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Merken   Drucken   17.12.2007, 16:48 Schriftgröße: AAA

Das war 2007: 6 Kriege, 25 schwere Krisen, 328 Konflikte

Konfliktforscher haben die Auseinandersetzungen des Jahres gezählt- ihr Ergebnis: Die Welt ist etwas friedlicher geworden, doch von einigen Regionen gehen extreme Gefahren aus.
von Matthias Oden (Hamburg)

Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) hat am Montag seine Auswertung der Konflikte des laufenden Jahres vorgelegt: Das Conflict Barometer zählt insgesamt 328 Konflikte, 130 davon waren gewalttätig - 10 weniger als im Vorjahr. Auch die Zahl hochgradig gewaltsamer Auseinandersetzungen sank von 36 auf 31.

HIIK-Vorstandsmitglied Lotta Mayer sieht zwar Grund für „vorsichtigen Optimismus“. Aber die Gefahr einer Eskalation sei noch genauso hoch wie 2006. „Die Welt ist etwas friedlicher geworden, aber die sehr, sehr hohe Zahl der Krisen zeigt, dass wir auf dem sprichwörtlichen Pulverfass tanzen.“ Denn allein anhand der Menge der Konflikte könne man nur begrenzt Rückschlüsse auf die Weltlage insgesamt ziehen.

Der Alltag in der Krisenprovinz Darfur wird von schwer bewaffneten ...   Der Alltag in der Krisenprovinz Darfur wird von schwer bewaffneten Milizen geprägt

Asien und Ozeanien sind dem Conflict Barometer zufolge mit 109 Konflikten die krisenreichsten Regionen der Welt, Afrika belegt den zweiten Platz mit 78 Auseinandersetzungen. Europa folgt mit 55 Konflikten auf Platz drei, erst dann kommen mit 43 der Nahe Osten und die nordafrikanischen, arabisch dominierten Maghrebstaaten. „Dass sich die Weltlage insgesamt etwas entspannt hat, ist der Deeskalation in Afrika zu verdanken. Dort konnten etliche Konflikte beigelegt oder zumindest gemindert werden, nicht zuletzt auch durch die Arbeit der Uno“, sagte Mayer FTD-Online.

Die Konflikte, unter denen die Zivilbevölkerung am meisten zu leiden haben, sind Mayer zufolge die Kriege im Sudan und im Irak. Die größte Gefahr für die Weltgemeinschaft gehe jedoch von Pakistan aus: „Pakistan ist gleich in mehrere Konflikten verwickelt, die alle zusammen eine sehr instabile Situation ergeben. Und es ist eine Atommacht an der Grenze zu einer anderen Atommacht - das ist ein Eskalationspotenzial, wie es eigentlich nicht zu wünschen wäre“, sagte HIIK-Vorstandsmitglied Mayer. Auch der noch gewaltlose Konflikt zwischen den USA und Iran sei hochgefährlich.

Kriegsschauplatz Bagdad: Iraker inspizieren das Wrack eines bei ...   Kriegsschauplatz Bagdad: Iraker inspizieren das Wrack eines bei einem Anschlag zerstörten Wagens.

Das Conflict Barometer unterscheidet zwischen Kriegen, schweren Krisen, Krisen und nicht gewaltsamen Auseinandersetzungen. Kriege, die höchste Stufe gewaltsamer Auseinandersetzungen, definieren sich über ein sehr hohes, systematisches und organisiertes Maß an Gewalttätigkeit. Hierzu zählen die Konflikte in Irak, Afghanistan, Sudan, Somalia, Sri Lanka und der im pakistanischen Waziristan im Grenzgebiet zu Afghanistan, der erst in diesem Jahr zu einem Krieg eskaliert ist. Mit sechs Kriegen gibt es 2007 genauso viele wie 2006.

Auch in schweren Krisen wird Gewalt in organisierter Form ausgeübt, aber nicht andauernd, sondern nur in wiederholtem Maße. Beispiele dafür sind etwa die Kämpfe in Kolumbien zwischen Guerilla- und Regierungstruppen, die Niederschlagung des Volksaufstands in Myanmar oder die gewaltsamen Auseinandersetzungen mexikanischer Drogenkartelle mit der Regierung. Die Zahl solch schwerer Krisen sank laut dem Conflict Barometer im Vergleich zum Vorjahr deutlich von 30 auf 25.

Normale Krisen sind hingegen nur sporadisch gewaltsame Konflikte. Beispiele dafür sind 2007 die Aktivitäten der baskischen Terrororganisation Eta, die Milizenkämpfe im Kongo oder die Aktionen der philippinischen Terroristengruppe Abu Sayyaf.

Allein in Darfur sind 2 Millionen Flüchtlinge unterwegs   Allein in Darfur sind 2 Millionen Flüchtlinge unterwegs

Die Masse der im Conflict Barometer aufgezählten Auseinandersetzungen zeige deutlich, „dass es auf der Welt eine hohe Anzahl vergessener Konflikte gibt“, sagte HIIK-Vorstandsmitglied Mayer FTD-Online. Die kurzlebige Aufmerksamkeit der Medien und ihre Konzentration auf einige wenige Konflikte, etwa auf den Irak, gebe nur ein verzerrtes Abbild der Wirklichkeit wieder.

Es sei kaum möglich, genaue Zahlen zu nennen, wie viele Menschen in diesem Jahr von gewalttätigen Auseinandersetzungen bedroht waren oder ihnen zum Opfer gefallen sind, sagte Mayer. Mit Sicherheit gebe es zwar mehr als 25 Millionen Flüchtlinge. Aber bei den Opferzahlen gingen die Schätzungen weit auseinander. "Sehr konservative Studien sprechen von etwa 10.000 Toten, andere von rund einer halben Million", sagte Mayer. Doch selbst für einzelne Konflikte sei es schwierig, verlässliche Daten zu sammeln. Sicher lässt sich ihr zufolge daher nur festhalten: „Ein beträchtlicher Anteil der Weltbevölkerung ist von Gewalttätigkeiten bedroht. Das Conflict Barometer untermauert, dass wir von einem wirklichen, weltweiten Frieden weit entfernt sind.“

  • FTD.de, 17.12.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland
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