Indische Bauern transportieren auf Kamelen Wassermelonen
Die Züge, die alle drei Minuten die Station Bandra verlassen, sind so überfüllt, dass die Menschen in Trauben aus den offenen Abteiltüren hängen. Mehr als 1000 Züge verkehren Tag für Tag auf dieser Strecke: Jeder ist für 3500 Fahrgäste gedacht, doch zu den Stoßzeiten quetschen sich fast doppelt so viele hinein. Wenn jemand den Halt verliert, passieren Unfälle.
Die meisten Einwohner der 15-Millionen-Stadt Bombay, die heute Mumbai genannt wird, nutzen den öffentlichen Nahverkehr für den Weg zur Arbeit. Doch das System ist total überlastet, die Züge befördern 40 Prozent mehr Passagiere als von den Konstrukteuren vorgesehen.
Ineffiziente Häfen
Marodes Eisenbahnnetz, veraltete Flughäfen, überlastete Stromleitungen und Kraftwerke, schlechte Straßen - Indiens Infrastrukturmisere schreckt ausländische Investoren seit Jahren ab. Weil die 13 großen Häfen maßlos überlastet und ineffizient seien, brauche die Abfertigung von Waren am Zoll doppelt so lange wie in Korea oder Thailand, berechnet der "Economist Intelligence Unit". Der Transport einer Schiffsladung Textilien aus Indien koste im Schnitt 35 Prozent mehr als aus China.
Auch die mangelhaften Straßenverbindungen erzwingen lange Umwege und höhere Kosten. Ein ähnlicher Bremsklotz ist die Energieversorgung: Wegen häufiger Stromausfälle kommen 60 Prozent der Firmen nicht ohne eigene Generatoren aus. Wasserversorgung ist genauso mangelhaft.
Auftragschancen für Siemens
Das soll sich ändern. In Bombay hat die Regierung mit Finanzierungshilfen der Weltbank mit der Modernisierung und Erweiterung des örtlichen Nahverkehrssystems begonnen. Für internationale Konzerne bieten sich hier Auftragschancen, vor allem, wenn sie in Indien bereits einen guten Namen haben.
Dazu gehört auch Siemens: Dem Konzern ist es zu verdanken, dass es am Knotenpunkt Bandra in den letzten 30 Jahren keine technischen Pannen gab. 1975 baute Siemens das erste Stellwerk an der Station, 2004 wurde es ersetzt. Vergangene Woche gewann das Unternehmen die Ausschreibung für die elektrische Ausrüstung von 101 Zügen vor den Konkurrenten Bombardier und Alstom. Auftragsvolumen: 168 Mio. Euro.
Die Regierung, die jahrelang kaum in den Ausbau der Schienen- und Straßennetze investierte, versucht gegenzusteuern. "Indiens auffälligstes Defizit ist sein Infrastrukturdefizit", sagte Finanzminister Palaniappan Chidambaram bei der Vorstellung seines Haushalts im Februar. "In Indien ist man sich bewusst, dass der Schlüssel für stabiles, hohes Wachstum eine schnelle Verbesserung der Infrastruktur ist", sagte Jürgen Schubert, Indien-Chef von Siemens, im Gespräch mit der FTD. "Wenn dies nun konsequent und ohne weitere Verzögerung realisiert wird, können wir in Indien von einem stabilen Wirtschaftswachstum von sieben bis acht Prozent ausgehen."
Moderne Highways
Schon im Oktober 2001 erarbeitete eine Task-Force der Regierung eine "Transportpolitik". 13.000 Kilometer Autobahn sollen auf mehrere Spuren ausgeweitet werden. Eine Vierecksverbindung zwischen den vier größten Städten des Landes, Delhi, Bombay, Madras und Kalkutta, soll Mitte dieses Jahres stehen. Bis 2008 sollen moderne Highways den Norden mit dem Süden und den Osten mit dem Westen des Landes verbinden. Zum Vergleich: In China gibt es heute schon 25.000 Kilometer vier- bis sechsspurige Autobahnen.
Die indische Regierung, die unter einem hohen Haushaltsdefizit leidet, tut sich aber mit der Finanzierung all der Projekte schwer. Die 4 Mrd. $, die Chidambaram in sein Budget einstellte, erschienen Beobachtern als Tropfen auf den heißen Stein. Für den Ausbau ländlicher Infrastruktur will Delhi auf die hohen Devisenreserven zurückgreifen - eine unter Ökonomen umstrittene Strategie.
Starres System
Die Regierung ist deshalb auf öffentlich-private Partnerschaften angewiesen. Doch um deren reibungslose Umsetzung zu gewährleisten, sind noch viele Änderungen am starren indischen System nötig, das bislang vom Staatssektor dominiert wird.
Bisher brauchen interessierte Investoren sehr viel Geduld, wenn sie in Indien zum Zuge kommen wollen. Als Testfall gilt der geplante Bau des Flughafens in Bangalore, der sich seit Jahren hinzieht. Ein privates Firmenkonsortium unter Führung von Siemens hält 74 Prozent der Anteile. Eigentlich soll der Bau in wenigen Wochen endlich beginnen, doch noch immer sind nicht alle Genehmigungsverfahren abgeschlossen. Für die bestehenden Flughäfen in Delhi und in Bombay werden private Betreiber gesucht. Um den Zuschlag bewerben sich unter anderem die Flughäfen Frankfurt und München sowie das Bauunternehmen Hochtief. Die Entscheidung für einen der zehn Interessenten soll bis Ende des Sommers fallen.
Ehrgeizige Strategie
Auch der Energiesektor soll geöffnet werden für private Beteiligungen. Für den Ausbau des nationalen Stromnetzes gibt es eine ehrgeizige nationale Strategie. Doch gerade hier seien Reformen erst am Anfang, sagt Hans-Wolfgang Busch, Leiter des Referats für Süd- und Südostasien im Wirtschaftsministerium in Berlin.
Die Preise seien wegen staatlicher Subventionspolitik für Energiekonzerne nur schwer kalkulierbar. "Aber die Inder sind dabei, sich einen modernen Rahmen zu geben", gibt Busch sich zuversichtlich.
Während die Unternehmen mit dem Einstieg in die Stromerzeugung noch etwas warten, verdient Siemens schon einmal Geld damit, überschüssigen Strom in unterversorgte Regionen umzuleiten. Der Umsatz in der Sparte "Power Transmission and Distribution" stieg im Geschäftsjahr bis September 2004 um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, das Auftragsvolumen - um 155 Prozent.