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Merken   Drucken   21.01.2008, 18:27 Schriftgröße: AAA

Die Mächte von morgen: Vietnam - Land der geborenen Unternehmer

Dossier Nach langen Kriegen hat sich Vietnam zu einer der offensten Wirtschaften der Welt gemausert. Es glänzt mit Wachstumsraten, die an China und Indien erinnern. Doch Mängel in der Infrastruktur bremsen. von Claudia Wanner (Hanoi)
Für eine australische Import-Export-Firma kümmert er sich um den Einkauf vietnamesischen Handwerks. Seine ausgebaute Wohnung vermietet er an Touristen. Daneben bietet er Touren mit dem Auto oder Motorrad durchs zentrale Hochland von Vietnam an. Thong Do Van aus Hoi An ist in vielen Geschäftsfeldern tätig. Und wen keines von diesen Angeboten lockt, dem verleiht er für umgerechnet 3 Euro am Tag sein eigenes Moped.
Als geborene Unternehmer gelten die Vietnamesen unter den Nachbarn in Asien. "Von Investoren hören wir immer wieder, dass Arbeitsmoral und Arbeitsqualität hier selbst für asiatische Standards besonders hoch sind", sagt James McCormack, der für die Ratingagentur Fitch in Hongkong die Länderratings in Asien verantwortet.
Neben niedrigen Arbeitskosten und niedrigen Steuern trage dies entscheidend zur Attraktivität des Landes bei. 15 Mrd. $ aus dem Ausland wurden in den ersten elf Monaten 2007 investiert. Damit sind die ausländischen Direktinvestitionen um mindestens 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.
Straßenszene in Hanoi: Vietnam hat sich in den letzten Jahren ...   Straßenszene in Hanoi: Vietnam hat sich in den letzten Jahren gewandelt
Vietnam lockt nicht nur Textilfirmen
"Viele Unternehmen verfolgen eine 'China-plus-eins-Strategie'. Sie wollen nicht ihr ganzes Investment in Asien in ein Land fließen lassen. Dabei hat Vietnam gute Chancen", sagt McCormack. In der Volksrepublik lassen die Behörden gern durchblicken, sie hätten kein Interesse mehr an Industrien mit geringer Wertschöpfung. Branchen wie die Textilindustrie dürften ruhig nach Vietnam abwandern, so die inoffizielle Strategie. Doch das Land lockt längst auch andere Branchen: Der Elektronikkonzern Hon Hai Precision  gehört zu den großen Investoren der vergangenen Monate, der Chiphersteller Intel  investiert 1 Mrd. $ in eines seiner größten Projekte außerhalb der USA.
Geographische Lage Vietnams   Geographische Lage Vietnams
"Vietnam hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert", sagt Ayumi Konishi, Chef der Niederlassung der Asian Development Bank (ADB) in Vietnam. Seit Jahrzehnten wird das Land von einem kommunistischen Regime geführt. Doch ähnlich wie in China wird das im Alltag auf den ersten Blick selten sichtbar. In Hanoi bieten gleich um die Ecke vom Ministerium für Arbeit und Soziales Burberry, La Perla und Salvatore Ferragamo Luxuswaren an. "Der Wandel hat nicht erst mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) begonnen, auch wenn in den vergangenen beiden Jahren viele wichtige Schritte zur Öffnung getan wurden", sagt Konishi. Vietnam trat am 11. Januar 2007 der WTO bei. Die Regierung habe sich eine starke Senkung der Armut zum Ziel gesetzt und dafür den Weg der wirtschaftlichen Öffnung gewählt. Mit Erfolg: Während laut ADB noch vor 15 Jahren 58 Prozent der Vietnamesen unterhalb der Armutsgrenze lebten, sind es heute rund ein Fünftel. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen lag laut ADB zuletzt bei rund 720 $.
Für das Regime habe die Öffnung einen wichtigen Nebeneffekt, konstatiert ein Banker. Um das Einparteienregime aufrechtzuerhalten, bräuchte die Regierung wirtschaftlichen Erfolg. Außerhalb der Wirtschaft zeigt sich das Regime weniger konziliant. Meinungsfreiheit gibt es nicht. Die Medien sind staatlich dominiert. Opponenten wandern ins Gefängnis.
Reales Bruttoinlandsprodukt: Veränderung zum Vorjahr   Reales Bruttoinlandsprodukt: Veränderung zum Vorjahr
Mehr als sieben Prozent Wachstum
Ihre Wachstumsziele setzt die Regierung eindrucksvoll um. Seit Jahren legt die Wirtschaft jeweils um über sieben Prozent zu. In Asien übertreffen das nur China und Indien. Überall entstehen neue Fabriken, Industrieparks, Wohnsiedlungen. Und immer mehr Vietnamesen können es sich leisten, ihr Fahrrad gegen ein Moped einzutauschen. Die Straßen teilen sie sich aber schon an den Stadträndern mit dicken Wasserbüffeln, die auf den Reisfeldern als Arbeitstiere dienen.
Die jahrelange Politik der Öffnung hat Vietnam zu einer bedeutenden Exportnation gemacht. Die Ausfuhren machen 67 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Zum Vergleich: In China sind es 34 Prozent. Doch die Infrastruktur ist noch schwach. "Sie gehört zu den größten Herausforderungen", sagt ADB-Direktor Konishi. Neben dem Transport gelte dies vor allem für den Energiebereich. Zuletzt gab die Regierung dafür viel Geld aus: laut Fitch acht bis neun Prozent des BIP. Dadurch sei die Verschuldung kräftig in die Höhe geschossen.
Auch eine Reform der staatlichen Unternehmen mahnen Beobachter an. Die verheißungsvoll gestartete Privatisierung kam 2007 wegen der schleppenden Kursentwicklung an der kleinen Aktienbörse des Landes ins Stocken; die Regierung wollte den Markt nicht mit Papieren überschwemmen. Vor dem Jahreswechsel wurde die Privatisierung der Vietcombank angestoßen.
Gerade beim Bankensystem tut Wandel not. "Das ist nach wie vor ein echtes Staatsbanksystem, die Zentralbank ist nicht unabhängig", sagt McCormack. Der staatliche Einfluss auf die Zentralbank hat auch die Inflation auf über acht Prozent getrieben. Gegen gegen die Preissteigerung werde wenig getan, kritisieren Beobachter.
  • Aus der FTD vom 22.01.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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