Es wird immer noch viel gezeltet in diesem Sommer. Aber nur auf Campingplätzen und nicht mehr in öffentlichen Parks. Occupy war einmal. In New York und London genauso wie in Kiel, Düsseldorf und Frankfurt. Zuletzt hat die kapitalismuskritische Bewegung ohnehin nicht mehr die Politikspalten und Feuilletons großer Zeitungen besetzt, sondern nur noch die Lokalseiten der Regionalzeitungen. Und da stand nichts vom Kampf gegen ein pervertiertes Finanzsystem und soziale Ungleichheit, sondern von Problemen mit Ratten, Müll und Obdachlosen.
"Eine Idee lässt sich nicht räumen", lautet die Hinterlassenschaft der letzten Occupy-Getreuen. Es ist die Ausflucht einer Bewegung, in der sich nichts mehr bewegt. Wenn ihre Anhänger behaupten, sie lebe weiter in Projekten und anderen Protestformen, betrügen sie sich selbst. Occupy ist klinisch tot.
Als Occupy Wall Street im Herbst vergangenen Jahres den Zuccotti-Park in Manhattan in Beschlag nahm, eroberte ein Slogan die Welt: "Wir sind die 99 Prozent." Überall formierten sich Wutbürger gegen einen zu starken Einfluss der Reichen auf Politik und Gesetzgebung, gegen deren "hemmungslose Gier" und die ungezügelte Macht der Banken. Im antikapitalistischen Kulturpessimismus, den die Finanzkrise verursacht hatte, gewannen die meist jungen Leute schnell Sympathien. Ökonomen und Philosophen stellten sich auf ihre Seite, und selbst Politiker - Repräsentanten des kritisierten Systems - hielten es für opportun, Occupy ernst zu nehmen. In ihrem plötzlichen Bedeutungsüberschwang übersah die Bewegung jedoch schon damals, dass sie bestenfalls das eine Prozent ist und nicht die 99 Prozent, die sie für sich reklamierte.
Aber mit dieser Selbstüberschätzung steht die Protestgemeinde nicht allein. Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften und einer der Occupy-Vordenker, stellte das Jahr 2011 in eine Linie mit 1848 und 1968. Er betrachtete es als Wendepunkt, der den epochalen Bürgerrevolutionen und Studentenrevolten in nichts nachsteht. Doch wie radikal wirkt 2011 tatsächlich nach? Ist es schon ein Coup, dass US-Präsident Barack Obama seine State-of-the-Union-Rede dem Thema Ungleichheit widmete? Und dass SPD-Chef Sigmar Gabriel Bankenschelte betreibt? Ein bisschen zu dürftig als Ergebnis einer Revolte, die sich zu einer Revolution auswachsen könnte, wie David Graeber, Occupys Mastermind, mutmaßte.
Als Anthropologe hat er seinem Lesepublikum nach Analyse von 5000 Jahren Menschheitsgeschichte die provokante Theorie geliefert, dass Revolten immer dann entstehen, wenn Schulden nicht mehr zu begleichen sind. Als Anarchist hat er Occupy die falsche Richtung gewiesen. Graeber hielt es für kontraproduktiv, dass die Bewegung Forderungen stellt. In solch einem Moment gebe man seine Machtlosigkeit zu, argumentierte er. Ideologisch schlüssig: Wer den Staat abschaffen will, stellt ihm keine Forderungen - er könnte womöglich drauf eingehen. Strategisch jedoch verhängnisvoll: Bis heute weiß niemand so genau, wofür die Bewegung eigentlich steht und welche konkreten Ziele sie verfolgt.
Occupy war stark, solange in der Bevölkerung das aufgestaute Gefühl wallte, betrogen zu werden - von den Banken, von der Politik. Aber mit der Zeit ist dieses Gefühl abgestumpft. Sogar in Spanien, wo aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit und sozialer Kürzungen stets heiße Emotionen mitschwangen, ist die Stimmung spürbar abgekühlt.
Dabei hatte die spanische Bewegung noch einen anderen Vorteil: Sie beging nicht den Fehler, anarchistischer Einzelkämpfer bleiben zu wollen. Stattdessen vernetzte sie sich mit anderen gesellschaftlichen und politischen Gruppen und wurde Teil der Indignados, der Empörten. Das hat Occupy dort vor der Bedeutungslosigkeit bewahrt, wie sie in vielen anderen Ländern zu beobachten ist. Allerdings haben auch die Indignados keine Erfolge vorzuweisen. Trotz des Regierungswechsels in Madrid führt der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy die viel kritisierte Sparpolitik fort.
Inhaltlich zu diffus, organisatorisch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, politisch zu schwach - deshalb konnten die Occupy-Aktivisten nie den Einfluss gewinnen, den sie beanspruchten. Dazu hätten sie die Auseinandersetzung auch intern führen müssen. Einigkeit herbeiführen müssen, wo Uneinigkeit herrschte. Diesem Zwang haben sie sich entzogen, um nicht daran zu zerbrechen - und sind darüber zerbrochen.
Mit der Räumung der Zeltstädte bestätigt sich die Einschätzung von Tom Hayden, einem der wichtigsten US-Studentenführer in den 60er-Jahren: Das Einzige, was Occupy zusammenhielt, waren die Camps. "Hätte die Polizei sie am ersten Tag angegriffen, wäre vielleicht alles am ersten Tag vorbei gewesen." So wurden daraus zehn Monate. All jene, die das Ende nicht wahrhaben wollen, trösten sich mit der Ausrede, immerhin habe Occupy ganz viele Leute geprägt. Aber genau das hat die Bewegung aufgrund ihrer Fehler versäumt.
Es wird keine Occupy-Generation geben. Und das ist bedauerlich. Zum einen, weil die Politik jenseits des klassischen Lobbyismus ruhig Druck verspüren darf. Zum anderen, weil unsere sehr dem Privaten zugewandte Gesellschaft wieder politischer werden sollte.
... der Wunsch der Vater des Gedankens. Natürlich will das Bankerpack sich der unbequemen Kritik entledigen. Ich glaube kaum das viele Leute auf dieses unqualifizierte Lohngeschreibsel hereinfallen. Wenn doch, vielleicht umso besser. Lassen wir das Gesindel sich in Sicherheit wiegen und weiter fleissig die Menschen bestehlen. Umso schneller führt das dumme Pack seinen eigenen Untergang herbei. Denn der kommt. Unaufhaltsam. Und von niemandem effektiver angetrieben als den Dieben selber.