Regelmäßig haben die Stimmungsindikatoren für die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Wochen neue Rekordstände erreicht. Trotzdem blieben die Prognostiker bisher recht vorsichtig: Kaum ein Institut prognostiziert 2006 ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent oder mehr.
Doch nicht nur die Ifo-Rekordstände erinnern an das Boomjahr 2000, sondern auch die Vorsicht der Analysten. Viele Volkswirte prognostizierten damals ein Wachstum von nur knapp über zwei Prozent. Tatsächlich wuchs die Wirtschaft aber um drei Prozent.
"Aufschwünge werden oft unterschätzt"
"Aufschwünge werden oft unterschätzt", sagt Holger Schmieding von der Bank of America. Nach einer Studie von Ulrich Fritsche vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat etwa der Sachverständigenrat das Wachstum in jedem Aufschwung seit Mitte der 80er Jahre zu niedrig angesetzt. Besonders stark irrten die Ökonomen 1994: Damals prognostizierten sie ein Plus von 0,5 Prozent, die Wirtschaft wuchs um 2,8 Prozent.
"Prognostiker haben große Probleme, den konjunkturellen Wendepunkt zu erkennen", sagt Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft die Fehlprognosen. "Solange sich die Wirtschaft auf einem Wachstumspfad befindet, können sie die Zuwachsraten einfach fortschreiben", so Fritsche. Es sei aber kaum vorherzusagen, wann der konjunkturelle Funke etwa vom Export auf die Binnennachfrage überspringe.
Gründe für die Zurückhaltung
Vor diesem Hintergrund sei es nur begrenzt möglich zu prognostizieren, wie stark der Aufschwung tatsächlich ausfällt, so Scheide. Und selbst wenn die Konjunkturforscher den Wendepunkt der wirtschaftlichen Entwicklung und deren Dynamik richtig erkennen, gibt es immer noch die Schwierigkeit, den richtigen Zeitpunkt zu treffen. "Wenn der Aufschwung ein bis zwei Quartale später kommt als zunächst angenommen, kann dadurch die Prognose für das Gesamtjahr deutlich zu hoch ausfallen."
Derzeit gibt es nach Aussage von Schmieding noch einen anderen Grund, warum sich die Konjunkturforscher zurückhalten: Seit 2001 haben die Auguren das Wachstum regelmäßig überschätzt. Schocks wie der Irakkrieg, die Euro-Aufwertung und der Ölpreisanstieg ließen die Erholung jedes Mal schwächer ausfallen als prognostiziert. "Seit diesen Erfahrungen rechnen die Volkswirte mit niedrigeren Wachstumsraten", so Schmieding.
Zum FTD-PodcastZum FTD-Blog "Kapitalisten"Wirtschaftsbücher - besprochen und bewertet von der FTD