Die 43-jährige Archäologin Susanne Osthoff und ihr Fahrer in der Mitte ihrer Entführer
"Deutschland ist nicht geschützt", sagte Guido Steinberg, Nahost-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, FTD Online am Mittwoch. "Wir sind mit auf der Zielliste der Islamisten. Vielleicht nicht ganz vorne wie die USA, Großbritannien oder Italien. Aber direkt dahinter."
Die Weigerung der alten Regierung, sich am Krieg gegen den Irak zu beteiligen, ändert daran nach Ansicht der Experten nichts. Schließlich bilde Deutschland irakische Polizisten und Soldaten aus und helfe beim Wiederaufbau des Landes. Außerdem nehme es am Einsatz in Afghanistan teil und sei Teil der internationalen Anti-Terrorallianz. Deshalb gehöre Deutschland aus Sicht der islamistischen Terroristen zu den Verbündeten der USA. "Deutschland steht als Mitglied des Kreuzfahrerbündnisses mit im Fokus", sagte der Terrorismus-Experte Kai Hirschmann FTD Online.
"Die deutsche Innenpolitik ist den Terroristen unbekannt"
Uneinig sind sich die Fachleute, ob es einen Zusammenhang zwischen der Entführung und dem Regierungswechsel in Berlin gibt. Steinberg sieht wie sein Kollege Henner Fürtig vom Deutschen Orientinstitut keinen direkten Zusammenhang. Fürtig wies darauf hin, dass die Geiselnahme offenbar längfristig vorbereitet worden sei, also vor der Wahl von Angela Merkel zur Kanzlerin, die den Amerikanern näher steht als ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Darauf deute auch hin, dass die entführte Sabine Osthoff bereits im Sommer Drohungen erhalten habe. "Die Details der deutschen Innenpolitik dürften den islamistischen Terroristen unbekannt sein", so Fürtig.
Hirschmann glaubt dagegen, dass es kein Zufall war, dass Frau Osthoff gerade jetzt entführt wurde. Die Terroristen wollten die politische Botschaft an die neue Regierung in Berlin senden: "Unterstützt nicht die USA im Irak!"
Der Berliner Terrorismus-Fachmann Berndt Georg Thamm schließt ebenfalls einen Zusammenhang mit dem Regierungswechsel in Deutschland nicht aus. Unter den Islamisten gebe es einige "strategisch kluge Köpfe". Sie wollten möglicherweise "testen, ob die neue Regierung ihre Frau steht". Thamm wies auf die Anschläge von Madrid im März 2004 hin. Auch damit hätten die Terroristen gezielt Einfluss auf die spanische Irak-Politik und die Wahlen in dem Land nehmen wollen.
Geiselnahme als Waffe
Anders als seine Kollegen hält Thamm allerdings auch für möglich, dass es den Entführern eher um Lösegeld als um politische Ziele geht. Im Irak, aber etwa auch im Nordkaukasus, sei eine regelrechte Entführungsindustrie entstanden. "Geiselnahmen sind zu einer Waffengattung in der asymetrischen Kriegsführung der Dschihadisten geworden. Die verbreiten damit nicht nur Angst und Schrecken, sondern füllen auch ihre Kriegskasse auf."
Teilweise arbeiteten dabei Terror-Gruppen und kriminelle Banden Hand in Hand. "Nicht selten werden die Opfer von Verbrechern entführt und dann meistbietend an Terrorgruppen versteigert." Bisweilen werde der "schnöde pekuniäre Aspekt" mit unerfüllbaren politischen Forderungen verbrämt.
Helfer schlecht geschützt
Dass die Kidnapper ausgerechnet eine Helferin entführten, halten die meisten Fachleute für Zufall. "Jeder westliche Ausländer, der in dem Land ist, ist aus der Sicht der Terroristen ein Kombatant. Bei den vielen Ausländern, die in dem Land entführt werden, war es nur eine Frage der Zeit, dass es jetzt auch einmal eine Deutsche traf", sagte Fürtig. Freiwillige Helfer seien zudem oft schlechter geschützt als Mitarbeiter von Firmen oder Nicht-Regierungsorganisationen, so Hirschmann.
Die Chancen, die deutsche Geisel zu befreien, hängt nach Einschätzung der Experten davon ab, welche Gruppe hinter der Entführung steckt. "Wenn es tatsächlich die Gruppe von al-Sarkawi ist, werden Verhandlungen kaum möglich sein", sagte Thamm. Abu Mussab al-Sarkawi führt den irakischen Ableger des Netzwerkes al-Kaida und war an mehrere Entführungen im Irak beteiligt. Er operiert weit gehend eigenständig und ist nach Einschätzung von Thamm von Außen kaum beeinflussbar.