Die Abstammung vom Affen passt nicht ins Glaubenskonzept amerikanischer Christen
Als Neuntklässler in Dover, Pennsylvania, bekommt man ein merkwürdiges Papier zu lesen: Die Bildungstatuten des Staats würden zwar die Unterrichtung in Evolutionsbiologie vorschreiben, diese sei jedoch kein Faktum und leide unter gravierenden Lücken. "Intelligent Design" (ID) liefere dagegen eine mögliche Erklärung für diese Lücken. Nähere Informationen könnten die Schüler in der Klasse ausliegenden Heften entnehmen.
Verantwortlich für die skeptischen Äußerungen sind nicht etwa neue Erkenntnisse der Wissenschaft, sondern die Schulverwaltung des Distrikts Dover. Im Oktober 2004 beschlossen das Gremium, dass die Schüler "auf Probleme und Lücken in Darwins Theorie genauso aufmerksam gemacht werden sollen wie auf alternative Theorien der Evolution einschließlich, aber nicht beschränkt auf die Lehre vom Intelligent Design".
Alles nur eine bizarre Provinzposse im ländlichen Amerika? Weit gefehlt. Anfang August sorgte US-Präsident George W. Bush für eine dramatische Aufwertung der von Wissenschaftlern als "Kreationismus im billigen Smoking" verspotteten Theorie, als er die These vom "Intelligent Design" auf eine Stufe mit den traditionellen Wissenschaften stellte: "Beide Ansichten sollten vermittelt werden", sagte Bush, "damit die Schüler verstehen, worum es geht. Zur Erziehung gehört es, die Schüler mit unterschiedlichen Denkschulen vertraut zu machen." Für welche Variante er stehe, wollte Bush nicht sagen - sei es, um sich nicht vor der Welt lächerlich zu machen oder weil er nicht wagte, sich offen gegen die christliche Rechte zu stellen.
Religion gegen Wissenschaft
Die Lehre vom "Intelligent Design" ist der jüngste Versuch der religiösen Rechten in den USA, die wissenschaftliche Debatte den Bedürfnissen einer fundamentalistisch ausgelegten Religion anzupassen. Intelligent Design (ID) will den Kreationismus, in seiner Reinform der buchstäbliche Glaube an die biblische Schöpfungsgeschichte, über die wissenschaftliche Hintertür wieder zum Maßstab amerikanischer Biologielehrpläne machen.
1987 schien die Schlacht um die Ideen schon verloren: Ein Urteil des Surpreme Courts untersagte die Verbreitung kreationistischer Ideen im Schulunterricht, da es sich eindeutig um ein religiöses und nicht um ein wissenschaftliches Thema handele. Doch die Verfechter der konservativen Revolution lernten schnell: Die seit etwa zehn Jahren existierende ID-Lehre vermeidet sorgsam die Wörter "Gott" oder Schöpfer".
Die Anhänger des ID-Konzepts geben sich nicht ganz so orthodox wie die ursprünglichen Kreationisten, die am Wortlaut der Bibel festhalten und an eine Schöpfung in sechs Tagen glauben. Ihre zentrale These ist, dass die Struktur biologischer Formen zu komplex und perfekt ist, um durch "Zufall" entstanden zu sein. Hinter der Entwicklung des Lebens, so wie es sich uns darstellt, müsse demnach eine "höhere Instanz" stehen, die gleich einem Architekten die grundlegenden Voraussetzungen für die Entwicklung der Arten geschaffen habe.
Finanzkräftige Sponsoren
Wortführer der Neokreationisten sind Michael Behe, Biochemiker, und William A. Dembski, Mathematiker, Philosoph und Theologe. Ihre Publikationen liefern den ideellen Hintergrund für den öffentlichen Feldzug von konservativen Think Tanks wie dem "Discovery Institute", das auf seiner Internetpräsenz Lehrer, Eltern und Politiker mit Material gegen den Darwinismus versorgt. Finanziert werden die Meinungsmacher von kapitalkräftigen Sponsoren - vornehmlich aus republikanisch-christlichen Kreisen.
Im US-Bundesstaat Kansas haben es die Darwin-Gegner schon 1999 geschafft, die Evolutionsbiologie komplett aus dem Lehrplan zu streichen. Zwar wurde die Entscheidung 2002 wieder zurückgenommen, nach erneuten Wahlen 2004 aber wiederum bestätigt. Wissenschaftler reagieren alarmiert: "Neo-Kreationisten definieren Wissenschaft in ihrem Sinne um, um außerweltliche Phänomene als Erklärung für natürliche Vorgänge einfließen zu lassen", warnt Keith Miller von der Kansas State University. Die Forderungen der Kreationisten seien zurzeit gefährlicher und radikaler als jemals zuvor, schreibt er in einem Artikel für das renommierte Fachblatt "New Scientist".
Umkehr der Beweislast
Doch nicht nur in Amerika fällt der Versuch, die Autorität der Wissenschaft in der Realitätsdeutung mit metaphysischen Gegentheorien zu unterminieren, auf fruchtbaren Boden. Die englische Internetseite "Creation Resources Trust" feiert eine Konferenz in West Virginia. Titel: "Wie können Christen ihren Glauben in der heutigen Kultur verteidigen und verbreiten?" Die Autoren greifen Miller frontal an: Wenn sich die Wissenschaft ihrer Sache so sicher wäre, warum fühlt sie sich dann angegriffen von ID, fragen sie in gespielter Verwunderung. Und weiter: "Wer sagt, dass das Übernatürliche keinen Platz in wahrer Wissenschaft hat?" Die Beweislast wird einfach umgedreht: Wo die Kreationisten früher aufgerufen waren, ihre Thesen mit Fakten zu untermauern, werfen sie heute der Wissenschaft vor, keine Beweise liefern zu können, welche die Lehre vom Intelligent Design widerlegen könnte. Wie auch: Die Theorie genügt sich in der bloßen Behauptung.
Auch der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn lässt mit seinen Ansichten und markigen Formulierungen schaudern. Am 7. Juli schrieb er in einem gleichzeitig in der "New York Times" und der "International Herald Tribune" erschienenen Artikel, "konfrontiert mit wissenschaftlichen Behauptungen wie dem Neo-Darwinismus, wird die katholische Kirche weiter den Sinn des menschlichen Lebens verteidigen, indem sie vertritt, dass der Natur ersichtlich ein immanentes Design inne wohnt." Einen Brief des Papstes, der darin 1996 die Evolutionslehre grundsätzlich anerkannte, nennt Schönborn "vage und unwichtig".
Ausgewählte Papst-Worte
Viel wichtiger sind für ihn wesentlich ältere (1986) Aussagen von Johannes Paul II anlässlich einer Audienz. Ziemlich offensichtlich ist der Anlass der plötzlichen Einmischung des europäischen Kirchenfürsten in die US-Innenpolitik: Zurzeit sind zwei der neun Bundesrichtersitze verwaist. Eine konservative Neubesetzung, so sind sich Kommentatoren einig, könnte auf Jahre hinaus das gesellschaftliche Klima der USA verändern.
Für die Platzierung seines Artikels bediente sich Schönborn derselben PR-Agentur, die auch für das "Discovery Institute" arbeitet. Deren Vizepräsident Mark Ryland erklärte dann auch, dass er Schönborn zum Verfassen des Beitrags aufgefordert habe. Bei allen Vorbehalten gegenüber dem österreichischen Konservativen steht kaum zu befürchten, dass dieser sich unbewusst zum Sachwalter der Wissenschaftsgegner gemacht hat. Immerhin hat Schönborn einen guten Teil der amerikanischen Bevölkerung auf seiner Seite: Umfragen zufolge glauben mehr als 50 Prozent der Amerikaner nicht an die Evolution, sondern an die Schöpfungsgeschichte.