In der kalten Jahreszeit drohen Südkorea wieder einmal Stromausfälle. Die Unternehmen werden zum Energiesparen verpflichtet. Der Präsident hat Rat für seine Mitbürger parat, wie sie sich kleiden sollen. von Georg Fahrion, Berlin
Im Jahr 2008 hatte Thilo Sarrazin eine Idee. Wer unter hohen Heizkosten ächze, empfahl der damalige Berliner Finanzsenator, möge sich überlegen, ob man "mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben" könne. Die Republik schrie auf, politische Gegner schäumten über Sarrazins "soziale Kälte", Parteifreunde gingen auf Distanz.
Südkoreas Präsident Lee Myung-bak
Mit größerer Umsetzungschance wird der Vorschlag nun wiederbelebt: von Südkoreas Präsidenten Lee Myung-bak. "Ich habe kürzlich an meinem Arbeitsplatz das Thermostat heruntergedreht", verkündete er vergangene Woche. "Natürlich musste ich deshalb wärmere Unterwäsche anziehen." Seine Landsleute sollten es ihm gleichtun.
Hinter Lees Bekleidungstipps verbirgt sich ein Problem, das die Exportnation seit Jahren plagt: In schöner Regelmäßigkeit wird der Strom knapp. Zwar baut Südkorea seine Kapazitäten aus, momentan wird etwa ein Gezeitenkraftwerk auf den Regelbetrieb vorbereitet. Doch auch die Nachfrage ist in die Höhe geschnellt - unter anderem, weil die Wirtschaft nach 6,2 Prozent 2010 auch in diesem Jahr kräftig gewachsen ist.
Dazu kommt das Konsumverhalten der Bürger. Die Regierung hält den Strompreis künstlich niedrig, weshalb es wenig Anreize zum Energiesparen gibt: So drehten die Südkoreaner im ungewöhnlich heißen September ihre Klimaanlagen auf und verursachten dadurch einen Stromausfall, der mindestens zwei Millionen Haushalte traf. Im vergangenen Rekordwinter wiederum hatten viele Geschäfte elektrische Heizkörper vor ihren Schaufenstern installiert, damit Passanten beim Bummeln nicht frieren mussten.
Nun sinken die Temperaturen wieder. Bei erneuten Blackouts fürchtet die Regierung wirtschaftliche Schäden "unvorstellbaren Ausmaßes". Daher hat sie großen Unternehmen aufgetragen, an bestimmten Tagen ihren Stromverbrauch um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr herunterzufahren. 19.000 Regierungsstellen dürfen ihre Büros auf nicht mehr als 18 Grad Celsius heizen. Auch die Bürger sollen sparen, wo es nur geht. Fernseher aus, Heizung runter, Pullover an.
Der Präsident hat sich in der unwirtlichen Situation offenbar eingerichtet. "Zuerst fand ich sie unbequem, aber nach einer Weile habe ich mich daran gewöhnt", sagte Lee über seine neue Thermo-Untergarnitur. "Inzwischen fühle ich mich darin warm und gemütlich."
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