"In dem Zwischenbericht findet sich lediglich eine Zusammenstellung der Maße, die es jetzt schon gibt", sagte Stefan Bergheim, Direktor des Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt in Frankfurt. "Das zeigt, wie schwierig die Suche ist."
Im Februar 2008 wurde die Expertenkommission um die Nobelpreisträger Amartya Sen und Joseph Stiglitz sowie den französischen Ökonom Jean-Paul Fitoussi ins Leben gerufen. Ursprünglich sollten die Ergebnisse bereits im April präsentiert werden. Der Abschlussbericht ist nun für Anfang Juli geplant.
Schon seit Längerem gibt es Bemühungen zur Entwicklung einer Messeinheit, die auch das vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht direkt erfasste Wohlergehen der Bevölkerung einfängt. Das BIP misst den Marktwert aller in einem bestimmten Zeitraum in einem Land hergestellten Güter und Dienstleistungen und ist das gängigste Maß für den Erfolg einer Volkswirtschaft. Wichtige Elemente wie beispielsweise familiäre Bindungen, Arbeitszufriedenheit oder Ungleichheit werden hier jedoch nicht erfasst.
BIP für viele politische Aspekte nicht geeignet
"Dass man vom BIP als einzige, zentrale Maßeinheit wegkommen muss, darin sind sich eigentlich alle einig", sagte Bergheim, selber einer der wichtigsten Glücksforscher in Deutschland. Das BIP sei eine wichtige Größe, für viele bedeutende politische Aspekte jedoch nicht geeignet. "Zusätzliche Indikatoren sind notwendig, um der Politik eine adäquate Rückmeldung zu geben."
Das Bemühen, solche Faktoren zu einem gängigen Maß zu bündeln, erweist sich allerdings als steiniger Weg. Die Kommission um Stiglitz, Sen und Fitoussi sieht große Schwierigkeiten bei der Auswahl verschiedener Indikatoren: Eine größere Zahl von Indikatoren würde die Komplexität besser erfassen, heißt es in dem Zwischenbericht. Seien es jedoch zu viele, würde damit das Gesamtbild zu unübersichtlich werden. Würde man sich für eine einzige Zahl entscheiden, die verschiedene sozioökonomische Phänomene zusammenfasst, biete das wiederum keine gute Basis für gezielte Politikmaßnahmen.
Glücksforscher Bergheim sieht zudem Schwierigkeiten beim Aggregieren der Daten: "Das BIP wird in einer Währungseinheit gebündelt", so Bergheim. "Bei einem Glücksmaß müssten jedoch Elemente einfließen, die in unterschiedlichen Einheiten gemessen werden - mal in Währungen, mal in Schuljahren, mal in Lebensjahren." Dazu seien einige Indikatoren nach oben begrenzt, andere könnten immer weiter steigen. "Das wird bei Zeitreihen problematisch", sagte Bergheim.
Kritik an der Suche nach dem "Superindikator"
Bruno Frey, Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich, sieht grundsätzlichere Probleme: "Es wird zu sehr danach getrachtet, das BIP zu imitieren", sagte Frey. Der Schweizer Ökonom kritisiert die Suche nach einem "Superindikator", der das Glück der Bevölkerung auf eine Zahl herunterbrechen soll: "Davon muss man wegkommen - es gibt dafür zu viele Dimensionen, die man getrennt berücksichtigen sollte", sagte Frey.
Einen Konsens darüber, wie persönliches Wohlergehen und Glücksempfinden am besten zu messen sei, gibt es somit bisher nicht. Einige Ökonomen sind der Meinung, der einzige Weg zur Messung des Wohlergehens sei es, die Leute direkt zu befragen. Neben der von Sarkozy einberufenen Kommission gibt es gleich mehrere andere Forschungsgruppen, die sich ebenfalls auf die Suche begeben haben. Dazu gehört auch das Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt oder das kanadische Institute of Wellbeing, das ebenfalls im Juni seinen ersten Report vorgestellt hat.
"Die Suche nach einem neuen, allumfassenden Maß ist wirklich sehr schwierig", sagte Bergheim. Verschiedene Indikatoren kämen zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen. Und Bergheim glaubt nicht, dass der erwartete Abschlussbericht der Stiglitz-Kommission sehr viel ändern wird: "Der Zwischenbericht deutet nicht gerade darauf hin, dass die Gruppe kurz vor dem großen Durchbruch steht." Frey glaubt zwar, dass die Stiglitz-Kommission aufgrund des politischen Drucks einen konkreten Vorschlag präsentieren wird. "Der dürfte dann jedoch sehr umstritten sein", sagte Frey.
An der politischen Relevanz des Themas dürfte das jedoch nichts ändern: "In den nächsten Jahren werden die politischen Entscheidungsträger der Messung der Lebenszufriedenheit immer mehr Bedeutung schenken und die gewonnenen Erkenntnisse als Wegweiser für die politische Weichenstellung nutzen", so Bergheim. Es sei zudem eine stärkere Standardisierung der Berechnungsmethoden zu erwarten.
Von der Etablierung eines weltweit einheitlichen Index ist man nach Bergheims Ansicht jedoch noch weit entfernt: "Es wird wohl eher zunächst einmal verschiedene geben, die nebeneinander existieren." Dabei sei es wichtig, dass immer wieder neue Indikatoren zur Diskussion gestellt würden, so wie von der Stiglitz-Kommission in den nächsten Wochen.