft verringern. Die Rezession macht eine abgestimmte Stützungsaktion erforderlich. Die Staatschefs sollten zwar auch über die Regulierung der Finanzmärkte sprechen, aber ein einheitlicher weltweiter Rahmen ist illusorisch und auch nicht wünschenswert. Darauf sollte keine Zeit verschwendet werden. Die Finanzsysteme der Nationalstaaten weichen zu stark voneinander ab. Einige sind bereits überreguliert."
Refet Gürkaynak ist Assistenzprofessor für Wirtschaft an der türkischen Bilkent-Universität und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Economic Policy Research.
Hält die Ursachen der Krise für noch nicht ausgemacht: Michael Spence
"Die Staatschefs sollten sich darauf fokussieren, den Schaden der Krise für Industriestaaten und Schwellenländer einzudämmen. Abgestimmte Maßnahmen, um Vermögensblasen zu verhindern, und ein fiskalischer Stimulus sind wichtig. Langfristige Fragen zur Regulierung der Finanzmärkte sollten erst angegangen werden, wenn die Ursachen der Krise analysiert worden sind."
Michael Spence ist Senior Fellow am Think-Tank Hoover Institution. Zuvor lehrte an er an der Stanford University. Er gewann 2001 den Wirtschaftsnobelpreis.
"Die Staatschefs der G20 sollten sich gegen Alleingänge der Staaten wenden, welche die Welt in einen Teufelskreis bringen könnten. Notwendig sind stattdessen abgestimmte Fiskalmaßnahmen, wobei insbesondere Länder mit hohen Handelsbilanzüberschüssen den Konsum ankurbeln sollten. Zweitens sollten protektionistische Aktionen vermieden werden. Drittens sollte die Bereitschaft da sein, den finanziellen Spielraum des Währungsfonds für Kurzfristkredite zu erhöhen. Als letzten Punkt sollte eine hochranginge Expertenkommission geschaffen werden, die über neue Verkehrsregeln für den internationalen Kapitalmarkt nachdenkt."
Dani Rodrik ist Rafiq-Hariri-Professor für internationale Wirtschaft an der John F. Kennedy School of Government der Harvard-Universität.
"Die Staatschefs der G20 müssen ihre Feuerwehraktionen besser abstimmen. Dabei geht es um Rekapitalisierungen, Kreditgarantien, Konjunkturprogramme und die Bewertung von problematischen Wertpapieren. Außerdem sollten institutionelle Reformen angegangen werden. Dazu sollte eine neue G8 geschaffen werden, in denen auch China, Indien, Brasilien, Saudi-Arabien und womöglich auch Südafrika berücksichtigt werden. Europa sollte mit einer Stimme sprechen. Der Internationale Währungsfonds könnte die Aufgabe des Sekretariats übernehmen. Der finanzielle Spielraum des IWF muss erweitert werden. Zudem brauchen wir einen globalen Regulierungsrahmen für Ratingagenturen und große Finanzinstitute mit hohem Verschuldungsgrad, die weltweit tätig sind."
Willem Buiter ist Professor für europäische Politik und Wirtschaft an der London School of Economics. Zuvor war unter anderem Mitglied des geldpolitischen Rats der Bank of England.
Setzt sich für mehr Kraft des IWF ein: Raghuram Rajan
"Die Staatschefs sollten sich darauf konzentrieren, die weltweite Aufsicht über den Finanzmarkt zu verbessern und die finanzielle Kraft des Währungsfonds zu erhöhen. Dabei verlangt eine gute Abstimmung der Politik ein breiteres Gremium als die G7 oder G20. Europa sollte dabei nur noch einen Sitz bekommen. Die Kreditvergabemöglichkeiten des Währungsfonds sollten sofort so erhöht werden, dass der Fonds die Quoten der Mitglieder um den Faktor fünf bis zehn hebeln kann."
Raghuram Rajan lehrt Finanzwissenschaft an der University of Chicago. Zuvor arbeitete er beim Internationalen Währungsfonds.
"Auf dem Weltfinanzgipfel sollte auch über eine Weltfinanzorganisation nachgedacht werden. Diese würde wie die WTO eine Mischung aus nationaler Souveränität und weltweiten Regeln sicherstellen. Außerdem sollten die Staatschefs den finanziellen Spielraum des Währungsfonds ausweiten. Dazu sollte auch China beitragen. Im Gegenzug wird die G7 in ein neues Gremium umgewandelt, wo auch China, Saudi-Arabien, Südafrika und Brasilien Mitsprache bekommen."
Barry Eichengreen lehrt Wirtschaft und Politikwissenscahft an der kalifornischen Berkeley-Universität. Während der Asienkrise war er Berater des internationalen Währungsfonds.
"Wir brauchen neue Regeln und Institutionen, um das systemische Risiko zu verringern und die Finanzintermediation zu verbessern. Dabei könnte über ein neues Statut für internationale Banken nachgedacht werden. Das könnte einhergehen mit entsprechenden Vorschriften, Liquiditätshilfen, Notaktionen und Fonds für Rekapitalisierungen nach einem Zusammenbruch. Angefangen aber werden muss mit einer Generalüberholung der Finanzarchitektur."
Stijn Claessens ist stellvertretender Direktor der Researchabteilung des Internationalen Währungsfonds. Er lehrt auch Finanzpolitik an der Universität von Amsterdam.
"Die G20 müssen die Unabhängigkeit des Währungsfonds stärker garantieren als zuvor. Nur so kann die Organisation ihre Rolle als Krisenmelder wahrnehmen. Außerdem sollten sich die Staatschefs darum kümmern, dass die Kompetenz der Bankaufseher mit der Expansion der Banken mitwächst. Das Versagen der Behörden, wichtige Informationen auszutauschen, führte dazu, dass das systemische Risiko unterschätzt wurde. Letzteres entstand dadurch, dass Banken weltweit ähnliche Strategien verfolgten."
Daniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies in Brüssel.
"Blasen und Zusammenbrüche gehören seit Jahrhunderten zur Geschichte der Kapitalmärkte dazu. Den Banken zu erlauben, sich stark an den Finanzmärkten zu engagieren, ist ein sicheres Rezept für die Katastrophe. Die Lösung besteht darin, die Banken auf ihre traditionelles Kerngeschäft mit zu beschränken. Bei Unternehmen, die stark an den Kapitalmärkten partizipieren, muss darauf geachtet werden, dass Vermögenswerte und Verbindlichkeiten ähnliche Fristigkeiten aufweisen."
Paul De Grauwe ist Professor für internationale Wirtschaft an der Universität von Leuven in Belgien. Er berät Manuel Barroso, den Präsidenten der EU-Kommission.
Ist beunruhigt über die Bankenpleiten: Takatoshi Ito
"Vier Themen erfordern Aufmerksamkeit. Zum ersten muss die Aufsicht verbessert werden, um künftige Krisen zu vermeiden. Zum zweiten müssen die Liquiditätshilfen für kleine Länder bei externen Schocks ausgeweitet werden. Drittens müssen die nationalen Aufsichtsbehörden besser zusammenarbeiten, und die nationalen Gesetze besser aufeinander abgestimmt werden. Viertens braucht es ein internationales Abkommen über Verfahren im Fall einer großen Bankenpleite. Dabei muss der Währungsfonds gründlich reformiert werden."
Takatoshi Ito ist Professor an der University of Tokyo. Zuvor beriet er unter anderem den Internationalen Währungsfonds und arbeitete im japanischen Finanzministerium.
"Die Staatschefs sollten vermeiden, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Sie sollten die Erwartungen herunterschrauben und einstimmig wenige Ziele definieren, die sie dann aber auch erreichen. Die Priorität sollte darauf liegen, die Regeln - nicht die Institutionen - für die Finanzmärkte zu reformieren. Der IWF muss reformiert werden, die Weltwirtschaft muss gestützt werden, und die alte G7 sollte durch die G20 dauerhaft ersetzt werden."
Wendy Dobson ist Direktor des Institute for International Business an der Rotman School of Management an der University of Toronto. Sie arbeitete zuvor im kanadischen Finanzministerium.
"Die G20 sollten erkennen, dass die Rettungspakete in Europa die Finanzmärkte beruhigt haben, und Weichen stellen, dass ähnliches auch in Ostasien auf den Weg gebracht wird. Dabei sollte die SRPA* als glaubwürdiger Kreditgeber etabliert werden. Das setzt voraus, dass der Reservepool erhöht wird und Sorge getragen wird, dass die Auflagen für Kredite nicht härter sind als beim Internationalen Währungsfonds. Außerdem muss die Vergabe schneller erfolgen."
*SRPA steht für "Self-managed reserve pooling arrangement". Unter der Chiang-Mai-Initiative nach der Asienkrise vereinbarten die Länder der Region, sich im Krisenfall gegenseitig zu unterstützten. Dabei ging es zuerst um bilaterale Swap-Abkommen, später wurde dann ein SRPA-Reservepool geschaffen.
Yung Chul Park ist Professor und Direktor des Center of International Commerce and Finance an der Seoul National University in Südkorea.
Hält Kapitalkontrollen für sinnvoll: Guillermo Calvo
"Die Krise breitet sich auch in den Süden aus. Um große Verwerfungen zu verhindern, müssen die Kapazitäten für die Kreditvergabe um den Faktor Fünf ausgebaut werden. Kreditlinien, wie sie beispielsweise zwischen lateinamerikanischen Ländern und der US-Notenbank Fed vereinbart wurden, müssen mit Aktionen verknüpft werden, die eine Kapitalflucht verhindern. Dabei sollten Kapitalkontrollen als nützliches Instrument betrachtet werden. Zuletzt sollte auch über neue Währungsgebiete nachgedacht werden."
Guillermo Calvo lehrt Wirtschaft und Politikwissenschaften an der Columbia University in New York. Er ist der frühere Chefvolkswirt der Inter-American Development Bank.
"Die derzeitige Krise hat ihre Ursachen in einem riskanten geldpolitischen System. Die bestehenden internationalen Abkommen führen zu einer Abfolge von Booms und Zusammenbrüchen. Die Staatschefs der G20 sollten auf ein System abzielen, das Nationalstaaten dazu bewegt, ihre Volkswirtschaften verantwortungsvoll zu führen. Das bedeutet, dass sie weder Blasen, noch große Ungleichgewichte oder ungerechtfertigte Wechselkurse befördern."
Vijay Joshi ist Ökonom und anerkannter Experte für die indische Wirtschaft. David Vines ist Professor für Wirtschaft an der Oxford University und Fellow des Balliol College in Oxford.
"Die gegenwärtige Krise wirft ein Schlaglicht auf zwei große Fehler in den Mechanismen zur Krisenbewältigung. Einmal sind die finanziellen Reserven für einen Notfall unzureichend. Und zum zweiten haben die nationalen Antworten auf eine Krise negative Konsequenzen. Eine Lösung könnte darin bestehen, sich die Koordination auf EU-Ebene genauer anzuschauen und sie auf die weltweite Ebene zu übertragen. Der Währungsfonds könnte dafür sorgen, dass die Regeln auch eingehalten werden."
Erik Berglöf ist Chefvolkswirt der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Jeromin Zettelmeyer ist Berater der Researchabteilung des Internationalen Währungsfonds.
Hat keine großen Erwartungen an den Gipfel: Ernesto Zedillo
"Ein wirklich nützliches Abkommen, das die Mängel in der internationalen Kapitalmarktaufsicht verringert, ist schlichtweg unerreichbar. Aber der Weltfinanzgipfel muss keine Enttäuschung sein. Ein Plan B könnte darin bestehen, die Doha-Runde retten."
Ernesto Zedillo ist Direkto des Yale Center for the Study of Globalization.
Wenn das Betreuungsgeld in Form von Rentenpunkten statt Bargeld ausgezahlt wird, dient das vielleicht dem Koalitionsfrieden. Das Grundproblem löst es jedoch nicht. mehr
An Guido Westerwelle lässt sich eindrucksvoll studieren, wie hart es sein kann, seinen Traum zu leben. Jahrelang strebte er mit aller Macht auf den Posten des Außenministers. Kaum ist er dort angekommen, sprechen ihm Opposition und Medien die Amtseignung ab. mehr
Bildungsgutscheine sind die bessere Alternative zur Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. Geld würde die Bundesregierung so allerdings nicht sparen - außer sie trickst. mehr
Die Anhänger des gestürzten thailändischen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra haben ihre Proteste in Bangkok den vierten Tag in Folge fortgesetzt-mit Blutspenden.
mehr
Börsianer blicken mit wenig Zuversicht auf die deutsche Wirtschaft: Das ZEW-Barometer für Konjunkturerwartungen geht zum sechsten Mal in Folge zurück. Die wenigen Impulse kommen aus Exportbranchen. mehr
Die Kritik der französischen Finanzministerin Lagarde am deutschen Exportüberschuss erscheint ungerecht. Schließlich wirtschaftet Deutschland seit langem disziplinierter als viele andere EU-Länder. Doch Berlin sollte infrage stellen, was hierzulande als vernünftig gilt. mehr
Man habe sich über Hilfen für Athen geeinigt, hieß es nach dem Treffen der Euro-Finanzminister. Jetzt widerspricht Deutschland: Vorerst werde nichts vereinbart. Sollte es doch zum Notfall kommen, hätte man in Berlin gerne den IWF an Bord. mehr
So schlecht waren die Beziehungen zwischen den beiden Ländern noch nie: Wegen der israelischen Siedlungspläne im arabischen Teil Jerusalems sagt Washington den Besuch des Sondergesandten Mitchell ab. In der Stadt selbst protestieren Palästinenser gegen den Siedlungsbau. mehr
Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions
AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!