FTD.de » Politik » International » Der Musterschüler baut ab

Merken   Drucken   01.02.2011, 21:52 Schriftgröße: AAA

Delle für die Wirtschaft: Der Musterschüler baut ab

Ägyptens Wirtschaft boomte jahrelang dank Reformen. Nun droht ein Einbruch durch die Massenproteste. von Simon Book, Berlin
Nichts geht mehr am Nil, die Proteste gegen Präsident Mubarak haben Ägyptens Wirtschaft lahmgelegt. "Es gibt eine Krise, keine Frage. Und ich kann nicht verneinen, dass die Wirtschaft gelitten hat", gab am Dienstag Ägyptens Finanzminister Samir Radwan in der BBC zu. Und auch aus deutschen Diplomatenkreisen hieß es, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Proteste seien offensichtlich.
Bisher war Ägypten nach Südafrika das am stärksten industrialisierte Land Afrikas. Zwar leben 40 Prozent der rund 80 Millionen Ägypter in Armut, doch haben wirtschaftsfreundliche Reformen in der Finanzkrise für ein Wachstum von fünf Prozent pro Jahr gesorgt.
Abwärts: Ägyptens Leitindex   Abwärts: Ägyptens Leitindex
Nun drohen die Proteste jedoch dieses Wachstum nachhaltig zu schmälern. Das ING Investment Management schätzt, dass die Proteste mindestens einen halben Prozentpunkt Wachstum kosten. Für 2011 sei man von 5,5 Prozent Wachstum ausgegangen, nun seien maximal fünf Prozent drin, sagte eine Sprecherin.
Denn viele Firmen haben derzeit die Arbeit eingestellt. "Wegen der Ausgangssperre trauen sich die Arbeiter nicht mehr aus dem Haus oder versuchen, nur das nötigste zu erledigen", sagt Felix Eikenberg, Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Kairo. Auch der Mobilfunk funktioniert nur eingeschränkt: Am Dienstag stellte als letzter Internetprovider die Noor-Group ihren Dienst ein, sie verband auch die Börse in Kairo mit der Außenwelt. Der Handel funktioniert nun nur noch eingeschränkt, viele Werte sind im freien Fall. So steht das ägyptische Pfund auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren.
Der Zoll des Landes arbeitet nicht mehr. Fracht werde nicht mehr abgefertigt, sagte ein Sprecher der Posttochter DHL. Bestimmte Expressendungen kämen zwar ins Land, könnten aber nicht ausgeliefert werden, da die Verhältnisse dies nicht erlaubten.
Auf Straßen, Schienen, in der Luft und zu Wasser bewegt sich fast nichts mehr. An den Tankstellen bilden sich lange Schlangen, weil die Menschen fürchten, dass Diesel und Benzin knapp werden könnte. Viele machen Hamsterkäufe in den Läden - wenn diese überhaupt offen sind und etwas anbieten. Experten erwarten Versorgungsengpässe. Die Regierung versuchte am Dienstag zu beruhigen und versicherte, die Vorräte an Grundnahrungsmitteln reichten bis Juni.
Doch selbst wenn Reis und Öl verfügbar sind, könnte der Kauf schwierig werden. In Teilen des Landes funktioniert das Banksystem nicht mehr. Die Automaten sind geplündert, abgestellt oder werden nicht mehr nachgefüllt, Banken haben geschlossen. "Das ist für Rentner und Pensionäre ein Problem. Sie sollten zum Monatswechsel ihr Geld bekommen, können es aber nun nicht abheben", so Eikenberg. Doch auch Tage- oder Wochenlöhner hätten kein Geld mehr, weil ihre Firmen die Produktion eingestellt hätten. Die Regierung reagierte: Finanzminister Radwan kündigte an, am Mittwoch die Geldautomaten für Rentner und Pensionäre wieder zu öffnen.
Das größte Risiko für die Wirtschaft liegt in der Zukunft: Haupteinnahmequelle des Landes ist der Tourismus, knapp 20 Prozent der Deviseneinnahmen werden so erwirtschaftet. Rund zwölf Millionen Touristen kommen jedes Jahr. Langfristig muss Ägypten massive Ausfälle fürchten. Auch wenn viele Urlauber jetzt im Land blieben, in der Zukunft könnten sie sich gegen Ägypten entscheiden. Eine Erholung ohne innere Stabilität ist aussichtslos.
  • FTD.de, 01.02.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Massaker in Syrien: Russen, bewegt euch endlich

    Russland stand bisher fest an der Seite des Assad-Regimes. Ob mit Waffen oder mit politischer Rückendeckung, Syrien konnte auf die Russen zählen. Das sollte Moskau schleunigst ändern. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote