Martin Benninghoff ist Redakteur im FTD-Kommentarteam
Nur ein Augenblick, dann fiel das flackernde Licht der Glühbirne zum ersten Mal an diesem Abend aus. Das Gemurmel an den beiden Tischen erstarb, doch schon Sekunden später erschien die Kellnerin mit einer brennenden Kerze in der Hand, die sie in einer Wandhalterung platzierte. Anerkennendes Raunen wuchs zu einem Applaus für das an sich lapidare Schauspiel. Stromausfall im Plattenbau, das ist doch was, das erwartet man als westlicher Reisender in Nordkorea; erst recht in dieser düsteren Stadt unweit der demilitarisierten Zone zum Geschwisterfeind Südkorea, Kaesong, wo die Statue des Staatsgründers Kim Il-sung am hellsten über die ausladenden, aber fast menschenleeren Straßen strahlt. Vergessen die Suppe mit dem wie Hühnchen schmeckenden Hundefleisch, die in einer Terrine vor sich hindampft. Hund wird auch im Süden gegessen, da ist ein Stromausfall doch weitaus landestypischer!
Auch mich fasziniert das Grau und Grauen der Diktaturen dieser Welt, und mir ist klar, wie furchtbar dieser Satz - aus dem Zusammenhang gerissen - klingen muss. Meine Faszination speist sich aus Ekel vor den Machthabern, die sich hemmungslos bereichern, und Anerkennung der Menschen, die unter Repression ihr Leben meistern. Ich muss aber gestehen, das ist nur die halbe Wahrheit: Auch die monumentale Ästhetik der Diktaturen, ihre Architektur mit einfältig-klaren Linien und Symmetrien und ihr Hang zu Pomp und Pathos ziehen mich in den Bann. Eine Reise nach Nordkorea ist da nur die Fortführung von Guido Knopp mit anderen Mitteln.
Nicht wenige teilen diese Leidenschaft und halten eine kleine Tourismusindustrie am Leben. Die meisten seien zwischen 30 und 40 und männlich, sagt Henry, ein Brite, der in China eine kleine Spezialreiseagentur betreibt, die sich ganz auf die Zielgruppe eingestellt hat: mit extravaganten Zielen wie dem Berg Paektu, wo der nordkoreanischen Staatslegende nach der verstorbene Despot Kim Jong-il geboren worden sein soll. Ein Blumenstrauß fürs Denkmal inklusive. Daneben gehören Weißrussland, Kuba und Myanmar zu seinen Zielen, aber auch die Schauplätze längst überwundener Diktaturen wie Rumänien, Albanien und, ja, auch das, Deutschland mit seinem Berliner Olympiastadion, Nürnberger Reichsparteitagsgelände oder dem Obersalzberg im Berchtesgadener Land.
Die Gruppenreise auf der Achse des Bösen ist dabei so etwas wie ein Ausbruch auf Zeit aus der ansonsten pathosfreien Zone Deutschland. Dass die Alliierten im Zweiten Weltkrieg nicht nur die schrecklichen Nazis hinweggefegt, sondern den Deutschen gleich noch den Hang zum militaristischen Pomp mitsamt pathetischer Symbolik ausgetrieben haben, ist wichtig gewesen. Erst auf diesen Trümmern konnte die Bundesrepublik aufbauen, die das Regieren nicht mehr als heroischen Akt, sondern als ein komplexes Verfahren ansieht. Doch Komplexität kann überfordern und in ihrer technokratischen Variante manchmal langweilen, und hier knüpft die Faszination für die Ästhetik der Diktaturen an.
Ein Beispiel liefert ein oft geklickter Internetlink: "Kim Jong-un is looking at things". Zu sehen: ein dicklicher Diktator Kim Jong-un, der mit seiner unterwürfigen Entourage Reisigbündel in einer Fabrik inspiziert oder Muscheln betrachtet - und das noch via staatliche Nachrichtenagentur als wegweisende politische Handlung verkauft. Primitiver - wohlwollender kann man auch sagen: reduzierter - hat sich politische Macht noch nie gezeigt. Menschen, die auf Reisen eine Auszeit nehmen von der Komplexität ihrer Heimat, der fein verästelten Zivilgesellschaft und dem lebendigen, aber anstrengenden Chaos der Städte, in denen sie leben, erleben diese Primitivität mitunter als interessant. Gerade Jüngere, die in vielerlei Hinsicht ein Patchworkleben führen, picken sich aus der Ästhetik von Diktaturen das raus, was sie fasziniert, ohne die Schattenseiten - Entrechtung, Leid und Tod der geknechteten Bevölkerungen - mitzubuchen.
Das kann man durchaus kritisch sehen, wenn daraus nicht nur eine harmlose Faszination für die Ästhetik, sondern für die erbärmlichen Diktatorengestalten erwächst: An dem Abend in Kaesong fielen mir ein paar Amerikaner am Nachbartisch unangenehm auf, die sich im Kerzenlicht, offenbar in Lagerfeuerstimmung, auf eine "Top Ten der Diktatoren" - wie beim Autoquartett - verständigten. Bei allen auf Platz eins: Adolf Hitler, danach Josef Stalin, ab dann wurde bunt gewürfelt. Die Stimmung wurde ausgelassener, erst recht nach dem dritten Bier. Und natürlich fielen irgendwann die Namen der nordkoreanischen Kims. Recht weit oben in den Top Ten!
Mir wurde etwas mulmig zumute, als mein Blick auf die beiden nordkoreanischen Fremdenführer fiel, die, etwas abseits der Gruppe, zusammenzuckten. Mit einer der beiden, einer jungen Frau, hatte ich kurz zuvor über ihre Schulzeit und die tägliche Stunde in der Staatsideologie "Juche" gesprochen - und über ihre Schwester, die sich vor einiger Zeit zur Hochzeit den "Segen" an einer der vielen Kim-Il-Sung-Statuen abgeholt hatte. Spott über den "Führer" kam in diesem Weltbild nicht vor. Sich über sie, die das Land nicht verlassen und sogar in Gefahr geraten können, lustig zu machen, war abstoßend.
Vielmehr ist die Ästhetik der totalitären Architektur mit den menschenleeren Aufmarschplätzen, den heldenhaften Reiterdenkmälern und den wuchtigen, autofreien Straßenzügen der Stein und Asphalt gewordene Ausdruck einer politischen Übersichtlichkeit, die ihresgleichen sucht. Westliche Fernsehzuschauer konnten dies zuletzt bei den Massenaufmärschen zu Ehren Kim Il-sungs in Pjöngjang am vergangenen Wochenende erleben. Schön sind diese Bilder nicht. Interessant sind sie aber allemal: Jedes dieser inszenierten Bilder dient dem Machterhalt der Führungsclique durch Ikonografie - durch und durch mit Symbolik überladen.
Bei der Gelegenheit lernt man als Reisender die relative Symbolarmut Deutschlands schätzen, die Veränderung und Wandel erst ermöglicht, Beispiel Atomkraft: Atomkraftwerke galten zwar auch hierzulande lange als fortschrittlich und als Lösung vieler Energieprobleme, nie jedoch als allein seligmachende, geradezu sakral aufgeladene Gotteshäuser des technologischen Fortschritts, als Versprechen für die Zukunft, das weithin in den Himmel ragt. Technik wird nicht als Symbol einer Ideologie sakralisiert, sondern nach pragmatischen Gesichtspunkten entweder gefördert oder abgeschaltet - tendenziell zumindest. So ist selbst das kapitalistisch-marktwirtschaftliche Deutschland zu einem umfassend planwirtschaftlichen Eingriff - der Energiewende - imstande, wenn die Zeit gekommen ist.
Eine totalitäre Diktatur ist meist zu einem solchen Umdenken nicht in der Lage. Nordkorea hält eisern an seiner Schwerindustrie fest, weil deren Symbolträger, der werktätige Arbeiter, zugleich ein wichtiger Fackelträger des Regimes ist; selbst wenn die Rohstoffe ausgehen, der Strom ausfällt, Ersatzteile fehlen und kein anderes Land die veralteten Produkte mehr kaufen will. China hat das begriffen und den ideologischen Ballast aus der Zeit Maos weitgehend abgeworfen, der den technologischen und wirtschaftlichen Wandel einst lähmte.
Deutschland ist zum großen Teil, allerdings nicht gänzlich frei von lähmender Symbolik: Die große Moschee in Köln geriet zum Beispiel in der Bauphase zu einem riesengroßen Symbol für eine, je nach Standpunkt, angebliche Islamisierung Deutschlands oder eine angeblich gelungene Integration. Symbolkapital, das tonnenschwer auf einem einfachen Gebäude lastet. Mit den Inhalten, die künftig in der Moschee gepredigt werden, hätte man sich besser beschäftigen sollen, das wäre eine pragmatischere Herangehensweise gewesen.
Deshalb ist es klug, die politischen Bauten nicht symbolisch zu überladen. Der Reichstag ist weit davon entfernt, ein Hurra-Prunkbau längst vergangener Tage zu sein. Stattdessen betont die Mischung aus Alt und Neu die Wunden der Republik, verstärkt durch die Inschriften der russischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg - und lenkt nicht ab von den Abgeordneten und ihrer legislativen Arbeit. Westdeutschland hatte den Trend zu sparsamer Symbolik schon mit dem Bonner Kanzleramt begründet ("rheinische Sparkasse"). Andererseits fehlt einem manchmal die Begeisterung für solche Zweckbauten - Emotionen wecken die weniger.
Nur kann eine Emotionalisierung zu blinder Begeisterung oder Ablehnung führen, die wenig Platz zum Nachdenken lässt: Nicht zuletzt seine pathetischen Inszenierungen haben dazu beigetragen, dass Hitlers Architekt Albert Speer in der Nachkriegszeit zum "guten Nazi" stilisiert wurde. Noch immer zeigt das Fernsehen jede Menge Dokumentationen zu Speers Gigantomanie - viel seltener über seine Kriegsverbrechen.
Es ist gut, dass Deutschland heutzutage einen anderen Weg beschreitet: Auch in Berlin ist kein Platz mehr für "Germania"-Träume, stattdessen wird im Kanzleramt, der "Waschmaschine", mal mehr, mal weniger heiß gewaschen - Hauptsache eben, die Flecken gehen raus.