FTD.de » Politik » International » Integration ist gut - doch es geht besser

Merken   Drucken   05.02.2011, 10:00 Schriftgröße: AAA

Debatte um Zuwanderung: Integration ist gut - doch es geht besser

Zuwanderer müssen sich anpassen, wenn sie heimisch werden wollen. Doch genauso müssen die Gesellschaften bereit sein, sich zu verändern. Ein echtes Zusammenwachsen gelingt nur auf lokaler Ebene. Ein Essay von Ratna Omidvar
Ratna Omidvar leitet die kanadische Stiftung Maytree, die von kanadischen Unternehmen unterstützt wird. Sie bringt durch lokale Netzwerke Firmen und Einwanderer zusammen. Sie berät zudem die kanadische Regierung in Einwanderungsfragen.
Ich bin in Indien aufgewachsen, habe in Deutschland studiert und mich dann mit meinem Ehemann im Iran niedergelassen. Wie die mehr als 14 Millionen Flüchtlinge, die jedes Jahr ihre Heimat verlassen müssen, kehrte ich 1982 der politischen Unterdrückung den Rücken und bat in Kanada um Asyl. Bei meiner Ankunft war ich in mancherlei Hinsicht im Vorteil: Ich sprach fließend Englisch und hatte Familie und Freunde in dem Land. Doch wie es oft bei Migranten der Fall ist, wurden unsere Bildung und Erfahrung abgewertet. Für viele Kanadier war ich einfach noch ein dunkelhäutiges Gesicht mehr. Man legte mir sogar nahe, meinen Namen zu ändern. Ich bin so froh, dass ich diesem Rat nicht gefolgt bin!
Ratna Omidvar leitet die kanadische Stiftung Maytree, die von ...   Ratna Omidvar leitet die kanadische Stiftung Maytree, die von kanadischen Unternehmen unterstützt wird
Mein Mann und ich brauchten etwa acht Jahre, bis wir eine Arbeit fanden, die unseren Fähigkeiten und unserer Ausbildung angemessen war. Es war eine schwierige Zeit für uns. Und ich kenne viele Migrantenfamilien, die noch viel länger zu kämpfen hatten. Dennoch bin ich stolz auf mein neues Land. Seine Geschichte ist nun die meine.
Rund 40 Prozent der über 15-Jährigen in Kanada sind Migranten oder haben ein Elternteil, das außerhalb des Landes geboren wurde. Rund 84 Prozent der dazu berechtigten Einwanderer sind eingebürgert. Ihre Kinder besuchen in großer Zahl die Universität, verdienen überdurchschnittlich und nehmen aktiv am Leben der Gesellschaft teil. Kanada bietet Migranten an, sich nach nur drei Jahren im Land einbürgern zu lassen. Und die kanadische Charta der Rechte und Freiheiten verleiht allen Einwohnern ungeachtet ihrer Staatsbürgerschaft das Recht auf Gleichbehandlung und ordnungsgemäße Verfahren seitens staatlicher Institutionen.
Wie kann die Lücke bei qualifizierten Arbeitskräften geschlossen werden?

 

Wie kann die Lücke bei qualifizierten Arbeitskräften geschlossen ...

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Diese Maßnahmen hatten zur Folge, dass viele Migranten erfolgreich integriert wurden. Doch einige Trends machen eine neue und bessere Herangehensweise erforderlich: Einwanderer, die sichtbar eine Minderheit darstellen, leben öfter in Armut. Hinzu kommt, dass viele Migranten es inzwischen als einfacher empfinden, sich ausschließlich innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft zu bewegen, als Integration und Interaktion mit anderen zu suchen. Eine erfolgreiche Integration bedeutet nicht, dass wir einander automatisch mögen. Bunter gemischte Gesellschaften sind, zumindest kurzfristig, im Allgemeinen Gesellschaften mit niedrigeren Formen der sozialen Solidarität und des sozialen Kapitals. Und Kanada mag zwar voller Stolz anderen Menschen seine Türen öffnen, doch wirkliche Macht, Einfluss und Prestige liegen weiterhin in den Händen einiger weniger. Folglich bleibt der Reichtum neuer Ideen und Netzwerke ungenutzt.
Einbindung ist daher unsere neue Herausforderung - eine, die viele andere Länder, auch Deutschland, teilen. Wir müssen eine Gemeinschaft schaffen, in der Unterschiede zwischen Menschen als normal erachtet werden, nicht als abnormal. Eine Gemeinschaft, in der diese Unterschiede als Gewinn, nicht als Belastung geschätzt werden, in der sie bewusst als Stärke gesucht und nicht auf eine Weise umgangen werden, durch die die Schwächsten ausgeschlossen werden.
Einbindung ist nicht dasselbe wie Integration, auch wenn beide Konzepte untrennbar miteinander verbunden sind. Ziel von Integration ist es zu gewährleisten, dass der Migrant eingegliedert ist, die Sprache spricht, das Gesetz befolgt, arbeitet, Steuern zahlt und zur Wahl geht. Einbindung geht noch einen Schritt weiter: Der Einwanderer ist aktiver Partner bei der Gestaltung und der Veränderung von Institutionen und Gesellschaft. Bei der Integration geht es darum, einen Anfang zu machen und sich einzuleben. Bei der Einbindung geht es darum, sich in die Gesellschaft einzubringen. Während die Integration dem Migranten viel abverlangt, verlangt Einbindung von der Gesellschaft des Gastgeberlandes, sich zu verändern.
In vielen Teilen der Industrieländer wird die demografische Entwicklung die Prioritäten diktieren. Es gibt nüchterne wirtschaftliche und gesellschaftliche Gründe dafür, Eingliederung und Einbindung voranzutreiben. Wir müssen uns auf die Orte konzentrieren, wo die Einbindung am wichtigsten ist - bei der Arbeit, in der Chefetage, in den Medien, im politischen und gesellschaftlichen Leben. Einbindung garantiert Chancengleichheit, Zugehörigkeit und Engagement.

Teil 2: Rotes Kreuz unterrichtet Fahrradfahren

  • FTD.de, 05.02.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Massaker in Syrien: Russen, bewegt euch endlich

    Russland stand bisher fest an der Seite des Assad-Regimes. Ob mit Waffen oder mit politischer Rückendeckung, Syrien konnte auf die Russen zählen. Das sollte Moskau schleunigst ändern. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote