Seit der Aufstand gegen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad auch die Großstädte Damaskus und Aleppo erfasst hat, scheint das Ende des Regimes nur noch eine Frage der Zeit. Doch zugleich hat die Intensität der Kämpfe sogar noch zugenommen, die Zahl der Toten steigt immer schneller. Die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht davon aus, dass während der 17 Monate, die der Konflikt schon dauert, bis zu 19.000 Menschen gestorben sind, davon allein rund 2800 im Laufe des Julis. Wie es weitergeht, ist daher noch nicht ausgemacht. Die FTD erklärt die möglichen Szenarien.
Jeder in Assads Umgebung wird sich derzeit fragen, wie seine eigene Zukunft aussieht. Kommt seine Gefolgschaft zum Schluss, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist und der Untergang des Regimes droht, könnten Mitglieder des inneren Machtzirkels einen Coup versuchen. Allerdings steht die Struktur des Regimes dem im Weg: Der Assad-Clan hat alle Schlüsselpositionen in Armee und Sicherheitsdiensten mit Angehörigen oder engen Vertrauten besetzt. "Die Macht liegt bei der Familie, es ist eine Mafia, die das Land kontrolliert", sagt der politische Analyst Aiman Abdulnur, ein früherer Berater des Präsidenten. "Daher kann ein Coup fast nicht gelingen - außer der Plan hätte die Unterstützung von Russland und dem Iran." Zudem sind bei dem Bombenanschlag vergangene Woche in Damaskus vier Mitglieder der Elite getötet worden, darunter Assif Schaukat, der mächtige Schwager Assads. Damit ist praktisch niemand mehr übrig, der einen Coup anführen könnte, meint der syrische Menschenrechtler Wissam Tarif: "Jetzt ist der innere Zirkel sehr eng geknüpft. Die Zeit für einen Palastcoup ist vorbei."
Die politische Verhandlungslösung wurde vom Westen lange favorisiert. Der Präsident tritt zurück, der Rest des Regimes bleibt weitgehend intakt. Doch was im Jemen funktioniert hat, scheint in Syrien kaum machbar. "Im Jemen gab es Leute innerhalb des Regimes, die den Präsidenten zum Machtverzicht gezwungen haben", sagt Andrew Tabler vom Washington Institute for Near East Policy. "In Syrien ließe sich das Problem so nicht lösen, denn das Regime selbst ist das Problem." Unwahrscheinlich ist zudem, dass die Rebellen das akzeptieren würden: Denn die Gewalt hat in Syrien viel extremere Züge angenommen, als es im Jemen je der Fall war.
Der Plan klingt abwegig: Das Regime treibt die Spaltung Syriens voran, um an der Küste einen Staat für die alawitische Minderheit zu errichten. Doch inzwischen sind viele Syrien-Kenner überzeugt, dass genau das gerade geschieht. "Es gibt eine Menge Anzeichen dafür", meint Tabler. "Es ist das, was Minderheiten im Nahen Osten in Zeiten von Krisen tun: Sie kehren zurück in die Berge, aus denen sie einst kamen." Der Assad-Clan und die Führung der Sicherheitsdienste gehören überwiegend der Glaubensrichtung der Alawiten an, die zwölf Prozent der Bevölkerung ausmacht. Daher hat die Gruppierung allen Grund, die Rache der sunnitischen Mehrheit zu fürchten. Seit Wochen kommt es im Hinterland der Küste immer wieder zu blutigen Massakern in sunnitischen Dörfern, die an vorwiegend alawitisch bewohnte Gebiete grenzen. "Sie versuchen, die Sunniten aus dieser Region zu vertreiben", sagt Abdulnur, "um die Voraussetzungen für ihren eigenen Staat zu schaffen."
Bislang ist ein militärisches Eingreifen in Syrien für die internationale Gemeinschaft kein Thema. Denn das Assad-Regime verfügt über eine 200.000 Mann starke hochgerüstete Armee, die bisher wenig Anzeichen von Spaltung zeigt. Damit wäre ein Eingriff äußerst riskant, teuer und langwierig - abgesehen von den völkerrechtlichen Bedenken, solange Russland und China eine Uno-Sicherheitsratsresolution blockieren, und abgesehen von der Angst vor einem Flächenbrand. "Ich würde niemals nie sagen, doch die Chancen, dass es zu einer Intervention kommt, sind sehr dünn", sagt Brian Katulis, Sicherheitsexperte am Center for American Progress in Washington. "Die Sache ist sehr viel komplexer als in Libyen. Der Zusammenhalt des Sicherheitsapparats ist nach wie vor sehr stark, und wir haben noch keine Massendesertionen gesehen." Anders könnte es aussehen, sollte das Regime seine Chemiewaffen einsetzen. In Washington werde die Möglichkeit von Luftangriffen bereits diskutiert, so Tabler: "Es wäre schwierig, aber machbar. Die Rede ist nicht von einer Bodeninvasion, sondern von gezielten Schlägen gegen militärische Einrichtungen."
Das düsterste Szenario ist zugleich das wahrscheinlichste. Seit Monaten eskalieren die Kämpfe; zunehmend nimmt der Konflikt eine religiöse Prägung an. "Wir steuern auf einen jahrelangen Bürgerkrieg zu", sagt Tarif. "Die Entwicklung ist nicht mehr umkehrbar. Das Ausmaß des Blutvergießens ist zu groß." Zwar unterstützen die Golfstaaten den Aufstand mit Geld und Waffen; die USA leisten logistische Hilfe. Dennoch ist die Armee den Rebellen noch weit überlegen. Eroberte Städte können die Aufständischen meist nicht lange halten. Zudem fehlen ihnen zentrale Strukturen; es häufen sich Berichte über interne Kämpfe, Verbrechen und Gewalt gegen Minderheiten. Chaos herrscht vielerorten. "Die Brutalität des Regimes schürt den Hass", sagt Abdulnur. "Religiöse Spannungen sind inzwischen ein ernstes Problem, vor allem in den umkämpften Gegenden."