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FTD-Serie: Amerika hat gewählt

Die Schlacht ist geschlagen - der Sieger heißt Barack Obama. Hier finden Sie die aktuellsten Nachrichten und Reportagen, Analysen und Kommentare zum politischen Weltereignis in den USA.
Merken   Drucken   10.11.2008, 20:07 Schriftgröße: AAA

Der O-Check: Schwarze Lichtgestalt

Barack Obama ist ein Superstar, ein Messias, ein Übermensch, mindestens ein Hoffnungsträger für fast jedermann. Zweifel daran, dass er solche Erwartungen auch erfüllen kann, sind schlicht unerwünscht.
von Joachim Zepelin (Berlin)

Dabei präsentiert sich der künftige US-Präsident eher bescheiden. Was ist also das Geheimnis von Obama, welche Eigenschaften zeichnen diesen Politiker aus, die ihn zur Lichtgestalt in den USA und in der Welt machen?

Als Obama  im Juli in Berlin auftrat, pilgerten 200.000 Fans zu einem Kandidaten, den kaum einer von ihnen wählen konnte. Trotzdem wollten die Berliner den Mann sehen, der George W. Bush ablösen und eine neue amerikanische Epoche einleiten sollte. Die Massen an der Siegessäule sehnten sich nach der großen Geste, einem Signal der Wende, einem Lob für Europas kritische Haltung gegenüber der Bush-Regierung. Doch Obama lieferte nicht. "Er hat ein meisterhaftes Gespür für den Augenblick", sagt Jo Groebel, Direktor des Deutschen Digital Instituts in Berlin. "Er hat die hohen Erwartungen einfach unterlaufen, ist zurückhaltend gewesen, und das war genau die richtige Geste."

Diese Ausstrahlung von Gelassenheit hält Groebel, der schon für Bill Clinton, Angela Merkel und Gerhard Schröder gearbeitet hat, für einen wesentlichen Grund des Erfolgs von Obama. "Er ist nie grandios oder pompös, das macht ihn zu einer glaubwürdigen Projektionsfläche für zahlreiche Wünsche." Gesten und Mimik decken sich mit der Person, er trägt nicht dick auf, beobachtete der Medienprofessor.

Bilderserie Bilderserie: Der O-Check

Groebel hält es für denkbar, dass Obama auch für eine Wende in der politischen Kommunikation steht: "Wir leben in einem Zeitalter, in dem gerade in den vergangenen Monaten nicht nur die Wirtschaft in die Krise gekommen ist, sondern auch alles Aufgeplusterte, wo es nur um den Spin und nicht um die Sache geht."

Der American Dream in Fleisch und Blut

Seine Ausstrahlung unterstreicht Obama zusätzlich durch sein Auftreten: "Er hat etwas Jungenhaftes, etwas Unverbrauchtes und Natürliches", sagt Klaus-Peter Schmidt-Deguelle, der jahrelang Ex-Finanzminister Hans Eichel beraten hat und heute im Vorstand des Berliner Kommunikationsberatungsunternehmens WMP Eurocom sitzt. Vor allem verkörpere Obama durch seine Herkunft den amerikanischen Traum, "die amerikanische Staatsideologie, dass jeder, der sich in der Gesellschaft anstrengt, es vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann".

Darin sieht Schmidt-Deguelle "die Grundbasis der Akzeptanz und Bewunderung", die ganz neue Wählerschichten für ihn mobilisiert habe. Durch seinen Aufstieg von ganz unten sei er auch in der Lage, bei sehr verschiedenen Auditorien den richtigen Ton zu treffen. Groebel diagnostiziert in Obamas Persönlichkeit zudem "Aufbruchstimmung, einen sehr hohen Coolness-Faktor" und aufgrund der Hautfarbe auch Integration.

Höchstes Lob gibt es für die Verbindung von Obamas Auftritt und seiner Rhetorik: "Botschaft und Überbringung der Botschaft, äußere Form und Inhalt wurden perfekt zusammengebracht", sagt Schmidt-Deguelle. Diese "100-prozentige Deckungsgleichheit von Person und Programm" sei Voraussetzung für einen erfolgreichen Politiker.

Die Zeitläufte haben Obama zusätzlich in die Hände gespielt. "Angesichts der Wirtschaftskrise sind ihm noch mehr Erwartungen in den Schoß gefallen, die ein alter Politiker wie McCain nicht erfüllen konnte", glaubt Schmidt-Deguelle. Weder als Nachfolger von Bill Clinton vor acht Jahren noch als Herausforderer von Bush vor vier Jahren hätte Obama so gut abgeschnitten wie am 4. November. Nach lähmenden Perioden und Krisenzeiten wie vor der Wahl von John F. Kennedy, Willy Brandt oder Gerhard Schröder haben charismatische Persönlichkeiten, die für Veränderung und Erneuerung stehen, die besten Aussichten.

  • Aus der FTD vom 11.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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